Dieses schöne Scheißleben

Die Glücksbeauftragte des deutschen Films beweist auch im Doku-Genre ein sehr gutes Händchen. Doris Dörrie begibt sich diesmal nach Mexiko und begleitet einige Mariachi: Musikantinnen, die sich im Mega-Macho-Land mit Können, Geschick und Geduld gegen viele Widerstände ihren Platz behaupten. Dabei spielen auch ein paar der mittlerweile betagten Pionierinnen auf. Traurig schöne Lieder über das Leben, die Liebe und den Tod. Mit dem bewährten Dörrie-Talent für teilnehmende Beobachtung sowie dem liebevollen Blick auf ihre Figuren entsteht ein bewegendes, stimmungsvolles Porträt von starken Mexikanerinnen, ihrer Lust an der Musik sowie der Kunst eines erfüllten Leben unter erschwerten Bedingungen – da kommt beglückende „Buena Vista Social Club"-Stimmung auf.

Webseite: www.dieses-schoene-scheissleben.senator.de

D 2014
Regie: Doris Dörrie
Darsteller: María del Carmen, Las Estrellas de Jalisco , Las Pioneras de Mexico 
Filmlänge: 90 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 23. Oktober 2014

FILMKRITIK:

„Mittendrin, statt nur dabei“, mit diesem Motto nähert sich Doris Dörrie gleich zu Anfang mit ihrer Kamera dem Getümmel auf der umtriebigen „Plaza Garibaldi“ in Mexiko-Stadt. Der Platz gilt als Treffpunkt der Straßenmusiker in der 20-Millionen-Einwohner-Metropole. Für 20 Pesos spielen die Mariachi-Bands 4 Lieder, Mengenrabatt ist möglich. Gaukler mischen sich gleichfalls ins kleine Showgeschäft, bieten mutprobewilligen Passanten kostenpflichtige Stromstöße aus selbstgebastelten Elektronikkisten an oder hoffen im bunten Clown-Kostüm auf Kleingeld. Die blinkenden Lichter der Polizeiautos im Hintergrund deuten an, dass diese chaotisch anmutende Vergnügungsmeile wohl kein ganz ungefährliches Pflaster ist.
 
„Ich sollte das nicht sagen, aber hier auf der Plaza singt keiner wie ich.“ María del Carmen kann berechtigt stolz sein auf ihr Können. Die junge Sängerin gehört zu den wenigen Frauen, die sich gegen die harte Konkurrenz dieser musikalischen Männer-Domäne auf dem Platz durchgesetzt haben. Ein anderes Beispiel sind die „Estrellas de Jalisco“, eine fast ausschließlich weibliche Kapelle. Last not least die „Las Pioneras de Mexico“, die einst als erste Mariachi-Musikerinnen in den 50er Jahren spielten und noch bis heute auftreten. „Es gibt nichts, was eine Frau nicht kann!“, ruft eine der betagten Damen mit fröhlichem Trotz zwischen ihren Liedern dem Publikum zu.
 
Auffallend unaufdringlich begleitet Dörrie diese ganz unterschiedlichen Musikerinnen bei ihren Auftritten und im Alltag. Sie lässt sie einfach nur erzählen von ihren Hoffnungen, ihren Wünschen und den Widerständen. Weil diese Objekte der dokumentarischen Begierde ebenso charismatische wie kluge und sympathische Kraftpakete sind, hört man den Geschichten gerne zu und nimmt Anteil an diesen Schicksalen. „Man muss an die Texte glauben, sonst funktionieren die Lieder nicht", sagt etwa María. Während eine Kollegin beklagt, dass sie im Unterschied zu den Männern sich nach dem Auftritt auch noch um den Haushalt und die Kindern kümmern müsse. Die fatale innenpolitische Lage kommt gleichfalls zur Sprache. Drogen, Gewalt und Prostitution bestimmen längst den mexikanischen Alltag, besorgte Mütter fürchten permanent um die Perspektiven ihrer jungen Töchter. Gespiegelt wird das Schicksal in der Musiktradition der Mariachi, die von Melancholie bis purer Lebenslust reicht. „Als weinendes Baby kam ich zur Welt. Und ich weine bis heute. Auf der Suche nach Glück“, heißt es in deinem der Lieder. Gleichwohl wird eine musikalische Anleitung zum Glücklichsein gegeben: „Du musst das Leben genießen. Es ist nur von kurzer Dauer“. Zusammenfassend und zugleich titelgebend schließlich der programmatische Refrain: „Was ist das für ein Scheißleben. Es spielt mit uns wie mit Puppen. Ach, dieses schöne Scheißleben!“.
 
So einnehmend die Persönlichkeiten der Protagonistinnen, so eindrucksvoll fallen ihre musikalischen Qualitäten aus. Stimmgewaltig und voller Inbrunst singen sie die volkstümlichen Lieder von Herz und Schmerz, von Liebe, Lebensfreude und dem Tod. Doris Dörrie zieht vor diesen selbstbewussten Frauen elegant unaufdringlich den dokumentarischen Hut. Das gelingt ihr so unterhaltsam wie wahrhaftig. Wie die Regisseurin ist alsbald auch der Zuschauer mittendrin statt nur dabei.

Dieter Oßwald