Diego Maradona

Nach „Senna“ und „Amy“ nimmt sich der britische Regisseur Asif Kapadia in „Maradona“ einer weiteren Person an, deren Mythos die Realität oft überstrahlt. Mit brillantem Archivmaterial zeichnet er den Weg von Diego Armando Maradona nach, der vor allem in seiner Zeit in Neapel zur lebenden Legende wurde – und bald alles verlor. Ein herausragender Dokumentarfilm.

Webseite: dcmworld.com/portfolio/diego-maradona-at/

Dokumentation
GB 2019
Regie: Asif Kapadia
Länge: 130 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 5. September 2019

FILMKRITIK:

Am 4. Juli 1984 wurde der damals 24jährige Diego Maradona den Fans des SSC Neapels vorgestellt, einem kaum mittelmäßigen Club in Italiens Süden. Schon bevor er auch nur einen Ball getreten hatte wurde er zum Hoffnungsträger einer ganzen Region, die vom Rest des Landes beschimpft und gar als „Afrika Italiens“ bezeichnet wurde. Das der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Maradona, der seit er 15 war seine vielköpfige Familie ernährte, ausgerechnet hier landete, ist eine dieser Wendungen, die man nicht besser erfinden könnte. Sie macht aus einem genialen Fußballer eine ebenso faszinierende wie tragische Figur.
 
Für solche Figuren hat Asif Kapadia ein Faible, den brasilianischen Formel 1-Helden Aryton Senna hat er porträtiert, die britische Sängerin Amy Winehouse, zwei jung gestorbene, die nach ihrem Tod erst recht zu Legenden wurden. Im Gegensatz zu ihnen lebt Diego Maradona noch, ist in den letzten Jahren allerdings vor allem durch regelmäßige, bizarre Auftritte aufgefallen. Den Kern seiner Geschichte, seiner Legende bilden jedoch die sieben Jahre, die er in Neapel verbrachte. Auf diese Phase konzentriert sich Kapadia, der erneut seinen typischen Stil verwendet, der ausschließlich Archivmaterial zeigt, das von Interviews mit Zeitzeugen unterlegt wird. Keine Aufnahmen der Interviewpartner durchbrechen so den Fluss der Bilder, deren Sog man sich kaum entziehen kann.
 
Rasant montierte Passagen machen schnell deutlich, wie sehr Maradona in Neapel verehrt wurde, wie er in kürzester Zeit zu einer Art Heilsbringer wurde, der den gebeutelten Menschen in der von Armut und nicht zuletzt der Mafia geprägten Stadt bald zur lebenden Legende wurde. Spätestens als Maradona Neapel 1987 zur Meisterschaft führte, brachen alle Dämme, die Stadt versank in kollektiver Ekstase, auf einem Graffiti auf der Friedhofsmauer war zu lesen: “Ihr wisst nicht, was ihr verpasst habt.“
 
Doch der Ruhm hatte für Maradona einen Preis. Immer weniger konnte er Diego sein, den Freunde und Familie als schüchternen, liebevollen Mann beschreiben, immer mehr wurde er zur öffentlichen Figur Maradona. Die angesichts der Umgebung fast zwangsläufig mit der Camora, der örtlichen Mafia in Kontakt kam, die seine Nähe suchte und ihn später mit Koks versorgte.
 
Ein kaum vorstellbarer Druck muss auf Maradona gelastet haben, dessen Bild die allermeisten Neapolitaner über ihrem Bett aufhängten – neben einem Bild von Jesus. Eine Krankenschwester soll sein Blut in eine Kirche getragen haben, Maradona war endgültig zum Gott geworden. Im Rest Italiens wurde er jedoch gehasst, was besonders bei der WM 1990 in Italien zum Tragen kam. Als dann schließlich Maradonas Argentinien die favorisierten Italiener besiegte und das ausgerechnet im Stadion von Neapel, war es mit der Herrlichkeit vorbei.
 
So mitreißend ist die Geschichte von Diego Maradona, das Kaipada kaum mehr tun muss, als sie zu erzählen. Er lässt dabei die Bilder und Aussagen von Freunden, Wegbegleitern und Maradona selbst, für sich stehen, entzieht sich jeglicher Bewertung der Entscheidungen, die Maradona zu einem der größten Fußballer aller Zeiten, aber auch zu einer so tragischen Figur machten. „Maradona“ ist Porträt einer Legende, eines Menschen, an dem sich die Öffentlichkeit rieb, der vor allem auch über den Platz hinaus faszinierte, was ihn fundamental von den modernen Helden des Sports unterscheidet. Spieler wie Ronaldo oder Messi mögen mehr Tore geschossen, mehr Titel errungen haben, doch ihr Werdegang ist letztlich zu stringent, als wirklich spannend zu sein. Die Brüche dagegen, die Maradonas Leben durchziehen, die persönlichen Fehler, die er machte, lassen ihn ihm Kontrast zu seinem fußballerischen Genie als die zerrissene, tragische Gestalt erschienen, die Asif Kapadia in seinem Film so großartig porträtiert.
 
Michael Meyns

Der argentinische Weltfußballer Diego Maradona erhält mit der gleichnamigen Dokumentation ein längst überfälliges Porträt, das dem Zuschauer nicht bloß die unvergleichbare Sportlerkarriere des Ausnahmeathleten vor Augen führt, sondern auch ein trauriges Paradebeispiel dafür ist, wie schnell Helden von ihren Fans vergessen werden, wenn der Erfolg vorbei ist.

