Die wilde Zeit

Nach seiner gefeierten Terroristen-Biografie „Der Schakal“ erzählt der französische Regisseur Olivier Assayas erneut eine Geschichte aus den 70er-Jahren. Diesmal mit deutlich autobiografischen Zügen: In „Die wilde Zeit“ porträtiert er seine eigene Generation – junge Menschen, die bei den Demonstrationen des Mai 1968 dabei waren und eine andere Gesellschaft ersehnen. Assayas taucht dabei tief in diese Zeit ein. Sein Film ist kein bildgewordenes Thesenpapier, sondern lässt erahnen, wie es sich angefühlt haben muss, damals jung gewesen zu sein. Er gewann bei den Filmfestspielen in Venedig den Preis für das beste Drehbuch.

Webseite: www.diewildezeit-derfilm.de

Originaltitel: Après mai
Frankreich 2012
Regie und Buch: Olivier Assayas
Darsteller: Clément Métayer, Lola Créton, Félix Armand, Carole Combes, India Salvor Menuez
Länge: 122 Minuten
Verleih: NFP marketing und distribution
Kinostart: 30. Mai 2013

PRESSESTIMMEN:

"Ein einfühlsames, melancholisch stimmendes Stück Zeitgeschichte."
STERN

"Kein wehmütiger Abgesang, sondern das lebendige Porträt einer militanten Protestbewegung."
CINEMA

"Weil es hier um historische Veränderungen von Mentalitäten und ganzen Gefühlswelten geht, stehen endlich einmal Kunst, Musik und Film im Zentrum, nicht nur der politische Diskurs über die Gewaltfrage, an dem sich der deutsche 68-er-Aufarbeitungsfilm so gern festklammert. Assayas versteht es, die Entfremdung dieser Jugend von ihrer Umwelt nachempfindbar werden zu lassen, indem er sie nach innen kehrt."
BERLINER ZEITUNG

FILMKRITIK:

Kunststudent Gilles (Clément Métayer) wird von bewaffneten Poliztisten auf Motorrädern durch die Straßen von Paris gehetzt. Es ist der 9. Februar 1971, die Polizei knüppelt eine angemeldete Demonstration brutal nieder. Gilles und seine Freunde kommen mit dem Schrecken und einigen Kratzern davon, ein junger Mann aber verliert sein Augenlicht. Die revolutionäre Bewegung der Studenten radikalisiert sich zunehmend. Bei einer nächtlichen Aktion an der Uni werden Gilles und seine Kameraden vom Wachpersonal verfolgt. Einer der Wachmänner erleidet durch ihre Schuld einen Unfal und fällt ins Koma. Um Gras über die Sache wachsen zu lassen, verbringt Gilles mit Christine (Lola Créton) den Sommer in Italien, wo die beiden eine Liebesbeziehung beginnen. Aber Gilles leidet noch unter der Trennung von seiner Ex-Freundin und und wehrt sich gegen die Art, wie manche Linke ihre Kunst für politische Zwecke einspannen. Er will seinen eigenen Weg durch die turbulenten Zeiten finden und landet nach vielen Umwegen in London als Praktikant bei einer B-Movie-Produktion.

„Ich lebe in meiner Fantasie. Wenn die Realität anklopft, mache ich nicht auf.“ So schätzt sich Gilles selbst ein. Tatsächlich hat Olivier Assayas‘ Film etwas traumwandlerisches. Aber das liegt weniger daran, dass „Die wilde Zeit“ sich von der Realität der Jahre nach ´68 abwenden würde, sondern eher am Gegenteil: Assayas öffnet die Tür für die damalige Realität ganz weit, montiert viele Schichten und Ebenen über- und ineinander, lässt ein hochkomplexes Bild jener Zeit mit allen ihren Widersprüchen entstehen. Darüber scheint sein Film in ein merkwürdiges Schweben zu geraten, das getränkt ist von der Wirklichkeit und sie gleichzeitig transzendiert.

