Drei von Sinnen

„Drei von Sinnen“ handelt von einem skurrilen Experiment dreier Freunde. Sie reisen zur Atlantikküste und verzichten dabei abwechselnd aufs Hören, Sehen und Sprechen. Die inszenatorisch schlicht und reduziert gehaltene Doku beobachtet die Drei bei dieser außergewöhnlichen Sinneserfahrung. Und liefert einige bemerkenswerte, interessante Erkenntnisse: über die Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen sowie die Bedeutung gegenseitigen Vertrauens, sobald man auf gewohnte Fähigkeiten verzichten muss.

Webseite: www.dreivonsinnen.de

Deutschland 2016
Regie & Drehbuch: Kerim Kortel
Darsteller: Bart Bouman, David Stumpp, Jakob von Gizycki
Länge: 99 Minuten
Verleih: Artvid Productions
Kinostart: 15. Juni 2017

FILMKRITIK:

Ein Experiment der ganz besonderen Art wagen die drei Freunde Bart, David und Jakob. Sie begeben sich auf eine Reise zur französischen Atlantikküste – ohne Sinne. Heißt: einer von ihnen darf jeweils nichts sehen, sagen oder hören, was durch Augenpflaster, Kopfhörer und ein Schweigegelübde sichergestellt wird. Inspirieren ließen sie sich dabei von den berühmten Affen,  die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten. Nach einer Woche tauschen die Freunde ihre „Handicaps“. Ein bizarres, und vor allem herausforderndes Experiment, das die  Freundschaft der drei Männer auf die Probe stellt. Denn die nunmehr eingeschränkten Möglichkeiten zur Kommunikation, stellen alle vor große Herausforderungen.

Bart Bouman, David Stumpp und Jakob von Gizycki sind seit vielen Jahren befreundet und stammen vom Bodensee. Von dort aus begaben sie sich im Sommer 2014 auf ihre abenteuerliche Reise an die französische Atlantikküste – größtenteils zu Fuß und mit dem Zug. Dabei ließen sie sich von einem Filmteam um Regisseur Karim Kortel begleiten. Die Kamera hielt fest, wie sich das Fehlen der Sinne auf ihre Freundschaft aber auch auf jeden individuell, auswirkt.

Die Frage, was einen dazu treibt, sich auf ein derart gewagtes, bizarres Experiment einzulassen, ist berechtigt. Laut eigener Aussage wollten die Freunde in erster Linie herausfinden, was der Verlust eines Sinnes mit einem macht. Sie taten es daher vor allem für sich selbst. Aber: der Film behandelt sicher kein wahnwitziges Projekt dreier junger, gesunder Männer, die sich einen Spaß daraus machen, für eine gewisse Zeit mit Handicap zu leben. Im Gegenteil: so kontaktierten sie vor dem Dreh z.B. den Blinden- und Sehbehindertenverein um sicherzugehen, dass von deren Seite keine ethischen Bedenken bestehen. Zudem stießen sie im Verlauf der Reise immer wieder auch an ihre Grenzen, zogen das Experiment aber dennoch akkurat und willensstark tatsächlich bis zum Ende durch.

„Drei von Sinnen“ zeigt, wie schwer es ist, ganz plötzlich nicht mehr sehen, hören oder sprechen zu können. Und dabei aber dennoch seinen Alltag weiterhin meistern zu müssen. Ganz alltägliche Dinge wie etwa Kochen oder der Versuch, innerhalb einer Gruppe Entscheidungen zu treffen, werden so zu einem Kraftakt. Kein Wunder, wenn sich einer ein Schweigegelübte auferlegt hat und ein anderer lichtundurchlässige Pflaster auf den Augen trägt. Der Dritte hat Lautsprecher in den Ohren, die permanent ein Störgeräusch abspielen, sowie zusätzliche Kopfhörer.

Spannend und interessant ist mit anzusehen, wie trotz dieser Einschränkungen Probleme gemeinschaftlich gelöst werden. Und, wie mit Stimmungsschwankungen und Streitigkeiten umgegangen wird. Denn davon gab es reichlich. Verstärkt wurden die ohnehin aufgeladenen Emotionen noch durch Hunger, schlechtes Wetter oder durch eine ältere Dame auf einem Campingplatz. Diese äußert in einer Szene ihr Unverständnis gegenüber dem gewagten Experiment. Sie habe selbst einen behinderten Sohn und verstehe nicht, wie man sich freiwillig so etwas antue. Den Machern gebührt Respekt, dass sie diese, aus dem Leben gegriffene Szene nicht herausschnitten. Eine Szene, in der ganz offen und unvermittelt Kritik am Projekt geübt wird.

Der Film verdeutlicht weiterhin, dass die Drei nur durch Vertrauen und die gegenseitige Unterstützung, an ihr Ziel gelangen. Eine wichtige Botschaft, die man so auch auf das Leben allgemein übertragen kann. Inszenatorisch gibt es keine Überraschungen. Chronologisch zeigt der Film die Reise der Protagonisten, vom Start am Bodensee bis zur befreienden Ankunft am Atlantik. Gefilmt wird mit Handkamera, und zwar ausschließlich das, was sich unmittelbar vor der Linse abspielt. Authentisch und unverstellt. Wünschenswert wäre nur noch gewesen, ein paar Infos mehr über die Protagonisten zu erhalten und zu sehen, wie sich ihre Beziehung untereinander seit der Reise verändert hat.

Björn Schneider