Drei Tage und ein Leben

Nach Vorlage des Bestsellers von Pierre Lemaitre erzählt dieser Krimi vom Verschwinden eines sechsjährigen Jungen in der Provinz. Die Suchaktionen der Bewohner bleiben ergebnislos. Dann verwüstet der Jahrhundertsturm „Lothar“ den Wald und vernichtet alle Spuren. 15 Jahre später kehrt der Medizinstudent Antoine in das Dorf zurück. Er weiß, was damals geschah. Und möchte unbedingt verhindern, dass das Geheimnis um den mysteriösen Fall gelüftet wird. An diesem spannend inszenierten Schuld und Sühne-Drama mit überraschenden Wendungen hätte auch ein Chabrol wohl sein Vergnügen gehabt.

Webseite: https://atlas-film.de/drei-tage.html

Frankreich 2019
Regie: Nicolas Boukhrief
Darsteller: Sandrine Bonnaire, Pablo Pauli, Charles Berling
Filmlänge: 120 Minuten
Verleih: Atlas Film GmbH, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 3. September 2020

FILMKRITIK:

Die weihnachtliche Idylle trügt im kleinen Dorf in den Ardennen anno 1999. Die Arbeiter der Fabrik streiten lautstark über Streik. Ein Hund wird vom Auto überfahren. Der zwölfjährige Antoine reagiert mit ohnmächtiger Wut, als er zufällig Zeuge wird, wie seine heimliche große Liebe einen Rivalen küsst. Spontan zerstört er das Baumhaus, das er dem Mädchen eigentlich am nächsten Tag schenken wollte. Neugierig will sein sechsjähriger Kumpel Rémi wissen, was denn mit ihm los sei.

Wenig später herrscht große Aufregung im Dorf. Rémi wird von seinen Eltern vermisst, keiner scheint den Jungen gesehen zu haben. Beim Verhör fällt den Polizisten auf, dass einige Angaben von Antoine nicht stimmen. Auch der Vater des Vermissten gerät unter Verdacht, weil sein Alibi falsch scheint. Schließlich wird ein polnischer Metzger verhaftet, die Fernsehnachrichten melden den Verdacht auf ein Sexualvergehen. Die Nerven des verzweifelten Vaters liegen blank, als er beim Weihnachtsgottesdienst lautstark eine gemeinsame Suchaktion fordert. Am nächsten Morgen macht sich das Dorf geschlossen auf die Suche, nur die Kinder müssen zu Hause bleiben. Die Aktion verläuft ergebnislos und soll am nächsten Tag fortgesetzt werden. Doch in der Nacht tobt der Jahrhundertsturm „Lothar“, der den Wald verwüstet und alle Spuren vernichtet.

15 Jahre später kommt Antoine nach seinem Medizinstudium zu Besuch ins Dorf. Statt die Praxis des väterlichen Freundes zu übernehmen, will er lieber ins Ausland gehen. Das Treffen mit seiner große Liebe von einst entwickelt sich schnell zum heißen Flirt, der freilich nicht ohne Folgen bleibt. Konsequenzen könnten alsbald auch jene umfangreichen Aufräumarbeiten im Wald nach sich ziehen, mit denen die Sturmschäden nach Jahren endlich beseitigt werden sollen. Der Held gerät plötzlich in massive Handlungsnot. Immer neue Geheimnisse werden entlarvt, die Ereignisse überschlagen sich – der doppelte Boden erweist sich als mindestens drei- bis vierfach.

Die beklemmende Atmosphäre in diesem packenden Psychothriller ist von Anfang an spürbar, woran die exzellenten Schauspieler einen großen Anteil haben. Selbst ein harmloser Spaziergang der Kinder mit dem Hund scheint Gefahren zu bergen – prompt passiert alsbald ein erstes Unglück. Kaum wird der kleine Rémi vermisst, wachsen Misstrauen und Verdächtigungen im Dorf. Besonders belastend wird die Situation für Antoine, denn er kennt ein Geheimnis, das ihm schwer auf dem Gewissen lastet. Im Mittelteil geht dem Schuld- und Sühne-Drama spürbar die dramaturgische Luft aus – eine Viertelstunde weniger hätte auch diesem Zweistünder allemal gut getan. Im letzten Drittel wird die Spannungsschraube wieder erfolgreich angezogen. Unerwartete Wendungen sorgen für hübsche Überraschungsmomente. Bei manchem braven Bürger fallen die freundlichen Fassaden. So viel Tragik und ein Todesfall machen ein Happy End unmöglich? Man sollte sich nicht täuschen lassen!

Dieter Oßwald