Die Überglücklichen

Nachdem Paolo Virzì mit „Die süße Gier“ eine Satire auf die Wirtschaftskrise in Italien drehte, folgt nun ein beschwingtes Roadmovie, das nicht minder in seinem Heimatland verankert ist. „Die Überglücklichen“ aus dem Titel sind zwei Frauen, die gemeinsam aus einer Psychiatrie ausbrechen und quer durch die sommerliche Toskana flüchten. Mit zwei herausragenden Hauptdarstellerinnen und jeder Menge Dialogwitz gelingt Virzì eine unterhaltsame, mediterrane Tragikomödie rund um Freundschaft und den Ausweg aus einer krisengeschüttelten Lebensphase.

Webseite: www.die-uebergluecklichen.de

OT: La pazza gioia
Italien, Frankreich 2016
Regie: Paolo Virzì
Drehbuch: Paolo Virzì & Francesca Archibugi
Darsteller: Valeria Bruni Tedeschi, Micaela Ramazzotti, Valentina Carnelutti, Tommaso Ragno, Bob Messini, Sergio Albelli, Anna Galiena
Länge: 118 Min.
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 29. Dezember 2016

PRESSESTIMMEN:

„Ein großartiger Film… mit zwei überwältigenden Hauptdarstellerinnen.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung

FILMKRITIK:

Beatrice (Valeria Bruni Tedeschi) plappert ohne Punkt und Komma, wobei Wahrheit und Lüge bruchlos ineinander übergehen. Angeblich wird sie aus unlauteren Gründen in der luxuriösen Nervenheilanstalt „Villa Biondi“ festgehalten, doch ob das stimmt, steht in den Sternen. Dass Beatrice gern mal flunkert, merkt auch die junge Donatella (Micaela Ramazzotti) kurz nach ihrer Einweisung in die Psychiatrie. Die neugierige Beatrice gibt sich nämlich kurzerhand als Ärztin aus und befragt die Neue über ihren seelischen Zustand. Zwischen Gartenarbeit und Gruppentherapie entdecken die Frauen ihre große Sympathie füreinander, büxen aus der Anstalt aus und begeben sich auf einen Road Trip quer durch die blühende Landschaft der Toskana.
 
Man könnte sagen, dass Paolo Virzì mit seiner Tragikomödie „Einer flog übers Kuckucksnest“ mit „Thelma & Louise“ kreuzt. Unterwegs wachsen die Frauen nicht nur zu einem gut eingespielten Duo zusammen, sondern stellen sich auch ihren seelischen Leiden. Die überspannte Beatrice, eine Gräfin aus der italienischen Oberschicht, leidet an einer bipolaren Störung. Zwischen manischen Hochphasen und depressiven Downs verarbeitet sie ihre unglückliche Liebe zu einem Kriminellen, der ihrer betuchten Familie ein Dorn im Auge ist. Drastischer fällt die Vorgeschichte von Donatella aus, die sich und ihrem kleinen Sohn das Leben nehmen wollte. Ihre Vergangenheit wird in den gelegentlich eingestreuten Rückblenden jedoch kaum thematisiert. Allein schon wegen der hohen Anzahl an Wortkaskaden dominiert Valeria Bruni Tedeschi als Plaudertasche und Flunkerin Beatrice den Film.
 
Das Tragische und das Komische fließen in „Die Überglücklichen“ – wie so oft im echten Leben – ineinander. Der leichte Tonfall und die Heiterkeit vieler Szenen gehen indes nicht immer mit der Ernsthaftigkeit der dargestellten psychischen Probleme zusammen. Ein paar Graustufen hätten nicht geschadet, denn in ihrer klaren Zeichnung sind Beatrice und Donatella nicht nur die Überglücklichen, sondern auch die Überdeutlichen. Beim emotionalen Finale findet Paolo Virzì aber den richtigen Tonfall, die „leichten“ und „schweren“ Elemente seines aufgeräumt und farbenfroh bebilderten Feelgood-Dramas zu verbinden.
 
Das Herzstück der Tragikomödie ist die Frauenfreundschaft zwischen Beatrice und Donatella, die Valeria Bruni Tedeschi („5×2 – Fünf mal zwei“) und Micaela Ramazzotti („Anni Felici – Barfuss durchs Leben“) sehr einnehmend und grundsympathisch verkörpern. Die Extremsituation der Flucht schweißt die eigentlich recht unterschiedlichen Frauen umso schneller zusammen. Die sommerliche Landschaft der Toskana erweist sich dabei als Spiegelung der Hoffnung, die das Abenteuer der Freundinnen am Rande des Nervenzusammenbruchs umweht. Letztlich ist „Die Überglücklichen“ nämlich ein durch und durch lebensbejahender Film, der seinen Figuren eine Chance auf Besserung einräumt. Das zu sehen, tut gut. Denn schließlich sind wir doch alle ein bisschen Bluna, nicht wahr?
 
