Die Unsichtbare

Nach seinem Erfolgsfilm „Novemberkind“ legt Christian Schwochow mit „Die Unsichtbare“ einen überzeugenden Nachfolger vor. Das im Theatermilieu angesiedelte Drama beschreibt die emotionale Achterbahnfahrt einer jungen Schauspielerin, die von einem egozentrischen Regisseur zur kompletten Entblößung ihres Innersten gedrängt wird. Ein stark gespielter, vor allem in seiner Darstellung der Theaterarbeit überzeugender Film.

Webseite: www.dieunsichtbare-film.de

Deutschland 2011
Regie: Christian Schwochow
Buch: Heide Schwochow, Christian Schwochow
Darsteller: Stine Fischer Christensen, Ulrich Noethen, Dagmar Manzel, Ronald Zehrfeld, Anna Maria Mühe, Ulrich Matthes, Gudrun Landgrebe, Corinna Harfouch
Länge: 113 Minuten
Verleih: Falcom Media, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 9. Februar 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Du bist unsichtbar!“ wird der jungen Schauspielschülerin Josephine, genannt Fine (Stine Fischer Christensen) gesagt, nachdem sie bei einem wichtigen Vorspiel auf der Bühne eingeschlafen ist. Doch gerade dieses Malheur, dieses Andersartige, fasziniert den ebenso berühmten wie egozentrischen Regisseur Kaspar Friedmann (Ulrich Noethen). Am Schauspielhaus der Stadt (unschwer als Volksbühne in Berlin zu erkennen, wobei Bezüge in der Darstellung von Theaterbetrieb und besonders der Arbeitsweise des Regisseurs wohl nicht als unmittelbarer Kommentar zu bekannten realen Regisseuren der Volksbühne zu verstehen sind.) will er mit Schauspielstudenten ein Stück inszenieren. „Camille“ heißt dieses fiktive Drama, das mit seiner latent selbstzerstörerischen Hauptfigur, die sich in wahllose sexuelle Abenteuer stürzt, ein wenig an Wedekinds „Lulu“ erinnert. Die introvertierte, fast mäuschenhafte Fine bekommt zur Überraschung aller die Hauptrolle der Camille anvertraut – und sieht sich schnell mit ihren Grenzen konfrontiert. Immer mehr fordert Friedmann von ihr, immer tiefer will er in ihre Seele blicken, ihre tiefsten Verletzungen anbohren, um sie für die Rolle zu benutzen. Und Fine hat, wie es Regisseur und Regieassistent ganz pragmatisch auf den Punkt bringen, genau deswegen die Rolle bekommen: Weil sie einen Knall hat.

Die Verschmelzung von Bühne und Realität, von Rolle und wahrer Identität ist ein beliebtes Sujet, das zuletzt etwa Darren Aronofsky in „Black Swan“ auf so überzeugende Weise umgesetzt hat. So ist es kaum zu vermeiden, dass in „Die Unsichtbare“ oft Motive, Figuren, Situation zu erkennen sind, die man so oder so ähnlich schon oft gesehen hat. Im Gegensatz zu Aronofsky, der seine Erzählung zu überdrehtem Camp steigerte, bemüht sich Schwochow – der das Drehbuch zusammen mit seiner Theatererfahrenen Mutter Heide schrieb – um Realismus. Besonders die Schilderung der Arbeit am Theater, die mühsamen Proben, die Versuche, sich dem Wesen der Rolle mit allen Mitteln zu nähern, zählen dadurch zu den stärksten Momenten des Films. Nicht zuletzt dank der exzellenten Darstellung Ulrich Noethens als Regisseur. Dessen Beziehung zu Fine, seine Versuche die etwas unbedarfte, fast naive junge Frau für seine Kunst, seine Vision bis an die Grenzen ihrer psychischen und physischen Fähigkeiten zu bringen, bilden das Zentrum des Films, um das Schwochow einen Wust an Nebenschauplätzen kreiert hat.

