Django Unchained

Strukturell so konventionell wie nie, inhaltlich so gewagt wie nie. Das ist Quentin Tarantinos Western bzw. Southern „Django Unchained“, der die Odyssee des Sklaven Django erzählt, seine Frau Broomhilda (!) wieder zu finden. Mit teilweise extremer Brutalität schildert Tarantino die Machenschaften des Sklavenhandels und scheut dabei auch nicht vor politisch höchst unkorrekten Wahrheiten zurück.

Webseite: www.djangounchained.de

USA 2012
Regie, Buch: Quentin Tarantino
Darsteller: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Don Johnson
Länge: 165 Minuten
Verleih: SONY
Kinostart: 17. Januar 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zeit seiner Karriere hat sich Quentin Tarantino als Schwarzer ehrenhalber gefühlt oder, um den Titel von Norman Mailers berühmtem Essay zu bemühen: als White Negro. Seine Filme bemühten sich, die Coolness der schwarzen Kultur zu assimilieren, stellten lässige schwarze Figuren gleichberechtigt neben weiße und benutzten so häufig das N-Word – der seit Jahrzehnten aus dem Sprachgebrauch gestrichenen Beleidigung „Nigger“ – das schwarze Regisseure wie Spike Lee ihm Rassismus unterstellten. Es ist also gleichermaßen konsequent wie wenig überraschend, dass es ausgerechnet Quentin Tarantino ist, der einen der schonungslosesten Filme über die Sklaverei gedreht hat, der je aus Hollywood kam.

Das „Django Unchained“ bei allem Realismus, bei allen authentischen, brutalen, abstoßenden Details über Leben und Sterben in den amerikanischen Südstaaten Mitte des 19. Jahrhunderts, auch durch und durch ein Tarantino-Film ist, hätte ein Problem sein können. Doch im Gegensatz zu der Nazi-Phantasie „Inglourious Basterds“, die nicht in der Realität sondern im Tarantino-Kosmos spielte, ist „Django Unchained“ zwar natürlich auch ein Spiel mit Genres und Zitaten, aber vor allem auch eine stringente Geschichte in historischem Setting. Noch nie hat Tarantino einen Film gedreht, der so einfach und linear erzählt war: Vom ersten Bild an, wenn Django zusammen mit anderen Sklaven in Ketten durch die karge Steppe getrieben wird (und dazu die Titelmusik von Sergio Corbuccis Original „Django“ zu hören ist), bis zum letzten Bild, wenn Django endlich seine Ketten gesprengt hat, gehört der Film ganz Django.

Anfangs zwar noch als Assistent des deutschen Kopfgeldjägers King Schultz (Christoph Waltz), doch im zunehmenden Verlauf der Geschichte immer aktiver, immer selbstbewusster werdend, springt Tarantino nie von Djangos Suche nach seiner versklavten Frau Broomhilda (Kerry Washington) weg. Ein paar Flashbacks erzählen die Hintergründe ihrer Trennung, aber keine der von Tarantino sonst so geschätzten Spiele mit Erzählstruktur- und zeit lenken von der eigentlichen Geschichte ab.

Und die führt Django und Schultz nach anfänglichen Eskapaden, die sich als harmloses Vorspiel erweisen werden, schließlich auf das Anwesen von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio), das schlicht Candyland heißt. Dort lebt Broomhilda, dort finden brutalste Kämpfe zwischen Schwarzen zum Vergnügen der Weißen statt, dort zeigt sich Tarantinos Wagemut in reinster Form: Denn nicht nur der sadistische Candie steht Django im Weg, sondern nicht zuletzt der Haussklave Stephen (Samuel L. Jackson), der alles daran setzt, Djangos Pläne zu durchkreuzen. Dass eine der heuchlerischsten, widerlichsten Figuren in einem Film über Sklaverei selbst ein Schwarzer ist, ist ein dramaturgischer Schachzug, der die ganze Perfidie des Systems der Sklavenhaltung aufzeigt.

