Dilili in Paris

Im Paris des späten 19. Jahrhunderts untersucht die junge Dilili mit einem Freund eine Reihe mysteriöser Entführungen – und trifft bei ihrer Spurensuche auf viele berühmte Personen und exzentrische Zeitgenossen. Der Animationskünstler Michel Ocelot taucht in seinem raffinierten und mit fotorealistischen Hintergründen ausgestatteten Trickfilm „Dilili in Paris“ zwar in eine längst vergangene Epoche ein – beweist mit den aufgeworfenen Fragen und Themen seines neuen Films aber erstaunliche Aktualität. Leider verliert er mit zunehmender Laufzeit einen der wichtigsten Handlungsstränge vermehrt aus den Augen.

Webseite: www.wildbunch-germany.de

Belgien, Frankreich, Deutschland 2018
Regie & Drehbuch: Michel Ocelot
Länge: 95 Minuten
Verleih: Wild Bunch Germany
Kinostart: 20. Februar 2020

FILMKRITIK:

Frankreich, zur Zeit der Belle Époque: Die von der französischen Inselgruppe Neukaledonien stammende Dilili setzt per Schiff nach Paris über. In der Hauptstadt Frankreichs möchte sie die Welt entdecken und interessante Menschen kennen lernen. Während ihres Aufenthaltes wird Dilili bald auf eine ganze Reihe merkwürdiger Entführungen aufmerksam. Die Opfer sind junge Frauen. Gemeinsam mit dem Botenjungen Orel versucht sie, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Dabei treffen die Zwei auf allerlei skurrile Gestalten aus allen sozialen und gesellschaftlichen Schichten.

Acht Jahre nach dem Computeranimationsfilm „Kiriki und die Männer und Frauen“ meldet sich Trickfilm-Spezialist und Regisseur Michel Ocelot zurück. Der mittlerweile 76-jährige rückt seit jeher gerne Figuren (sehr häufig Kinder) aus afrikanischen oder orientalischen Regionen in den Mittelpunkt seiner Werke. Mutige und vielschichtige Charaktere, die sich nicht selten Vorurteilen und Ablehnung ausgesetzt sehen – oft aufgrund ihrer Hautfarbe. Dilili geht es da nicht viel anders.

Immer wieder erkennt man – zwischen den Zeilen und sehr subtil eingestreute – Anflüge von Fremdenfeindlichkeit und Voreingenommenheit bei den Menschen, mit denen das selbstbewusste Mädchen ins Gespräch kommt. Ferner geht es um Fragen der eigenen Identität und Zugehörigkeit, die sich Dilili stellen muss. Themen und Inhalte, die heute aktueller sind denn je. All dies gibt „Dilili in Paris“ als komplexen und tiefgründigen Animationsfilm zu erkennen, der zum Nachdenken anregt und den Bogen in die Gegenwart schlägt.

Doch zunächst überwiegt eine positive Grundstimmung, die sich vor allem bei Dililis Ankunft in der Hauptstadt zeigt. In den Szenen, in denen sie ihren Enthusiasmus und ihre Begeisterung förmlich herausschreit, wirkt ihre Lebensfreude höchst ansteckend. Mit ebensolchem Tatendrang geht sie bei der Auflösung der Entführungsfälle zu Werke. Auch wenn Ocelot spätestens ab der Mitte des Films das Rätsel um die verschollenen Mädchen sowie die „Ermittlungen“ der beiden Hauptfiguren leider immer mehr vernachlässigt. Das mag daran liegen, dass diese Entführungsfälle, in denen ein mysteriöser Geheimbund verstrickt ist, dem Film ohnehin schon eine dunkle, düstere Note verleihen – und Ocelot sein Werk daraufhin nicht noch unheilvoller und bedrohlicher erscheinen lassen wollte, in dem er den erzählerischen Schwerpunkt gänzlich auf die Tätersuche legt.

Vielmehr konzentriert er sich auf die Darstellung der goldenen Ära der Belle Époque. Jener, rund 30 Jahre währenden Phase in der Geschichte Europas, in der es in vielen Ländern zum wirtschaftlichen Aufschwung kam und die Menschen von Kriegen verschont blieben. Die Kunst blühte auf und man genoss das Leben in den Varietés, Cafés, Konzertsälen und Galerien – vor allem in Paris.

An dieser Stelle beweist Ocelot große Sorgfalt und viel Liebe zum Detail, wenn Dilili im berühmten Moulin Rouge einkehrt, die prachtvolle Pariser Oper besucht oder über die Wucht und Größe des gerade erbauten Eiffelturms staunt. Darüber hinaus geben sich einige der bekanntesten Künstler, Wissenschaftler, Schriftsteller Revolutionäre und  Ingenieure der damaligen Zeit ein wahres Stelldichein. Dabei übertreibt es Ocelot jedoch etwas, wenn Dilili gefühlt im Minutentakt (und meist nur sehr kurz) auf eine Vielzahl an historischen Figuren trifft, darunter Henri de Toulouse-Lautrec, Marcel Proust, Gustave Eiffel oder Marie Curie. Der Filmemacher hätte sich lieber auf ein paar wenige aber dafür nachhaltigere und tiefergehende Begegnungen konzentrieren sollen.

Björn Schneider