Die verborgenen Farben der Dinge

Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie: eine blinde Physiotherapeutin. Er: ein karrieregeiler Werbefuzzi. Trotzdem finden sie zusammen. Aber irgendwie ist ihm die Sache nicht so ganz geheuer. Romantische und anspruchvolle Liebesgeschichte des italienisch-schweizerischen Regisseurs Silvio Soldini, die authentisch die Lebenswelt Sehbehinderter beschreibt und durch viele kleine Beobachtungen am Wegesrand überzeugt. In der weiblichen Hauptrolle brilliert Valeria Golino.

Webseite: www.filmkinotext.de

Il colore nascosto delle cose
Italien / Schweiz 2017
Regie: Silvio Soldini
Darsteller: Valeria Golino, Adriano Giannini, Arianna Scommegna, Laura Adriani
Länge:116 Min.
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 26.7.2018

FILMKRITIK:

Eine Liebesgeschichte wie so viele andere, so könnte man zunächst meinen. Und doch ist hier, im neuen Film von Silvio Soldini („Brot und Tulpen“), etwas anders als sonst. Der Film beginnt im Dunkeln. Teo (Adriano Giannini), ein oberflächlicher, selbstverliebter Werbefachmann und Frauenheld, hat sich mit Kollegen von der Agentur in ein sogenanntes „Dark Museum“, vergleichbar mit dem Hamburger „Dialog im Dunkeln“, begeben. So richtig wohl fühlen sie sich hier nicht, es ist stockfinster, die Dinge lassen sich nur ertasten, den Weg findet man nur auf Zuruf. Führerin der Gruppe ist Emma (Valeria Golino), deren raue Stimme Teo sofort auffällt. Emma arbeitet als Physiotherapeutin. Ihr Augenlicht hat sie mit 16 Jahren verloren. Das hindert sie allerdings nicht daran, aktiv am Leben teilzunehmen. Teo hingegen findet die Idee, eine blinde Frau zu daten, durchaus reizvoll. Emma ist nicht nur schön, sondern auch anders, ihre scheinbare Hilflosigkeit verleiht dem Playboy eine gewisse Dominanz, so glaubt er zumindest. Aus dem Flirt wird eine Beziehung. Aber Teo ist sein Interesse für die schöne Frau wegen ihrer Behinderung nicht so ganz geheuer. Emma hingegen ist nicht dumm. Sie durchschaut die Fassade des gefühlsarmen Kerls, eine gemeinsame Zukunft rückt urplötzlich in weite Ferne.
 
Die Geschichte einer Liebe mit Hindernissen also, romantisch und doch anspruchsvoll, anrührend und doch vielschichtig. Silvio Soldini hatte bereits 2014 den Dokumentarfilm „Different Eyes“ gedreht, in dem es um den Alltag von Sehbehinderten geht, um ihre Lebensenergie, um ihren Willen, Hindernisse zu überwinden und „normale“ Tätigkeiten wie zum Beispiel Sport auszuüben. Die Recherchen für diese Dokumentation, angereichert mit Treffen und Gesprächen mit Sehbehinderten und deren Verwandten, flossen in Soldinis neuen Spielfilm mit ein. Fast schon realistisch, ohne jedes Pathos blickt er auf den Alltag von Blinden und macht ihn für den Zuschauer erfahrbar. Das große Plus des Films ist dabei Hauptdarstellerin Valeria Golino, die man noch als Tom Cruises Freundin aus „Rain Man“ kennt. Perfekt vollführt sie die Gesten einer Sehbehinderten, wir sehen sie beim Kochen, Einkaufen, Spazieren gehen mit einem Stock, beim Massieren der Patienten, die sie zwar nicht sehen, aber ertasten kann. „Auch wenn Sie es nicht glauben: Während der Dreharbeiten war ich blind! Ich schwöre es: Ich war blind! Wenn irgendetwas im Weg stand, bin ich davor gelaufen, so sehr hatte ich mir die Rolle angeeignet,“ sagt die Neapolitanerin im persönlichen Gespräch. Ohne Valeria Golino, auf der diesjährigen Berlinale in „Figlia Mia – Meine Tochter“ zu sehen, ist der Film vielleicht gar nicht denkbar. Darüber hinaus ist „Die verborgenen Farben der Dinge“ voller feiner Beobachtungen wie zum Beispiel Teos kleiner, automatischer Staubsauger, der sich seinen Weg zum Schmutz selber suchen muss. Auch hier geht es ums Schauen und Erkennen. Und ob Emma und Teo, diese beiden höchst unterschiedlichen Menschen in ihren höchst unterschiedlichen Lebenswelten, am Ende wieder zusammenfinden, kann jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.
 
Michael Ranze