Der am 30. Oktober 1960 in der argentinischen Provinz Lanús geborene Diego Armando Maradona Franco gehört bis heute zu den Legenden des Fußballsports. Viermal spielte er für sein Land bei der Weltmeisterschaft mit, wurde einmal Weltmeister, einmal Vize-Meister. Der Terminus „Die Hand Gottes“ – ein legendäres Handspiel bei der WM 1986 gegen England – ging dank ihm in die Annalen der Sportgeschichte ein. Doch genau wie sein Ruhm dominierten auch private Eskapaden und sein schleichender Absturz die weltweiten Schlagzeilen. Irgendwann interessierten sich die Leute vor den Fernsehschirmen nicht mehr nur für Maradonas Fähigkeiten als Fußballer, sondern mehr für seinen sukzessive immer rauschhafter werdenden Lebensstil, seine Affären, insbesondere mögliche Kinder, die aus ebendiesen hervorgingen. Auch seine Verbindungen zur italienischen Mafia, Drogeneskapaden und die verzweifelten Versuche, sich all das auf dem Spielfeld nicht anmerken zu lassen, formten Maradona zu ebenjener tragischen Figur, als die wir den heute 68-Jährigen kennen.

Regisseur Asif Kapadia („Senna“) scheint für die besonders tragischen Gestalten des popkulturellen Weltgeschehens eine Faszination zu besitzen, dank der er auch „Diego Maradona“ zu einer starken, zu Diskussionen anregenden Dokumentation werden lässt. Kapadia hat bereits Filme über die R’n‘B-Ikone Amy Winehouse und den brasilianischen Formal-eins-Fahrer Ayrton Senna gedreht – die Schicksale beider Zeitgenossen gingen einst nicht gut aus. Diego Maradonas Leben in der Öffentlichkeit ist zwar noch nicht vorbei, doch in seiner Tragik steht es den Schicksalen von Winehouse und Senna in Nichts nach. Damit die Fallhöhe vom Ruhm auf den harten Boden der Tatsachen am Ende auch besonders hoch ist, nimmt sich Kapadia in der erste Hälfte seines 130-minütigen Mammutwerkes erst einmal ausgiebig Zeit, um den ‘Mythos Maradona‘ zu ergründen. Der Film beginnt an dem Tag, an dem der Weltfußballer im Jahr 1984 vom Millionenclub FC Barcelona zum italienischen Erstligaverein SSC Neapel wechselte – für eine damalige Rekordablösesumme von 24 Millionen D-Mark. Für den dato als Außenseiter gehandelten Verein hätte dieser Transfer gleichsam das Todesurteil bedeuten können. Doch nur so avancierte Maradona für die Bewohner im armen Neapel zu einer Heldenfigur.

Im Zeitraffer lässt Kapadia vor den Augen des Publikums die wichtigsten Stationen im Leben des Sportlers ablaufen. Dabei fällt auf, dass sich Diego Maradona seinen Platz unter den Weltfußballern nicht vorwiegend durch Siege erarbeitet hat, sondern vor allem durch seinen Stil. Immer wieder kommentieren Weggefährten, Vertraute und Journalisten, aber auch die Hauptperson selbst, die Leinwandereignisse – und dabei sticht insbesondere ein Satz hervor, in dem auf Maradonas Erscheinung eingegangen wird. Das fünfte Kind einer Großfamilie war mit seinen 1,65m nie besonders groß, nie besonders kräftig, ja, hatte nicht einmal eine besonders sportliche Figur. Stattdessen war es tatsächlich sein Spielstil selbst, mit dessen Hilfe sich Maradona in die Weltspitze spielte – dreißig Jahre später erinnert im durchfinanzierten Fußballgeschäft, in dem der Sport fast schon zur Nebensache geworden ist, nur noch selten ein Werdegang an jenen des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Diego Maradona.  

Wenngleich es für Fußball-Nichtinteressierte in der ersten Hälfte durchaus zu Längen kommen kann, da Asif Kapadia die sportlichen Höchstleistungen des Protagonisten mit möglichst viel Originalmaterial bebildert, kommt es in der zweiten Hälfte schließlich zu Demaskierung; Diego Maradona ist eben keine Gottesfigur, sondern auch nur ein ganz normaler Mensch. Je aktueller die Bilder werden, desto mehr erschüttert insbesondere der körperliche Verfall des einstigen Sportlers. Vor allem aber zeigt der Film einmal mehr auf, dass zwischen Erfolg und Absturz oft nur ein einziges Ereignis liegen kann, durch das man es sich bei den Fans verscherzt. Bei Maradona begann es mit dem legendären Spiel zwischen Italien und Argentinien bei der Weltmeisterschaft im Jahr 1990. Anschließend gab er sich immer häufiger dem Drogenkonsum hin, fiel bei Dopingtests durch und beendete seine aktive Laufbahn schließlich Ende der Neunzigerjahre.

Asif Kapadia fängt den streitbaren Charakter Maradonas dabei immer mit ebensolcher Ehrfurcht ein, wie er Kritik an ihr zulässt. Eine solch komplex-differenzierte Betrachtungsweise wird der Figur nur gerecht, sodass man am Ende des Films verstehen kann, dass Diego Maradona von der FIFA zu einem der weltbesten Fußballspieler des 20. Jahrhunderts gekürt wurde und gleichzeitig bei so vielen Menschen in Ungnade gefallen ist. Schwarz und Weiß lassen sich eben nur dann strikt voneinander trennen, wenn sie als Trikot-Farben auf dem Fußballfeld gegeneinander antreten.

Antje Wessels)