Don’t Worry, weglaufen geht nicht

Wenn Ausnahme-Regisseur Gus van Sant die Biografie eines exzentrischen Cartoonisten erzählt, ist mehr zu erwarten als ein bieder bebilderter Wikipedia-Eintrag. John Callahan (Joaquin Phoenix) ist schon in jungen Jahren ein ziemlicher Säufer. Nach einem Autounfall findet er sich im Rollstuhl wieder. Der Schicksalsschlag steigert seinen Sinn für bösen Humor massiv. Und mündet in sarkastische Cartoons, die von den einen angefeindet und von den anderen gefeiert werden. Mit elegant verknüpften Rückblenden entwickelt van Sant das faszinierende Porträt eines Außenseiters, der auf den ersten Blick als selbstgefälliger Kotzbrocken durchgehen könnte. Van Sant blickt traditionell tiefer und kitzelt, wie so häufig, überraschende Sympathiewerte seiner schrägen Figuren heraus.

Webseite: www.dontworry-derfilm.de

USA 2017
Regie: Gus van Sant
Darsteller: Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara, Jack Black, Mark Webber, Udo Kier
Filmlänge: 120 Minuten
Verleih: NFP marketing & distribution 
Vertrieb: Filmwelt Verleihagentur
Kinostart: 16.8.2018

FILMKRITIK:

Mit „The Sea of Trees“ erlebte Palmen-Besitzer Gus van Sant vor drei Jahren in Cannes sein Waterloo. Von diesem furiosen Fiasko hat er sich erholt und kehrt mit dieser Künstler-Biografie über John Callahan in die Regie-Riege der Extraklasse zurück. Die Idee zu dem Projekt brachte ihm sein „Good Will Hunting“-Schauspieler Robin Williams schon vor zwanzig Jahren, der zugleich die Hauptrolle spielen wollte – sehr zur Freude des realen John Callahan. Doch die Drehbücher verschiedener Autoren wollten einfach nicht gelingen. Schließlich schrieb der Regisseur das Skript selbst und ersetzte den verstorbenen Williams durch Joaquin Phoenix, mit dem er vor 23 Jahren „To Die For“ drehte und dessen Bruder River mit „My Private Idaho“ den Durchbruch feierte.  
 
Reichlich Alkohol, dumme Sprüche sowie möglichst viele Partys sind der wichtigste Lebensinhalt des jungen Helden. Bei einer Sauftour kommt es zum verhängnisvollen Autounfall. Beifahrer Callahan erwacht querschnittsgelähmt im Krankenhaus. Schluss mit lustig! An den Rollstuhl gefesselt, erreicht der Alkoholkranke noch nicht einmal die so dringend gebrauchte Wodka-Flasche in seinem Küchenregal. Der Schicksalsschlag gibt Callahan immerhin den Ruck, die Anonymen Alkoholiker aufzusuchen. Geleitet wird das Treffen vom ebenso reichen wie charismatischen Hippie Donnie (Jonah Hill), der die Gruppe gerne in die vornehme Villa einlädt. Zugleich nimmt der Rollstuhlfahrer mit der schwedischen Physiotherapeutin Anna (Rooney Mara) auf, mit der er in der Klinik heftig flirtete. Dank ihrer Hilfe entdeckt er nicht nur die Liebe neu, sondern auch sein Talent als Comic-Zeichner.
 
Für seine bösen und politisch unkorrekten Cartoons findet Callahan schnell Abnehmer. Neben der wachsenden Fan-Gemeinde, die ihn feiert, gibt es empörte Leser, die entrüstete Briefe schreiben oder den Zeichner direkt auf der Straße beschimpfen – für den Künstler das höchste Lob.   
 
Mit fast dokumentarischen Stil bewegt sich die 16-mm-Kamera elegant durch die Straßen von Portland, der Heimat des Regisseurs. Dort brettert der Anti-Held mit dem Rollstuhl durch die Kurven. Fällt er um, lässt er sich von freundlichen Skatern aufhelfen. Beim Kampf gegen seine Dämonen, seine Sucht und Scham bekommt er zwar Ratschläge vom ewig coole Hippie der AA-Gruppe. Letztlich freilich muss Callahan allein sein Schicksal meistern. Mit dem leinwandpräsenten Joaquin Phoenix ist der perfekte Darsteller für die heikle Rolle gefunden. Derweil Jonah Hill seinen komischen Auftritt im Retro-Outfit sichtlich genießt. Allein Udo Kier tut einem etwas leid: Er darf nur mit einem Mini-Auftritt mitspielen, bekommt aber immerhin ein paar Lacher.  
 
