Dries

Seit einigen Jahren betreiben immer mehr Modehäuser cineastische Imagepflege. Doch Regisseur Reiner Holzemers fesselnder Fashion-Dokumentarfilm über Dries van Noten ist mehr. Denn der Belgier aus Antwerpen unterscheidet sich eindeutig von den großen Labels, die um Aufmerksamkeit buhlen. Der Flame schaltet weder Werbung in großen Modezeitschriften und zählt zu den wenigen Luxusmodemarken, die keinem großen Konzern angehören. Gezielt widersetzt er sich dem Hype rund um Markenwerte. Dries Van Noten ist ein Modepoet, der mit seinen Kollektionen Geschichten erzählen will. Der spannende Blick hinter die Kulissen ist auch eine Feier der perfekten Handwerkskunst.

Webseite: www.dries-derfilm.de

Dokumentation
Deutschland 2017
Regie und Buch: Reiner Holzemer  
Darsteller: Dries van Noten, Patrick Vangheluwe, Geert Bruloot, Iris Apfel, Pamela Golbin, Suzy Menkes, Etienne Russo, Raf Vandermissen.
Länge: 90 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 29.6.2017

FILMKRITIK:

Ein weicher, grüner Teppich, der an eine Wiese erinnert, verschluckt das Klonk-Klonk der Schuhe auf dem Laufsteg. Bedächtig, wie über Moos, bewegen sich die Models im Saal des Pariser Grand Palais darauf. Vogelgezwitscher ertönt im Hintergrund. Am Ende lassen sich die Frauen langsam auf dem Teppich nieder. Es ist minutenlang ruhig, wie in einem Zen-Kloster. Der verzauberte Moment eines Sommernachtstraums. Und das am ersten Tag der Fashion Week in Paris, an dem die Zuschauer völlig gestresst sind. Modepoet Dries van Noten schuf ihn mit seiner ihm eigenen Mischung aus Performance und Theater bei seiner Sommerkollektion 2015.
 
Eine sinnliche Sequenz, die sich gleich zu Beginn der fesselnden Fashion-Doku einprägt. Zum ersten Mal erlaubt der flämische Mode-Künstler einen filmischen Einblick in den kreativen Prozess seiner Arbeit und verrät seine Inspirationsquellen. Ein ganzes Jahr lang begleitet Regisseur und Kameramann Reiner Holzemer die Entstehung vier neuer Kollektionen. Angefangen von der Auswahl und Gestaltung der üppigen Stoffe, die sich durch aufwendige Blumenstickereien und Prints auszeichnen, über die Kombination der Stücke zu raffinierten, einzigartigen Outfits bis hin zu den spektakulären Pariser Defilees.
 
Sensibel und respektvoll nähert er sich dem Künstler der „Antwerp Six“, der sich seit fast 30 Jahren unabhängig und frei in einer globalisierten Modewelt behauptet und Maßstäbe setzt. „Ich möchte keine kurzlebigen Produkte herstellen“, betont er. Einst hatte der Avantgardist maßgeblichen Anteil daran, Belgien und seine Heimatstadt Antwerpen auf die Landkarte der internationalen Modewelt zu katapultieren. Im Gespräch erinnert er sich an diese turbulente Zeit als er mit den „Antwerp Six“ Furore machte. Dries, der auf Fotos aus dieser Zeit bereits akkurat wirkt, ist der Gemäßigtste unter ihnen. Heute befindet sich sein Atelier unter dem Dach des hohen Lagerhauses am Godefriduskaai. Ein Blick aus diesen Fenstern weitet den Horizont. Die Antwerper Hafenbecken ließ Napeleon vor 200 Jahren ausheben, um die Stadt wirtschaftlich anzuschieben.
 
Wenn sich die schwere Tür des umgebauten Antwerpener Lagerhauses aus dem 18. Jahrhundert öffnet, ist der Weg in eine schönere Welt frei. Wertvolle Antiquitäten stehen neben den ausrangierten Büromöbeln einer Behörde. Kronleuchter, moderne Lampen, asiatische Sitzmöbel und Lacksofas ergeben ein Gesamtbild perfekt kuratierter Zufälligkeit. Dries Van Notens Kleider wirken leger. Doch das Portrait zeigt, dass hinter dieser Lässigkeit detailbesessene Raffinesse steckt. Der Modeguru liebt Brüche, gewagte Kontraste bei Materialien, Texturen, asymetrischen oder androgynen Schnitten, einer ungewöhnliche Farbpalette. Er mixt Klassisches mit Exotischem, setzt maskuline Elemente aus der Männermode für seine Damenkollektionen ein und umgekehrt.
 
Dem allzu Gefälligen fehlt seiner Ansicht nach die Spannung. Es gilt, Schönes auch mal mit Kitsch zu kombinieren. Das betont der Perfektionist mit den erstaunlich jungenhaften Gesichtszügen immer wieder bei seinem kreativen Parcours. Van Notens Kollektionen sind immer auch eine Ode an die Handarbeit und Handwerkskunst. Und so zeigt die Doku seine Angestellten in einer indischen Stickerei nahe Kolkata. „Ich möchte sicher gehen, dass sie jede Saison genug Arbeit haben, um überleben zu können“, sagt Dries. Schon allein deshalb finden sich in jeder seiner Kollektionen feinste Paillettenstickereien. 
 
 „Dries ist der diskreteste Mensch, dem ich je in meinem Leben begegnet bin“, gesteht Regisseur Holzemer. Und so ist es kein Leichtes dem höflichen, peniblen Flamen aus einer großbürgerlichen Familie, der mit angelsächsischer Distinktion auftritt, näher zu kommen. Die professionelle Distanz schwindet für kurze Momente, wenn die Kamera zeigt, wie verspielt er sich seinem Airedaleterrier Harry widmet. Am Ende hat der Zuschauer trotzdem etwas über das Privatleben des zurückhaltenden Modedesigners erfahren. Denn gedreht werden durfte auch in seinem palladianisch-klassizistischen Herrenhaus in Lier, ein 1840 errichtetes kleines Juwel mit parkähnlichem Garten.
 
Einer seiner Rückzugsorte, den er gemeinsam mit seinem langjährigen Partner Patrick Vangheluwe, zu einem perfekten Kunstwerk arrangierte. In Gummistiefeln und dunkelblauen Regencape stapft das 59jährige Ausnahmetalent, abseits der Modehysterie, vorbei an üppigen Blumenbeeten. Behutsam wählt er verschiedene Dahlienarten aus. Man sieht auch seine Gartenarbeit nimmt der enthusiastische Liebhaber der englischen Landschaftsgärten, wie Sissinghurst, ernst. Dass er das Landgut Ringenhof vor über zehn Jahren angeblich kaufte, um seine Beziehung zu retten, verrät er freilich nicht.
 
„Wann habt ihr euch ineinander verliebt?“, fragt Regisseur Holzemer das Paar aus dem Off. Doch Dries blockt geschickt ab. „Was für eine Art Film ist das noch mal?“ kontert er lachend. Und kleinlaut meint Holzemer: „Ich dachte ich versuch’s mal“. Doch für jeden, der sich für Mode und das Geheimnis kreativer Prozesse interessiert, ist die informative Doku Gold wert. Nicht umsonst schwärmt die extravagante Stilikone Iris Apfel von dem belgischen Ausnahmedesigner als „seltenen Schatz“, den es zu hüten gilt. Und wer sich ein Bild von „einem der intellektuellsten Modeschöpfer unserer Zeit“, wie ihn die „New York Times“ lobte, machen will, für den ist der inspirierende Modefilm ein absolutes Muss.
 
Luitgard Koch