Christian Horn
 

Beatrice und Donatella könnten nicht unterschiedlicher sein. Beatrice ist eine lebenslustige Adlige, die ein Teil der High-Society war. Donatella hingegen ist depressiv und wollte sich umbringen. Eine Gemeinsamkeit gibt es jedoch: beide befinden sich in einer psychiatrischen Klinik in der Toskana. Eines Tages nutzen sie die Chance zur Flucht und versuchen, Donatellas kleinen Sohn zu finden. Das vor Energie und ansteckender Lebensfreude übersprudelnde Roadmovie „Die Überglücklichen“ macht deutlich, das ein wenig Verrücktheit noch niemandem geschadet hat. Hervorzuheben ist vor allem das überragende Spiel der  Hauptdarstellerinnen, deren unterschiedliche Figuren sich prächtig ergänzen.
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Gräfin Beatrice (Valeria Bruni Tedeschi) wird in die Villa Biondi eingewiesen, einer rustikalen Psychiatrie in der Toskana. Einst war sie Teil der dekadenten High-Society und kannte die Schönen und Reichen. Doch sie verliebte sich in den falschen Mann und wurde daraufhin von der  Justiz ausgesondert. In der Anstalt angekommen, denkt Beatrice gar nicht daran, sich ihre Lebenslust von endlosen Therapiesitzungen oder eintöniger Gartenarbeit vermiesen zu lassen. Ihr Ziel: so schnell wie möglich auszubrechen. Eines Tages kommt mit der jungen Donatella (Micaela Ramazzotti), die meist in ihrer eigene Welt lebt, eine neue Patientin an. Beatrice nimmt Donatella sogleich unter ihre Fittiche. Kurze Zeit später ergreifen die Beiden eine zufällige Gelegenheit zur Flucht. Auf ihrer Reise quer durch die Toskana wollen die ungleichen Frauen Donatellas kleinen Sohn finden, der von einer anderen Familie adoptiert wurde.

Der Italiener Paolo Virzì staffiert seine Werke gerne mit skurrilen Protagonisten abseits der Norm, aus. So verhält es sich auch beim tragikomischen Roadmovie „Die Überglücklichen“, Virzìs erstem Film seit seinem Oscar-nominierten, Kapitalismus-kritischen Werk „Die süße Gier“. Der an Originalschauplätzen in der Toskana gedrehte Film feierte seine Premiere beim Filmfestival in Cannes 2016. Spätestens seit „Die süße Gier“ gilt Virzì als einer der erfolgreichsten Filmemacher seiner Heimat, der auch für die langjährige Arbeit mit seinen Schauspielern bekannt ist. So spielten auch die beiden Hauptdarstellerinnen in „Die Überglücklichen“, Valeria Bruni Tedeschi und Micaela Ramazzotti, bereits in früheren Filmen von Virzì mit.

Immer wieder weckt „Die Überglücklichen“ Erinnerungen an Klassiker des Roadmovies wie etwa „Thelma & Louise“ oder „Rain Main“. Allen Filmen ist gemein, dass sie über zwei Hauptfiguren verfügen, die sich auf der Suche nach dem persönlichen Glück auf eine ereignisreiche Reise begeben. Dabei könnten die Protagonisten aber gegensätzlicher nicht sein, dies zeigt sich gerade bei „Die Überglücklichen“. Beatrice ist die aufgedrehte, vor Lebenslust überschäumende Gräfin, die sich nach ihrer Ankunft in der Klinik sofort als umtriebige Herrin des Hauses aufspielt. Mit ihrem Sonnenschirm in der Hand und gehüllt in edle Kleider, stolziert sie wie eine Prinzessin über das Anwesen der Klinik. Im krassen Gegensatz dazu: die stille, tiefenbetrübte Donatella, die nicht verkraften kann, dass man ihr den Sohn weggenommen hat.

Der Film lebt zu weiten Teilen von der Gegensätzlichkeit dieser Frauen, die man auch als (personelle) Entsprechungen einer bipolaren Störung beschreiben könnte. Auf der einen Seite die manische, überschwängliche Beatrice, auf der anderen die depressive, von Schwermut und Melancholie durchzogene Donatella. Die beiden Darstellerinnen erfüllen ihre schauspielerischen Aufgaben mit Bravour und vor allem Valeria Bruni Tedeschi ist es, die mit kaum zu bändigender Energie und außerordentlichem Charisma, die gebrochene Dame von Welt gibt. In der Klinik lässt die schroffe, teils fast despotisch auftretende Adlige alle Beteiligten deutlich spüren, aus welchen Kreisen sie stammt. Großartig ist eine Szene, in der sie sich als Teil des Klinikpersonals ausgibt, und einer ahnungslosen Patienten (Donatella) gegenüber die erfahrene Medizinerin spielt. Oder wenn sie des Nachts ihren Richter kontaktiert, um ihre Entlassung zu fordern.

Diese Momente machen klar: obwohl immer wieder auch Ernsthaftigkeit und durchaus tragische Töne mitschwingen (u.a. wenn sich der wahre Grund für Donatellas Einweisung offenbart), machen den Film in erster Linie seine heiteren, fröhlichen Augenblicke aus – und natürlich die ansteckende Energie und der großen Optimismus Beatrices. Während der Zeit in „Freiheit“ nach der geglückten Flucht, erleben die Beiden Verrücktes und Abenteuerliches. Sie gehen feiern, stehlen Autos und holen sich das Recht auf Spaß und Ausgelassenheit zurück. Letztlich ist Virzìs Werk gerade in diesen Szenen auch ein liebevoller Verweis darauf, dass ein wenig Verrücktheit durchaus auch seine Vorzüge hat.

Björn Schneider