Wie fast immer gilt auch bei diesem Gus van Sant die Spielregel: Man muss sich auf die unkonventionelle Erzählweise einlassen, sonst verliert man womöglich schnell den Spaß an der subversiven Sache.
 
Das Objekt der biografischen Begierde verstarb 2010 im Alter von 59 Jahren an den Folgeschäden einer Operation. An diesem Kino-Trip der besonderen Art hätte er sicher sein Vergnügen gehabt – schon allein, weil „Simpsons“-Komponist Danny Elfman den Soundtrack beisteuert.
 
Dieter Oßwald

Wie ein höchst unsympathischer Mann durch das Hilfsprogramm der Anonymen Alkoholiker aus seinen Depressionen geholt wird und zum Mensch wird, erzählt Gus van Sant in seinem neuen Film „Don't worry, he won't get far on foot“, der im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wurde und vor allem dank des einmal mehr brillanten Joaquin Phoenix sehenswert ist.

Ein sympathischer Typ ist John Callahan (Joaquin Phoenix) gewiss nicht. In Portland, im amerikanischen Bundesstaat Oregon, lebt der junge Mann und tut nichts. Zumindest nichts, außer trinken und Frauen anzumachen, Beschäftigungen, denen er mit größter Intensität nachgeht. So kommt es wie es kommen muss, während einer durchzechten Nacht trifft er die verwandte Seele Dexter (Jack Black), man trinkt und trinkt noch mehr, will mit dem Auto zur nächsten Party fahren – und hat einen Unfall.
 
Doch während Dexter praktisch ohne Kratzer davonkommt, ist Callahan von der Brust abwärts gelähmt. Während Sex kaum noch möglich ist, kann Callahan immer noch trinken und verbringt fortan viel Zeit damit, per Rollstuhl zwischen Wohnung und Schnapsladen zu pendeln. Freunde hat er kaum, sein Betreuer hat verständlicherweise keinen Respekt vor ihm, zumal Callahan sich auch nicht selbst respektiert.
 
Erst nach einem erneuten Alkohol-Exzess sieht er ein, dass er an seinem Leben etwas ändern muss. Hilfe erhofft er sich bei den Anonymen Alkoholikern, schließt sich einer Gruppe an, die vom Selbsthilfe-Guru Donnie (Jonah Hill) geleitet wird, der mit seinen langen Haaren auch äußerlich wie eine messianische Gestalt wirkt. Mindestens ebenso wichtig wie das langsame, schmerzhafte Trockenwerden ist für Callahan aber etwas anderes: Mit zittriger Hand beginnt er zu zeichnen, böse, zynische Cartoons, in denen er sich ohne Rücksichtnahme über alles und jeden lustig macht, am meisten jedoch über sich und seine Lage.
 
Seit langem lebt Gus van Sant in Portland, einer der liberalsten Städte Amerikas und so dürfte ihm der 2010 verstorbene John Callahan oft auf den Straßen der Stadt, aber auch in den lokalen Zeitungen begegnet sein. Grund, ihn in einem biographischen Film zu porträtieren, dürfte allerdings eher gewesen sein, dass sich Callahan gut in die Reihe antiautoritärer Figuren einreiht, die van Sant im Lauf seiner Karriere immer wieder interessiert haben. Am Rand der Gesellschaft lebt dieser Mann, agiert eigensinnig, um nicht zu sagen egozentrisch, eckt an, verstört und nimmt gerade was seine künstlerische Arbeit angeht absolut kein Blatt vor den Mund.
 
So überzeugend spielt Joaquin Phoenix diese Rolle allerdings, dass es eine ganze Weile dauert, bis Callahan zu mehr wird, als zu einem Unsympath. Lange mag man sich fragen, warum man sich für einen Menschen interessieren sollte, der sich offensiv ins Unglück stürzt, keinerlei Rücksicht auf Andere nimmt und sich lieber selbst zerstört. Vor allem der Präsenz von Joaquin Phoenix ist es zu verdanken, dass dieser Ansatz gelingt, dass auch die nur lose Dramaturgie, die in gewisser Weise dem Zwölf Stufen Programm der Anonymen Alkoholiker folgt, nicht zu mäandernd wirkt. Ein weiteres Außenseiter-Porträt ist van Sant auch mit „Don't worry, he won't get far on foot“ gelungen, nicht so dicht, filmisch reduzierter als seine besten Filme, aber auch in diesem kleineren Rahmen sehenswert.
 
