Distanz

Ähnlich wie „Der freie Wille“ interessiert sich auch dieser Film für das subtile Innenleben und die kriminelle Energie eines Serientäters. Wo Jürgen Vogel einst einen resozialisierungswilligen Vergewaltiger spielte, wählt „Distanz“ ein anderes Extrem: es ist das interessante Psychogramm eines Serienkillers, der sich tagsüber hinter seiner bürgerlichen Fassade versteckt. Für Ken Duken (der einen Minipart in Tarantinos „Inglourious Basterds“ besetzte) dürfte es die Rolle sein, auf die er jahrelang gewartet hat.

Webseite: www.distanz-film.de

Deutschland 2010
Regie und Buch: Thomas Sieben
Darsteller: Ken Duken, Franziska Weisz, Josef Heynert, u. a.
Länge: 82 Minuten
Verleih: AV Visionen
Kinostart: 19.8.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Viele Worte sagt er nicht. In der Welt von Daniel (Ken Duken) ist alles so leise und still, dass man sich berechtigterweise Sorgen machen muss. Die männlichen Kollegen im botanischen Garten fühlen sich von seiner Unnahbarkeit provoziert, selbst das herrische Gebaren des Chefs lockt den Eigenbrötler nicht aus der Reserve. Zu allen bleibt Daniel auf Abstand, auf Distanz eben. Dass sich ausgerechnet die Ex-Freundin vom Boss in den stillen Gärtner verguckt, ist der Beginn einer verhängnisvollen Liebe.

Ist es überhaupt Liebe? Jana (Franziska Weisz) fühlt sich von der geheimnisvollen Aura, die Daniel umgibt, zu gleichen Teilen magisch angezogen und erotisch aufgeladen. Es ist, wie die Zuschauer schon früh erfahren, die Aura des Todes. Daniel ist ein Serienmörder, der unbemerkt und aus kühler Distanz seine Opfer zur Strecke bringt. Anfangs lässt er Pflastersteine von Autobahnbrücken plumpsen, später erlegt er im Görlitzer Park in Berlin die Spaziergänger wie ein Heckenschütze. Er kennt die Opfer nicht, die Anonymität des Tötens ist sein Antrieb. Eine scheinbar emotionslose, vom Leben entsagte Figur, die sich auch den Gefühlen verweigert. Das Motto des Films ist zugleich ein zutiefst romantisches Motiv der Filmgeschichte: Kann die Liebe einer Frau über das Böse im Mann siegen?

Regisseur Thomas Sieben geht seiner Fragestellung in zeitlupenhaften Bildern nach, die sich dem langsamen Erzählfluss anpassen. Verzichtet auf Filmmusik, Anspielungen oder psychologische Erklärungsversuche, die das Handeln seines Protagonisten rechtfertigen und in ein Schema pressen würde. Sein Killer ist nicht der psychisch gestörte Triebtäter, der bereits als Kind geschlagen oder missbraucht wurde und sich nun an der Menschheit (oder an Gott) rächen will. Das ist dem Regisseur zu einfach. Stattdessen fokussiert er sich auf die Beziehung seiner zwei Hauptfiguren, die von starken Hauptdarstellern verkörpert werden. Die Coolness von Ken Duken kontrastiert Franziska Weisz mit einem gehörigen Hauch bürgerlicher Mittelstandsvernünftigkeit, die zeigt: Ich bin die ausgleichende Kraft, der Ruhepol, der das vermeintliche Biest zähmen soll.

Doch so monströs Daniels Taten auch sind, zum Biest wird er nicht verklärt. Er ist schlichtweg ein Täter, dem die emotionale Verbindung zu sich und seinen Handlungen entglitten ist. Was ist Moral? Was ist gut und böse? Dieser Killer bewegt sich in einem anderen Wertesystem, in dem Töten weder einen Drang stillt noch zu einem Rausch wird – es passiert einfach so nebenbei.

David Siems

Eine Krankheitsgeschichte. Daniel Bauer arbeitet im Botanischen Garten zu Berlin. Er ist oft allein, verschlossen, geistesabwesend. Warum?

Er ist sehr krank, leidet an schizoiden Zuständen. Auf der einen Seite gilt er als arbeitsamer Mann, auf der anderen ist er – bewusst oder unbewusst – ein Mörder. Im Park erschießt er Jogger.

Menschen wie Daniel sind erwiesenermaßen Einzelgänger, haben kein Interesse an intensiven Aktivitäten, Sex oder engen Beziehungen. Große Emotionen kennen sie nicht. Gegenüber Lob oder Kritik von anderer Seite sind sie gefühllos.

Trotzdem lernt Jana Daniel kennen, nähert sich ihm an, wird enttäuscht, ja wird sogar aus seiner Wohnung geschmissen. Doch Jana gibt nicht auf. Aufgrund ihrer Hartnäckigkeit entstehen eine Liebesbeziehung und Zukunftspläne.

Dann allerdings scheint sich die Schlinge zuzuziehen. Die Polizei steht vor der Tür. Christian, ein Kollege, der Jana gerne für sich hätte, äußert einen schweren Verdacht. Jana selbst findet schließlich in Daniels Tagebuch den Beweis für die Morde.

Wie wird sie sich verhalten? Zu Daniel stehen oder gehen?

Und sind Menschen mit einer solch schweren Schizophrenie nicht stark selbstmordgefährdet?

Wie gesagt eine Krankheitsgeschichte: Drückend, grau, ruhig, lauernd. Explosionsgefahr. Der schlimme, schwankende Verlauf einer solchen Existenz ist sehr wahrheitsnah beobachtet. Der Autor und Regisseur hatte Mut, dieses Thema aufzugreifen. Das Vorhaben ist gelungen – mehr nicht.

Franziska Weisz (Jana) und Ken Duken (Daniel) spielen ihre Rollen gut. Ken Duken ist Koproduzent und nutzte daher die Gelegenheit, sein Licht nicht gerade unter den Scheffel zu stellen. Manchmal ein wenig zuviel. Aber immerhin, er überzeugt.

Für Interessierte.

Thomas Engel