Wichtigstes Element hierbei ist Fines schwerbehinderte Schwester Jule (geradezu erschreckend überzeugend gespielt von Christina Drechsler), die von der allein erziehenden Mutter (Dagmar Manzel) immer mehr Aufmerksamkeit bekommen hat als Fine selbst. Andere Aspekte wirken dagegen verschenkt: Fines Freundschaft zu einer Schauspielkollegin/ -konkurrentin, eine Romanze mit einem Nachbar, vor allem aber die erst aufwändig eingeführte Enthüllung, dass Fine noch Jungfrau ist – angesichts des sexuell aufgeladenen Stücks ein eigentlich durchaus relevanter Aspekt – der dann dramaturgisch völlig ignoriert wird. Dennoch ist „Die Unsichtbare“ erneut ein starker Film von Christian Schwochow, der es nicht zuletzt versteht, seine Geschichten in prägnanten Bildern zu erzählen, die sich nie in den Vordergrund spielen. Der gehört auch hier ganz den Schauspielern – und das ist es letztlich, was „Die Unsichtbare“ auszeichnet.

Michael Meyns

Josephine Lorentz ist Schauspielschülerin. Ein sehr leichtes Leben hat sie nicht gerade: Eine schwer behinderte Schwester und eine vergrämte Mutter, die von ihrem Ehemann verlassen wurde, teilen ihr Dasein.

Wie alle Schauspielschüler will sie etwas erreichen. Beim Casting zu dem Drama „Camille“ geht es beinahe schief für sie. Und doch, sie hat Glück. Wider Erwarten und zur großen Enttäuschung einer Kollegin wird sie für die Hauptrolle ausgewählt. Der Regisseur Kaspar Friedmann scheint ein Gespür für das Aparte, das Außergewöhnliche, das notfalls bis zum Extremen Reichende zu haben.

Das Problem: Die Theaterfigur „Camille“ ist ein Vamp, eine, die für den Sex („das ist wie Kuchenessen“) alles zu machen bereit ist. Also das genaue Gegenteil von Josephine, „Fine“ genannt.

Der künstlerische Kampf beginnt. Friedmann ist ein Verrückter, der Fine nahe an den Zusammenbruch treibt. Dennoch ist sie in gewisser Weise fasziniert von dem Mann. Nach einigen gemeinsamen Proben und Gesprächen ist es dann bis zum Sex nicht mehr weit.

Aus ihrer Unsicherheit und der Suche nach dem richtigen Ausweg heraus kommt es auch zu einem kurzen Liebes- und Sexintermezzo mit einem Nachbarn, einem Tunnelbauer. Der Mann wäre o. k., doch Fine ist noch viel zu zerfahren, viel zu sehr von Friedmann getrieben, viel zu sehr durch die eigene Familie belastet. Es wäre der richtige Mann, ist aber der falsche Zeitpunkt.

Und noch mehr Rückschläge. Die Theaterproben gehen jetzt über die menschlich erträgliche Grenze hinaus. Sie stoßen ans Tabulose, Sadistische. Wenn es um Schauspiel geht, ist Friedmann, einst selbst gestrandet, ein Rasender. Fines Selbstmordversuch ist eine logische Folge. Wird sie bis zur Premiere alles schaffen?

Christian Schwochow legte mit „Novemberkind“ einen sehr beachtlichen Debütfilm vor. Also musste, sagt er, auch die nächste Produktion „Spitze“ sein. Mit seiner Mutter Heide schrieb er das Drehbuch. Herausgekommen ist nun ein von den einzelnen Milieus (Schauspiel, Familie und Liebe) her ein ziemlich lebendiges Ergebnis.

Josephines Kampf und Friedmanns Fanatismus kann man miterleben, akzeptieren oder übertrieben finden – jedenfalls ist schauspielerisch alles toll gelungen. Die Dänin Stine Fischer Christensen als „Fine“ ist eine Entdeckung, die man hoffentlich noch oft zu sehen Gelegenheit haben wird. Sie geht von der dezenten Stille bis zur völligen Verausgabung. Eine Leistung.

Ulrich Noethen spielt hier gegen seine gewohnten Rollen, sozusagen gegen den Strich. Aber dass er ein exzellenter Darsteller ist, beweist sich natürlich auch wieder in der „Unsichtbaren“.

Thomas Engel