Die Wurzeln des Glücks

Mit einem Star-Ensemble ausgestattet, erzählt die von Amanda Sthers erdachte und konzipierte Tragikomödie „Die Wurzeln des Glücks“ von einer Familie, die die zwischenmenschliche Kommunikation verlernt hat.

Webseite: www.studiocanal.de

BEL/ISR 2018
Regie: Amanda Sthers
Darsteller: James Caan, Tom Hollander, Rosanna Arquette, Jonathan Rhys Meyers, Efrat Dor
Verleih: STUDIOCANAL
Länge: 90 Min.
Kinostart: 5. September 2019
 

FILMKRITIK:

Das mürrische Familienoberhaupt Harry Rosenmeck (James Caan) hat vor ein paar Jahren Frau und Kinder in New York zurückgelassen, um sich in Israel ein neues Leben aufzubauen und fortan Schweine zu züchten. Warum, das weiß niemand so genau. Doch die Kommunikation innerhalb der Rosenmecks ist nicht erst seit Harrys Weggang ins Stocken geraten. Man schreibt sich eher Briefe, anstatt dass man miteinander redet. Dabei haben sowohl der erfolgreiche Theaterregisseur David (Jonathan Rhys Meyers), die in den Tag hinein lebende Annabelle (Efrat Dor) und auch Mutter Monica (Rosanna Arquette) viele Probleme, die sie gern miteinander teilen würden. Harry dagegen sieht sich vorwiegend mit seinen muslimischen und jüdischen Nachbarn konfrontiert, die mit der Schweinezucht des Greises ein gewaltiges Problem haben. Und es wird der Tag kommen, an dem werden die Rosenmecks wieder miteinander reden müssen und vielleicht sogar endlich das ein oder andere Problem lösen…

Die gebürtig aus Paris stammende Regisseurin und Drehbuchautorin Amanda Sthers hat erst drei Langspielfilme inszeniert, dabei aber bereits eine Vorliebe für Mikrokosmen erkennen lassen. In ihrem Debüt „Je vais te manquer“ ging es um einen Flughafen, in „Madame – Nicht die feine Art“ um die Oberen Zehntausend und in ihrem neuesten Werk „Die Wurzeln des Glücks“ nimmt sie sich einer Familie an, die sie in schlanken neunzig Minuten seziert. Dabei ist das von ihr hier angerissene Thema über fehlende Kommunikation nicht die Neuerfindung des Rades; in Filmfamilien würde oft ein klärendes Gespräch viele Probleme auf einmal lösen, die es aber braucht, um Kinogeschichten zu erzählen. Erfrischend ist dagegen der Ansatz, dass die Figuren zum einen in alle Winde zerstreut sind und zum anderen ganze genau darum wissen, dass sie in Sachen Kommunikation komplett versagt haben. Und dem namhaften Cast beim Tragen dieser unaufgeregten Geschichte zuzusehen, macht zudem richtig viel Spaß.

Trotzdem muss man so ehrlich sein, dass „Die Wurzeln des Glücks“ die Geduld des Publikums bisweilen ordentlich strapaziert. Mit ihrem Ansatz, die einzelnen Familienmitglieder möglichst isoliert zu betrachten – eine konsequente Idee im Hinblick auf ihr gleichsam sehr isoliert geführtes Leben – bringt die Autorenfilmerin die Dramaturgie und Dynamik ihres Films immer wieder aus dem Takt. Interessant sind nämlich eigentlich die Schicksale sämtlicher Rosenmecks: Dem homosexuellen Sohn wird die Adoption eines Kindes verwehrt, Tochter Annabelle ist auf der Suche nach sich selbst und ihre Mutter und Harrys Ex-Frau Monica erhält vom Arzt eine alles verändernde Krankheitsdiagnose. Doch die notwendige Erzählzeit bringt Sthers lediglich Harry entgegen; und ausgerechnet hier wirken die Probleme wesentlich konstruierter, als bei seinen Familienangehörigen. Immerhin hat sein Handlungsstrang mit James Caan („Misery“) den stärksten Cast-Member zur Verfügung. Wie es diesem nämlich gelingt, Harry erst als ziemlich verabscheuungswürdigen Zeitgenossen zu etablieren und nach und nach seinen weichen Kern zu entlarven, bietet Caan fernab jedweder Klischees dar.

Auch der Rest des Ensembles macht seine Sache sehr ordentlich, hat aber nicht immer die Möglichkeit, sein ganzes Können auszuspielen. Jonathan Rhys Meyers („The 12th Man“) mimt den zerrissenen Theaterstar zwar absolut glaubhaft, aber im Gegensatz zu Caan lässt es Meyers nicht zu, hinter seine Fassade zu blicken. Dafür ist die Screentime seiner Figur einfach zu kurz. Dasselbe gilt für Rosanna Arquette („Pulp Fiction“), die gleichzeitig einige der stärksten Szenen auf ihrer Seite hat (Stichwort: Restaurant), vom Drehbuch aber auch oft allein gelassen wird. Trotzdem wird am Ende von „Die Wurzeln des Glücks“ alles zu einem stimmigen Ganzen, da es Amanda Sthers auch diesmal wieder versteht, mit einigen wenigen aber prägnanten Sätzen eine Verbindung zwischen Zuschauer und Filmfigur aufzubauen – und hier dann auch endlich zwischen den Figuren, die sich am Ende des Films näher sind, als am Anfang, ganz ohne dass man das Gefühl hat, dass der Film es einzig und allein darauf abgesehen hat.

Antje Wessels