Sparsam wie nie geht Tarantino mit Zitaten und Verweisen an klassische Western und Spaghetti-Western um, vor allem die eingesetzte Musik verweist auf die 70er Jahre, dabei aber in erster Linie auf das Blaxploitation-Kino. All diese Zutaten machen „Django Unchained“ zu einer wilden Mischung aus schwarzer Selbstbefreiung, Hommage an klassische Western, authentischer Darstellung der Sklaverei und typischem Tarantino-Kino. Dass ist zwar einerseits so verspielt wie eh und je, wächst aber an seiner Thematik und ist daher oft auch so erwachsen und ernsthaft, wie Tarantino bislang selten war.

Michael Meyns

„Wilder Westen“. Dr. Schultz nennt er sich und ist von Beruf Kopfgeldjäger. Im Wald trifft er auf eine Gruppe von Sklavenhändlern, mit denen er kurzen Prozess macht. Denn er schießt schnell. Fünf Gefangene sind es. Vier lässt er frei, den Fünften, Django, nimmt er mit sich. Aber nicht als Sklave, sondern als freier Mann. Django hat sogar ein Pferd – ein schwarzer Sklave auf einem Pferd, das hat es im damaligen Amerika wahrlich noch nie gegeben.

Die Brittle-Brüder waren es, die Django, als er noch Gefangener war, so sehr gequält haben. Also müssen sie dran glauben. Als Dr. Schultz und Django sie gefunden haben, leben sie nicht mehr lange.

Jetzt muss es weiter gehen, Djangos Frau muss gefunden werden – denn er war verheiratet, bevor seine Frau Broomhilda, Hildi genannt und ein wenig deutsch sprechend, bei dem bösen Calvin Candie gelandet ist. Als Schultz und Django auf Candies feudaler Farm eintreffen, wird Hildi, weil sie beim Fliehen gefasst wurde, gerade nackt im sogenannten Schwitzkasten gefangen gehalten – dann jedoch frei gelassen. Stephen, ein alter Schwarzer, fungiert als Oberaufseher. Er und Candie sind so etwas wie Freunde.

Bei einem festlichen Mahl geht es darum, dass Schultz Candie einen Sklaven abkauft. Zuerst soll es aus Gründen der Tarnung der “schwarze Herkules“ sein, in Wirklichkeit natürlich Hildi. Doch da merkt der schlaue und gegenüber allen und allem misstrauische Stephen, dass Django und Hildi sich kennen. Schnell lässt er es Candie wissen. Jetzt kann es nur noch Gegnerschaft, Kämpfe, Gefangensetzung und Tote geben. Wird doch auch noch ein wenig Glück dabei herausschauen?

Ein echter Tarantino. Glänzend geschrieben und glänzend in Szene gesetzt. Wie immer mit einer gehörigen Portion Zynismus und viel, viel Blut. Neben dem ernsthaften und unerlässlichen Thema des Kampfes gegen die verruchte Sklaverei, nimmt Tarantino das Sujet, sich selbst und die Kinozuschauer immer auch ein wenig auf den Arm. Ironie gehörte schon immer zu seinen Markenzeichen. Was zusätzlich gesagt werden muss: Mit der Realität hat der Film nichts zu tun.

Ein glänzendes Kinostück. Tarantino hat Oscar-Preisträger Christoph Waltz verpflichtet, der den Dr. King Schultz spielt. Und wie! Ein Vergnügen. Jamie Foxx verkörpert den Django – Oscar-Preisträger, das sagt schon viel. Oscar-Preisträger Samuel L. Jackson gibt den Stephen – auch das sagt viel. Leonardo DiCaprio ist Calvin Candie, Oscar-nominiert – sagt das nicht auch viel? Schließlich sind die schöne Kerry Washington als Broomhilda und andere dabei.

Wieder ein echter Tarantino-Kino-Brüller.

Thomas Engel