Michael Meyns

Nach einer wahren Begebenheit erzählt der neue Film von Gus Van Sant die Geschichte des Cartoonisten John Callahan, der als junger Twen dabei ist, sich zu Tode zu saufen. Doch nach einem schweren Autounfall ist plötzlich alles anders. Callahan ist querschnittsgelähmt und fortan auf den Rollstuhl angewiesen. Schwer, das zu akzeptieren. Doch dann entdeckt er sein zeichnerisches Talent. Scheinbar unordentlich inszenierte Filmbiographie, die mehrere Zeitebenen bruchstückhaft miteinander verquickt und dabei auch die Tonart, von selbstmitleidig über komisch bis optimistisch, wechselt.
 
Nein, mögen muss man diesen Kerl wirklich nicht: John Callahan (Joaquin Phoenix), wohnhaft in Portland, Oregon, macht sich über alles und jeden lustig, er hat einen eigenwilligen, mitunter verletzenden Humor. Und: Er säuft wie ein Loch. Als er an diesem Abend auf einer rauschenden Party Dexter (Jack Black) kennen lernt, lässt er sich zu einer Sauftour durch die Stadt überreden. Doch sein neuer Zechkumpan nickt am Steuer ein und baut einen verheerenden Unfall. Als John am nächsten Morgen aufwacht, liegt er querschnittsgelähmt im Krankenhaus. Mit gerade mal 21 Jahren wird er für immer auf den Rollstuhl angewiesen sein. Das hindert ihn allerdings nicht daran, weiter zu trinken. Doch zwei Menschen bringen sein Leben wieder zurück in die Spur. Da ist zum einen die schöne Annu (Rooney Mara), die er in der Reha kennen gelernt hat und nun als Stewardess arbeitet. Zum anderen nimmt John an Treffen der Anonymen Alkoholiker teil, die von Donnie (nicht wieder zu erkennen mit Bart und langen Haaren: Jonah Hill), einem reichen Hippie mit Jesus-Attitüde, geleitet wird. Hier lernt er andere Menschen kennen, ihre Schicksale, ihre Sichtweisen, ihre Erfahrungen. Wichtiger noch: John entdeckt sein zeichnerisches Talent. Mit groben Strichen wirft er freche Cartoons aufs Blatt, die alles andere als politisch korrekt sind. Die wichtigste Lektion steht ihm aber noch bevor…
 
Der neue Film von Gus Van Sant („Good Will Hunting“, „Paranoid Park“) beruht auf der gleichnamigen Autobiographie des Cartoonisten John Callahan (1951-2010). Van Sant bricht die Linearität der Handlung immer wieder auf, in dem er zwei Erzählebenen bruchstückhaft miteinander verquickt, zum einen Johns letzten Tag, an dem er laufen kann, zum anderen seine Bemühungen, nach dem Unfall sein Leben als Rollstuhlfahrer zu akzeptieren. Der Regisseur wirft den Zuschauer unvorbereitet in Situationen, spart durch Ellipsen ganze Handlungspartikel aus und sorgt so für eine interessante Unordnung, die traditionelle Erzählbögen konterkariert. Struktur soll der Film durch das Zwölf-Punkte-Programm der Anonymen Alkoholiker erhalten, doch Van Sant verfolgt dieses Konzept nur halbherzig. Manchmal nehmen die Cartoons auch ein animiertes Eigenleben an und zeugen so vom sperrigen Humor Callahans. „Don’t Worry“ ist, trotz des beklemmenden Schicksals, nämlich auch ein komischer Film. Wenn John mit seinem Rollstuhl an einer Bordsteinkante verunglückt und sich von Jugendlichen aufhelfen lassen muss, ist das vor allem witzig, ebenso jene Szene, in der sich in Johns Wunschfantasie eine willige Krankenschwester auf sein Gesicht setzt. Van Sant verfolgt dabei sein Lieblingsthema: die Suche nach Identität. Wer ist man, wie soll man leben? John muss vor allem lernen, zu vergeben, seiner Mutter, die ihn als Baby zur Adoption freigab und bislang als Entschuldigung für seine Trinkerei herhalten musste, er muss Dexter vergeben, aber auch sich selbst: John hätte niemals zu ihm ins Auto steigen dürfen. Joaquin Phoenix gibt sich gar keine Mühe, aus Callahan einen netten Kerl zu machen. Er flucht, er schimpft, er beleidigt andere und bemitleidet sich selbst. Immer wieder rast er wie ein Wilder mit dem Rollstuhl über die Bürgersteige, fast so, als wolle er sich von allen Fesseln befreien. Eine darstellerische Tour de Force, die ihm so schnell niemand nachmacht.
 
Michael Ranze