Die Winzlinge – Operation Zuckerdose

Ein Marienkäfer als Held. Das ist definitiv ein ungewöhnliches Konzept, mit dem der Animationsfilm "Die Winzlinge" aufwartet, doch nicht nur das: Thomas Szabo und Hélène Girauds Film verknüpft auf originelle, visuell innovative Weise einen fast dokumentarischen Ansatz mit einer zunehmend ausufernden Abenteuergeschichte im Reich der Insekten.

Webseite: www.diewinzlinge.de

OT: Minuscule – La vallée des fourmis perdues
Frankreich 2013 – Animationsfilm
Regie, Buch: Thomas Szabo & Hélène Giraud
Länge: 89 Minuten
Verleih: Pandastorm Pictures, Vertrieb: Tobis
Kinostart: 14. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

Wie Regentropfen hängen die Larven an einem Ast, beobachtet von den stolzen Marienkäfer-Eltern. Fast wie echt sieht es aus, wenn dann die kleinen Käfer schlüpfen und erste Flugübungen machen, aber auch nur fast. Gerade zu Beginn von "Die Winzlinge" merkt man kaum, dass man es mit einem Animationsfilm zu tun hat: gedreht in unberührten Nationalparks im Süden Frankreichs, verknüpft das Regieduo Thomas Szabo und Hélène Giraud echte Naturaufnahmen mit digital hergestellten Bildern von Insekten. Neben den Marienkäfern sind dies vor allem Ameisen, schwarze und rote, die in den Weiten der Natur einen unerbittlichen Krieg führen. Auslöser ist eine Zuckerdose, die die schwarzen Ameisen auf einer zurückgelassenen Picknickdecke finden und gemeinsam über Stock und Stein in ihren Bau schaffen wollen. Zu diesem Zeitpunkt hat sich unser Held, der Marienkäfer, schon den Ameisen angeschlossen. Bei einem Ausflug hatte er seine Familie verloren, bei einem Unfall war auch noch ein Flügel abgebrochen, der nur langsam nachwächst und das Fliegen zum unkoordinierten Kreisen macht.

Auf dem Weg durch das Gebiet der roten Feuerameisen gerät der Trupp in Gefahr, auch ein Wegzoll aus Zuckerstücken kann die Feuerameisen nicht aufhalten, die Jagd beginnt! Hohe Berge und reißende Flüsse gilt es zu meistern, doch die finale Schlacht wird um den Ameisenbau toben. Zum Glück haben die Ameisen auf ihren Entdeckungsreisen zahlreiche Gegenstände mitgenommen, die bislang nutzlos in den Tiefen des Baus gelagert haben, doch nun der Verteidigung ihres Zuhauses dienen. Für das Zünden von Raketen werden jedoch dringend Streichhölzer benötigt, die Belagerung des Baus kann aber nur durch einen mutigen Flug des Marienkäfers überwunden werden.

Manchmal wähnt man sich bei "Die Winzlinge" in einer jener modernen Naturdokumentationen, denen es dank modernster Technik gelingt, Natur, Tiere und Insekten in nie gekannter Schärfe abzubilden. Dann wieder fühlt man sich an Animationsfilme wie "Das große Krabbeln" erinnert, die auf stilisierte Weise vom Leben und Überleben von Insekten erzählen. Irgendwo zwischen diesen Polen haben Thomas Szabo und Héléne Giraud (die Tochter des legendären französischen Comic-Künstler Moebius) ihren Film angesiedelt, der auf ihrer gleichnamigen Fernsehserie basiert. Die erzählte in kurzen Episoden lustige Abenteuer aus der Welt der Insekten, eine episodische Herkunft, die sich im Langfilm nicht verheimlichen lässt. Bisweilen tun sich Szabo und Giraud schwer damit, einen über 90 Minuten tragenden Spannungsbogen zu finden, zumal sie konsequent auf Dialoge verzichten, was die ohnehin oft menschenähnlich agierenden Insekten ja noch zusätzlich vermenschlicht hätte. Allein durch eine Art Tröten kommunizieren die Insekten, doch meist sind wie auch immer gearteten Dialoge gar nicht nötig, um die lose Handlung zu erzählen. Die ist kindgerecht einfach und stringent, was das Vergnügen aber nicht schmälert, denn "Die WInzlinge" ist voller Ideen und witziger Momente und braucht sich auch visuell nicht hinter weitaus aufwändigeren amerikanischen Animationsfilmen zu verstecken.
 
Michael Meyns