Der ungeheure Detailreichtum von „Die wilde Zeit“ ist sicher einer der Gründe, warum der Film so gegenwärtig wirkt. Da ist die Druckerpresse, auf dem die Studenten ihre selbst gestalteten Plakate produzieren; die Plattensammlung von Gilles, die Hendrix, Mott The Hoople und Syd Barrett umfasst; die Szenen von einem Rockkonzert, zu dem er psychedelische Projektionen beisteuert; die Bücher, die hier immer und ständig von den Protagonisten gelesen werden. Dazu kommen die nie endenden Diskussionen und Gespräche, die sich ganz selbstverständlich um den Umbau der Gesellschaft und die Vision von einer besseren Welt drehen. Besonders auffällig ist, wie ernsthaft diese Figuren wirken. Sie lachen sehr selten. Das Leben und das Denken sind für sie keine Gegensätze, und beides sind äußerst ernste Angelegenheiten. An einigen Stellen deutet Assayas an, wie leicht diese Ernsthaftigkeit und die Überzeugung von der Richtigkeit des eigenen Standpunktes in Gewalt und Terrorismus umschlagen konnten; dann ist die Verbindung zu seinem Vorgänger „Der Schakal“ ganz unmittelbar. Sein Anliegen jetzt ist es aber, die 68er nicht im Licht der Rückschau zu zeigen, sondern als Menschen, die unmittelbare Erfahrungen machen und im Taumel des Lebens und der Umbrüche ihren Weg suchen.

Oliver Kaever

Paris, nach dem Mai 68. Das Aufbegehren vor allem der jungen Menschen ist in vollem Gange. Es bilden sich viele radikal linke politische Gruppen – gegenüber denen Trotzki ein Waisenkind war.

Man will etwas, nein, nicht nur etwas, sondern alles ändern. Aber wie? Diskussionen, Demonstrationen sind die Folge. Sondereinheiten der Polizei greifen ein, es gibt Verwundete. Die Konservativen (auch die Regierung) sind keineswegs bereit, ihre ideologischen wie materiellen Besitztümer so schnell aufzugeben.

Gilles ist einer dieser Studenten. Er liebt Laure, doch die ist eher ein esoterisches Wesen, das mit Politik nicht viel im Sinn hat. Sie macht sich denn auch davon. Da ist seine Christine schon anders. Sie kämpft politisch noch mehr und radikaler als Gilles. Allein sind die beiden keineswegs. Auch Alain und Leslie, Jean-Pierre und Vincent sind mit von der Partie.

A propos: Gilles hat auch ein Privatleben. Er zeichnet und malt sehr gut und interessiert sich für Film. Aber welchen Weg einschlagen? Einen nach außen gerichteten politischen oder einen persönlichen?

In Frankreich, in Italien – überall wollen die „Revolutionäre“ ihre ultralinken Ideen verwirklichen. Die französische kommunistische Partei ist ihnen, den Jugendlichen, Studenten und Künstlern, zu Moskau-hörig.

„In den 1970ern wurden wir permanent aufgefordert, uns zu rechtfertigen: ‚Was hast du für die Arbeiterklasse getan?’. Wir waren nicht bereit, für die Boulevardpresse (die verrottete Presse) zu arbeiten. Wir hassten Unternehmen jeglicher Form und näherten uns ihnen nur, um sie von innen zu sabotieren. Wir lebten in Kommunen, wir weigerten uns, Familien zu gründen, hatten keine Altersvorsorge im Kopf.“

Und doch: Die Zeit danach hat vieles davon, ja fast alles marginalisiert.

Olivier Assayas, der Regisseur dieses Films, hat viel Autobiographisches eingebracht. Ihm ist es gelungen, ein ereignisreich-hitziges Bild jener Postulate und jener Epoche zu zeichnen, auch wenn Übertreibungen nicht fehlen.

Alles in allem ein menschlich wie geschichtlich interessantes Lehrstück, das noch dazu von jungen, weitgehend unbekannten Darstellern glänzend interpretiert wird.

Thomas Engel