Die Welt sehen

Die unterschwellige Erzählweise deutet sich schon im Titel des zweiten Films des Schwestern-Duos Delphine & Muriel Coulin an: „Die Welt sehen“, das lässt an Urlaub denken, nicht jedoch an den Krieg in Afghanistan. Aus dem kehren auch die beiden Soldatinnen zurück, von denen hier erzählt wird, in einem ambitionierten Drama, das viele Themen anreißt.

Webseite: www.peripherfilm.de/dieweltsehen

Voir du Pays
Frankreich 2016
Regie & Buch: Delphine & Muriel Coulin
Darsteller: Soko, Ariane Labed, Ginger Roman, Karim Leklou, Andreas Konstantinou, Jérémie Laheurte, Damien Bonnard
Länge: 100 Minuten
Kinostart: 9. November 2017
Verleih: peripher

FILMKRITIK:

Bevor es nach ihrem Einsatz in Afghanistan zurück in die Heimat geht, verbringt eine Einheit französischer Soldaten ein paar Tage auf Zypern. Nicht in erster Linie der Erholung wegen, sondern der „Dekompression“, wie es im Militär-Sprachgebrauch heißt. Ein emotionaler Druckausgleich sollen die Tage im sonnendurchfluteten Paradies sein, was auch dringend nötig ist, denn in Afghanistan haben die Soldaten Grausames erlebt.
 
In Gruppensitzungen berichten sie – darunter auch die beiden Frauen Aurore (Soko) und Marine (Ariane Labed) von ihren Erlebnissen, durchleben diese mittels Virtual Reality-Brillen noch einmal, im Versuch, sie zu verarbeiten. Doch nicht nur die eigenen Erfahrungen gilt es einzuordnen, auch das Verhältnis der Gruppe als Ganzes läuft nicht immer reibungslos ab, wie Aurore und Marine erfahren müssen, als sie sich auf einen Ausflug mit zwei Einheimischen einlassen.
 
Lange Zeit spielt der nach „17 Frauen“ zweite Film des Schwestern-Duos Delphine & Muriel Coulin ausschließlich in einer Hotelanlage auf Zypern. Aseptisch wirkt hier die helle Architektur, klinisch rein und vielleicht ebenso abgeschieden von der wirklichen Welt, wie es Afghanistan war. Nur was ist das, die „wirkliche“ Welt? Das Europa Frankreichs? Die westliche Welt?
 
Zu Beginn des Films wird Zypern als Bindeglied zwischen Europa und Asien etabliert, geographisch nur gut 100 Kilometer von der syrischen Küste entfernt, politisch – zumindest der griechische Süden der geteilten Insel – zu Europa gehörend und als Teil des antiken Hellas so etwas wie die Wiege der europäischen Kultur. Ganz explizit werden diese Informationen vermittelt, in einem Moment besonders holpriger Exposition. Immer wieder kontrastieren solche Momente mit subtilen Andeutungen und Beobachtungen, die die Stärke des Films sind.
 
Wenn sie rein visuell von unterschiedlichen Welten erzählen, die aufeinanderprallen, ist  Delphine & Muriel Coulins Film am stärksten, wenn sie etwa zeigen, wie die noch mit Tarnanzügen bekleideten Soldaten durch die Hotelanlage gehen, wo leicht bekleidete Urlauber feiern oder sich sonnen, wenn sie die makellose Landschaft Zyperns mit den Computerbildern kontrastieren, mittels derer die Soldaten ihre Erlebnisse verarbeiten sollen.
 
Doch immer wieder scheinen sie ihren Bildern nicht zu trauen, werden sie all zu explizit, etwa wenn es um die Frage geht, was man als französische, als europäische Soldaten denn eigentlich in Afghanistan macht, was dort erreicht oder verteidigt werden soll.
 
Viele Themen reißen Delphine & Muriel Coulin an, was ihren Film vielschichtig und reich macht. Dabei hätten manche einen eigenen Film verdient, etwa das Verhältnis von männlichen und weiblichen Soldaten, die Schwierigkeit von Frauen, in der einst durch und durch patriarchalischen Welt des Militärs, Fuß zu fassen. Recht plötzlich wird dieses Thema im letzten Drittel in den Vordergrund gerückt, wenn der Film schließlich doch noch die hermetische Hotelburg verlässt und sich ins ländliche Zypern vorwagt. Hier dann ganz besonders das, was den ganzen Film prägt: Meist subtile, vielschichtige Beobachtungen, dazwischen allzu plakative Kontraste, die aussprechen, wo eine Andeutung ausgereicht hätte. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, denn die Qualitäten von „Die Welt sehen“ sind unübersehbar.
 
Michael Meyns