Die Wand

Als unverfilmbar wurde Marlen Haushofers „Die Wand“ jahrelang bezeichnet, erzählt der Roman doch komplett aus der Innensicht einer Frau, die durch eine unsichtbare Wand von der Außenwelt isoliert ist. Julian Roman Pölsler Adaption schafft es durch seine starke Hauptdarstellerin und exzellenten Einsatz von Bild und Ton, über weite Strecken ein eindrucksvolles Filmerlebnis zu kreieren.

Webseite: www.diewand.studiocanal.de

Österreich 2011
Regie: Julian Roman Pölsler
Buch: Julian Roman Pölsler, nach dem Roman von Marlen Haushofer
Darsteller: Martina Gedeck
Länge: 108 Minuten
Verleih: Studio Canal
Kinostart: 11.10.2012

PRESSESTIMMEN:

Ein großer Film über Schönheit, Stille, Kraft. …Wie Martina Gedeck das spielt, wie sich all das – Verlorenheit, Glück, Angst und Mut – in ihrem Gesicht spiegelt, das gehört zum Wunderbarsten, was ich je in einem Film gesehen habe."
ELKE HEIDENREICH im STERN

…eine packende Studie über Einsamkeit. …ein archaisches Filmdrama. …ein betörend schöner Film.
DER SPIEGEL

FILMKRITIK:

Die äußere Handlung ist schnell erzählt: Eine namenlose Frau um die 40, gespielt von Martina Gedeck, plant, mit einem befreundeten Ehepaar einige Zeit in einer abgelegenen Berghütte in den österreichischen Alpen zu verbringen. Am Nachmittag geht das Paar spazieren und kehrt nicht zurück. Eine unsichtbare Wand versperrt der Frau den Weg in die Zivilisation und der Zivilisation den Weg zu ihr. Allein mit einigen Tieren – dem Hund Luchs, später auch einer Kuh und einer Katze – lebt sie in der Natur, bestellt das Feld und beginnt schließlich zu schreiben. Dieser Bericht, der in langen Rückblenden vom Beginn der Katastrophe, wie es die Frau einmal nennt, bis zur Gegenwart reicht, formt die Erzählstruktur des Films. Über weite Strecken bestimmt Martina Gedecks Stimme die Tonspur, hört man sie in mal monotoner, mal emphatischer Stimme, aber immer möglichst beschreibend, nicht wertend, über die Ereignisse berichten. Zwischen die bloßen Fakten ihres Daseins, Beschreibungen von Alltäglichem wie Holz hacken, Heu ernten, Kühe melken, oder Beschreibungen der sie umgebenden Natur, sind immer wieder Reflektionen über das Sein gestreut, die zum Kern der Geschichte führen. Wenngleich nicht auf geradem Weg.

Schon Marlen Haushofers Roman „Die Wand“, 1963 erschienen und inzwischen sowohl von Deutschen als auch Österreichern zu den jeweiligen Lieblingsbüchern gezählt, entzog sich einer klaren Interpretation, lud vielmehr zu unterschiedlichsten Lesarten ein. Als Robinsonade wurde die Geschichte aufgefasst, als Endzeitroman, der mit der unsichtbaren Wand ein Konstrukt benutzt, wie man es aus der philosophischen Science-Fiction etwa eines Stanislaw Lems kennt, auch eine psychologische Lesart bietet sich an, in der die Wand Metapher für eine selbst gewählte Isolation ist.

Ähnlich offen bleibt auch Julian Roman Pölslers Verfilmung, der sich bisweilen zu sehr bemüht, möglichst viele Aspekte des Romans zu übernehmen. Manches Mal wirkt die Erzählerstimme redundant, beschreibt sie nicht mehr als das, was man auf der Leinwand ohnehin sieht, würde man sich wünschen, dass sich der Film mehr auf seine Bilder verlässt. Denn die sind stark genug, gleichermaßen evokativ wie enigmatisch und schaffen es in Verbindung mit der ausgefeilten Tonspur, eine mal bedrohliche, mal idyllische Atmosphäre zu kreieren. Allein die Darstellung der unsichtbaren Wand ist ein Muster an Einfachheit und Effektivität: Die Glasscheibe, die die Frau von der Außenwelt trennt (oder sie schützt?), ist nicht mehr als Gedecks pantomisches Spiel, dazu in Nahaufnahmen eine reale Glasscheibe, auf der sich Gedecks Hände und Finger abzeichnen, vor allem aber ein sonores, unterschwellig bedrohliches Brummen.

Doch dieser Science-Fiction-Aspekt, der in seinen besten Momenten an einen Klassiker wie „Stalker“ erinnert, tritt zunehmend in den Hintergrund. Je mehr sich die Frau auf die Arbeit ihrer Hände zurückgeworfen sieht, mit der Natur im Einklang lebt, beginnt sie über das Verhältnis von Mensch, Tier und Natur zu reflektieren. Die sie umgebenden Tiere sind nicht nur Wegbegleiter, sondern oft auch beneidete Kreaturen, die nicht die Gabe, aber auch die Last der Reflektion besitzen wie der Mensch. Der sieht sich mit ständig wiederkehrenden moralischen Fragen konfrontiert, muss sein Verhalten reflektieren, sich entscheiden ob er zerstören oder schaffen will. Es ist die große Stärke von „Die Wand“, dass er keine Antworten auf diese essentiellen Fragen gibt, sie statt dessen andeutet, aber im Verlauf der Erzählung und ihrer dramatischen Zuspitzung auch zeigt, wie schwer es ist, seiner eigenen Moral treu zu bleiben.

Ein außergewöhnlicher Film, der nicht zuletzt dank seiner filmischen Qualitäten zu den eindrucksvollsten Kinoerlebnissen des Jahres zu zählen ist.

Michael Meyns

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