Die Wohnung

Eigentlich will der israelische Dokumentarfilmer Arnon Goldfinger die Wohnungsauflösung seiner verstorbenen Großmutter in Tel Aviv mit der Kamera begleiten, bevor ihre Welt für immer verschwindet. Aber dabei stößt er auf eine unglaubliche Geschichte, die erklärt, warum in seiner Familie nie über die Vergangenheit gesprochen wurde: Seine jüdischen Großeltern waren eng mit einer Nazi-Familie befreundet. Daraus entsteht eine ebenso spannende wie zutiefst bewegende Detektiv-Geschichte.

Webseite: www.die-wohnung-film.de

Originaltitel: Hadira
Israel/Deutschland 2011
Buch und Regie: Arnon Goldfinger
Sprecher der deutschen Fassung: Axel Milberg
Länge: 97 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 14. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In den frühen 30er-Jahren mussten Gerda Tuchler und ihr Mann Kurt ihr geliebtes Deutschland verlassen und in das damalige Palästina fliehen. 70 Jahre lang lebten sie in einer Wohnung, die für den Enkel Arnon aussah wie Berlin: deutsche Bücher in den Regalen, deutsches Porzellan in den Schränken. Gesprochen wurde Englisch, denn Gerda hatte nie Hebräisch gelernt. Als sie mit 98 Jahren stirbt, hinterlässt sie Berge von Briefen, Fotos, Karten und Dokumenten, denn Gerda warf nie etwas weg. Inmitten der Papiermengen stößt Arnon auf Korrespondenz und Fotos, die darauf hinweisen, dass die Tuchlers mit der Familie des SS-Offiziers Leopold von Mildenstein nach Palästina reisten und auch sonst ihre Freizeit mit ihnen verbrachten. Noch unglaublicher: Die Freundschaft überdauerte auch den Krieg. Arnon Goldfinger geht mit seiner Mutter in Deutschland auf Spurensuche.

Zu Beginn der Dreharbeiten muss Goldfinger ein anderer Film vorgeschwebt haben, schließlich konnte er nicht ahnen, auf welche ungeheure Familiengeschichte er stoßen würde. Man kann diesen Film im ersten Drittel noch erahnen, und schon er hatte großes dramatisches Potenzial. Er erzählt davon, wie das Leben eines Menschen verschwindet und nur noch in den Gegenständen, die er hinterlässt, überlebt. Zu der Melancholie über die Vergänglichkeit des Lebens tritt das Porträt von Juden, die zwar dem Holocaust entkamen, aber den Verlust ihrer Heimat Deutschland nie verwinden konnten. Mit der Entdeckung der Freundschaft zwischen den Tuchlers und von Mildensteins bekommt der Film aber eine viel dramatischere Wendung. Während der Rest seiner Familie desinteressiert abwinkt, lässt Goldfinger bei seinen Recherchen nicht locker. Immer breiter fächert sich diese Geschichte auf, immer unfassbarere Details kommen zum Vorschein.

Wenn Goldfinger in Deutschland auf die Nachkommen der von Mildensteins trifft, bekommt „Die Wohnung“ noch einmal eine ganz andere Dimension. Hier bestimmt der jüdische Blick auf das Land der Täter den Film. Ein Land, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten vorbildlich aufarbeitet, sich damit aber schwer tut, wenn es um die eigene Familie geht. Hier gelingen Goldfinger Bilder von hoher Symbolkraft, wie überhaupt die Filmsprache sich mit der wachsenden Komplexität der Geschichte immer weiter vertieft. Besonders beklemmend die Szenen, in denen er die von Mildensteins in ihrem Garten mit der Vergangenheit ihrer Familie konfrontiert, umgeben von Zäunen und parzellisierten Kleingärten, die wie kleine Gefängnisse wirken. Dennoch ist „Die Wohnung“ keine Anklage. Vielmehr zeigt Goldstein auch die Deutschen dabei, wie sie mit der Vergangenheit ringen.

Sein Film, der unter anderem mit dem Israelischen und Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, ist aber vor allem deshalb so grandios, weil er über die Geschichte der Tuchlers hinausweist und nicht im rein Spektakulären steckenbleibt. Letztendlich beobachtet sich Goldfinger selbst dabei, wie er einen Schlüssel zum Verständnis einer immer unverständlicher werdenden Vergangenheit sucht. Experten und Archive liefern zwar immer neue Hinweise und Erklärungsansätze, aber das Verhalten der Personen in diesem Drama bleibt rätselhaft – so, wie am Anfang des Films die Hinterlassenschaften in der Wohnung von Gerda Tuchler in ihre kuriosen Puzzleteile zerfallen, die sich nicht mehr zusammensetzen lassen. Am Ende steht Goldfinger mit seiner Mutter auf der Suche nach dem Grab eines Verwandten auf einem Friedhof in Berlin. Das Grab ist zwar auf einer Karte noch eingezeichnet. Aber der Wald hat es längst überwuchert, es ist verschwunden. Die Vergangenheit gibt ihre Geheimnisse nicht restlos preis.

Oliver Kaever

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