Disconnect

Chaträume, SMS, Internet: In der medialisierten Welt verschiebt sich die zwischenmenschliche Kommunikation zunehmend in technische Gefilde. Welche Folgen das haben kann, davon erzählt Henry Alex Rubin in seinem Ensembledrama „Disconnect“, das viele Aspekte anschneidet, dadurch zwangsläufig etwas thesenhaft wird, aber mit einer starken Schauspielerriege aufwarten kann.

Webseite: www.weltkino.de

USA 2012
Regie: Henry Alex Rubin
Buch: Andrew Stern
Darsteller: Jason Bateman, Hope Davis, Frank Grillo, Michael Nyqvist, Paula Patton, Andrea Riseborough, Alexander Skarsgard, Jonah Bobo
Länge: 115 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 31. Januar 2014

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Fernsehjournalistin Nina (Andrea Riseborough) ist einer heißen Geschichte auf der Spur: Sie recherchiert über Jugendliche, die in Chaträumen erotische Unterhaltung anbieten. Dabei stößt sie auf Kyle (Max Thieriot), der in einem Interview freimütig über sein Leben und seine Arbeit berichtet. Nina bietet Kyle ihre Hilfe an, doch das bringt beide in Gefahr.

Cindy Hull (Paula Patton) finden nur in einem Chatraum die Nähe, die ihr Mann Derek (Alexander Skarsgard) ihr nicht geben kann. Vor einigen Monaten ist das Baby des Paares gestorben, dass seitdem im Schockzustand verharrt. Als plötzlich die Kreditkarten überzogen und die Konten leer geräumt sind, engagieren sie den privaten Ermittler Mike (Frank Grillo), der sie über die Gefahren des Internets aufklärt.

Mikes Sohn Jason (Colin Ford) nutzt derweil zusammen mit einem Kumpel das Internet auf seine Weise: Mit einer falschen Identität suggerieren sie Ben (Jonah Bobo), dem Außenseiter ihrer Schule, Freundschaft vor. So weit treiben sie das Spiel, bis Ben durch ein intimes Foto zum Gespött der ganzen Schule wird – und einen Selbstmordversuch begeht, nach dem er im Koma liegt.

Bens Vater Rich (Jason Bateman) ist Medienanwalt und mehr mit seinen Klienten beschäftigt, als seiner Familie. Während seine Frau Lydia (Hope Davis) und die Tochter Abby (Haley Ramm) an Bens Krankenbett wachen, versucht Rich verzweifelt einen Schuldigen für das Unglück zu finden – und verdrängt seine eigene Nachlässigkeit.
Viele Figuren und Geschichten erzählt das Drehbuch von Andrew Stern, die auf mal organische, mal forcierte Weise miteinander verbunden sind. Was sie verbindet ist ein Thema, das seit Jahren auch in zunehmendem Maße durch die Medien geistert: Immer mehr Zeit verbringen die Menschen der westlichen Welt vor den diversen Bildschirmen von Computern, Smartphones, ipads und all den anderen technischen Spielereien, die das Leben zwar auch unkomplizierter machen, oft aber Unkompliziertheit nur vortäuschen.

Und hinter denen vielfältige Gefahren drohen, von denen „Disconnect“ in thesenhafter Weise erzählt: Identitätsdiebstahl durch fahrlässig ausgebreitete persönliche Daten, unterstützt durch Passwörter, die allzu oft nur aus Geburtsdaten bestehen. Ein besonders heikles Thema ist das Cybermobbing, das durch die (scheinbare) Anonymität des Internets noch verstärkt wird. Doch gerade dieses Thema wird hier – durch die vielen Figuren und Geschichten, die angerissen werden – sehr schematisch behandelt: Vom Chatten über Veröffentlichung eines intimen Fotos bis hin zum Selbstmordversuch dauert es nur drei, vier Szenen, was zwangsläufigerweise emotionale Komplexität ausschließt.

Es ist die bekannte Krux eines Ensemblefilms, das bei der Fülle an Figuren oft nur Zeit für grobe Striche bleibt. Gerade wenn solch ein Ensemblefilm auch noch ein so vielfältiges Thema wie Kommunikationsprobleme in virtueller und realer Welt behandelt, ist es schwer, nuanciert zu erzählen. Meist bleibt „Disconnect“ dadurch an der Oberfläche des Diskurses über Internetkriminalität oder Cybermobbing. Vor allem das starke Schauspielensemble macht Henry Alex Rubins Spielfilmdebüt sehenswert und deutet die emotionalen Folgen dessen an, was hinter den kalten Bildschirmoberflächen passiert.

Michael Meyns