Die Wache

Frankreichs wohl durchgeknalltester Regisseur, der in „Rubber“ einst schon einen Autoreifen (!) zum Serienmörder machte, gibt sich erneut die schräge Ehre. Diesmal erzählt Quentin Dupieux von einem leicht surrealen Verhör, bei dem der freundliche Verdächtige einen mürrischen Kommissar von seiner Unschuld überzeugen muss. Ein kafkaeskes Kammerspiel mit reichlich schwarzem Humor sowie überraschenden Wendungen der grotesken Art.

Webseite: www.littledream-entertainment.com

Frankreich 2018
Regie: Quentin Dupieux
Darsteller: Benoît Poelvoorde, Grégoire Ludig, Marc Fraize, Anais Demoustier, Orelsan, Philippe Duquesne, Jacky Lambert
Filmlänge: 74 Minuten
Verleih: Little Dream Entertainment
Vertrieb: 24 Bilder Film GmbH
Kinostart: 12.12.2019

FILMKRITIK:

Gleich die Ouvertüre gerät zum vergnüglichen Coup: Ein Dirigent, lediglich mit roter Unterhose bekleidet, eröffnet mit seinem Orchester mitten auf einer Wiese standesgemäß dieses schräge Spektakel. Nach einigen pompösen Paukenschlägen eilt prompt die Polizei herbei und führt den Musiker ab aufs Revier, wo Kommissar Buron just jenem Konzert im Radio lauscht. „Es wird eine lange Nacht!“, warnt der missgelaunte Ermittler den freundlichen Verdächtigen Fugain und reicht ihm immerhin seinen angebissenen Schokoriegel. Der pflichtbewusste Bürger hat eigentlich nur den Fund einer Leiche vor seinem Haus gemeldet, doch prompt wird er als Mörder verdächtig.
 
Immer und immer wieder will der Kommissar wissen, was der Verdächtige an diesem Abend getan hat. Penibel klappert er das Protokoll in eine alte Schreibmaschine. Als Buron sich eine kleine Pause gönnt, soll sein etwas trotteliger Assistent Philippe die Bewachung des Verdächtigen übernehmen. Den plagt nicht nur ein seltsames Augenleiden, er verwendet in jedem Satz ein „sozusagen“ und wittert zudem in jedem banalen Gegenstand auf dem Schreibtisch höchste Gefahr. Ob Geodreieck oder Kaffeekanne, alles könnte als tödliche Waffen taugen. Um seine Autorität zu unterstreichen, will der Nachwuchs-Cop stolz seine Polizeimarke präsentieren. Die scheint jedoch verschollen und die Suche danach hat fatale Folgen.
 
Kaum kehrt der Kommissar zurück, geht das Verhör weiter, besser gesagt: Es beginnt wieder von vorne. Vom Hölzchen zum Stöckchen muss sich Fugain erinnern, wie er den Abend verbrachte. Sieben Mal hat er die Wohnung verlassen, um ein Mittel gegen Kakerlaken zu kaufen. Zum Glück hat die neugierige Nachbarin jedes Öffnen seiner Wohnungstür wie immer ganz genau beobachtet. Als der Kommissar zur Kippe greift, wird Buron (und das Publikum!) ein kleines blaues Wunder erleben. Spannung kommt auf, als unerwartet die schwangere Kollegin von Philippe erscheint. Ihr Freund schein spurlos verschwunden. Doch Fugain fällt trotz leichter Panik in letzter Minute eine plausible Erklärung dafür ein.
 
„Ich habe mich noch nie so fürchterlich bei einer Befragung gelangweilt!“, klagt Kommissar Buron einmal. Den Zuschauern dürfte das kaum so ergehen, denn je länger das Verhör dauert, desto verrückter fallen die Einfälle von Autor und Regisseur Quentin Dupieux aus. Wenn die Gegenwart nicht ausreicht, wird in Erinnerungen gekramt. Ob Reiseerlebnisse auf einer einsamen Insel oder jenes Kindheitstrauma, bei der Knirps das Hundhalsband ausprobiert und eine fiese Strafe kassiert.
 
Mit Benoît Poelvoorde und Grégoire Ludig ist das kafkaeske Kammerspiel bestens besetzt. Dem ungleichen Duo macht das surreale Tête-à-Tête samt köstlich pointierter Dialoge sichtlich Spaß. So begrenzt der Schauplatz im tristen Büro sein mag, so einfallsreich lotet der Regisseur alle möglichen und unmöglichen Blickwinkel aus und sorgt so stets für visuelles Vergnügen.
 
Vor zwanzig Jahren gelang Dupieux unter dem Pseudonym Mr. Oizo mit „Flat Bean“ ein schräger Techno-Hit, der sich europaweit viele Wochen in den Top Ten hielt – nicht zuletzt wegen dem Musikvideo mit einer putzigen Plüsch-Puppe aus der Schmiede von „Muppets“-Papa Jim Henson. Im Kino brachte es der findige Franzose mit absurden Filmen wie „Rubber“ oder „Wrong“ zu Kultstatus. Auch in seinem jüngsten Streich bürstet er gängige Genre-Regeln so verspielt wie verpeilt gegen den Strich und erweist sich als Meister des Absurden. So furios der Auftakt mit dem Dirgenten in der roten Unterhose, so verblüffend gerät das Ende mit zweifach doppeltem Boden. „Im Kino gewesen. Gelacht!“ würde Kafka hier wohl in sein Tagebuch schreiben.
 
Dieter Oßwald