Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte

Aus der Arbeit an ihrem fiktiven Film-Porträt "Dürrenmatt im Labyrinth" entwickelte die Schweizer Dokumentarfilmerin Sabine Gisiger nun eine Dokumentation über den großen Dichter. Der Titel "Dürrenmatt-Eine Liebesgeschichte" deutet den Fokus der Betrachtungen an, der jedoch weitestgehend vom Autor und seinem Werk selbst überlagert wird.

Webseite: www.duerrenmatt-derfilm.de

Schweiz 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Sabine Gisiger
Länge: 76 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 5. November 2015
 

FILMKRITIK:

Friedrich Dürrenmatt, legendärer Autor aus der Schweiz, bekannt für Theaterstücke wie "Der Besuch der alten Dame" oder  die Kriminalromane "Der Richter und sein Henker" und den zweifach verfilmten "Das Versprechen" ist ein oft porträtiertes Sujet. Etliche Fernsehdokumentationen haben kaum einen Aspekt von Leben und Werk des 1991 verstorbenen Autors unberührt gelassen. Sabine Gisiger wagt sich dennoch an einen weiteren Dürrenmatt-Film, wohl auch, weil sie den Autor immer wieder als Gast in ihrem Elternhaus erlebte, ihn dabei eher beängstigend fand und erst in der Schule, als sie seine Werke lesen "musste", den Literaten entdeckte.

Ihr Ansatz wird schon im Titel "Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte" deutlich. Sie versucht die langjährige Beziehung zwischen Dürrenmatt und seiner ersten Frau Lotti Geissler, die bis zu Lottis Tod 1983 eine offenbar zutiefst symbiotische Beziehung führten, in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu dienen ihr zum einen Archivaufnahmen Dürrenmatts, die zu erheblichen Teilen dem Dokumentarfilm „Porträt eines Planeten“ entnommen sind, den Dürrenmatts zweite Frau Charlotte Kerr 1984 über ihren Mann drehte. Zum anderen sind das Interviews mit den Kindern aus erster Ehe, dem Sohn Peter und der Tochter Ruth, nicht zuletzt auch Dürrenmatts Schwester Verena. Besonders die Aussagen dieses Trios sind dabei von besonderem Interesse, äußern sie sich doch nur selten in der Öffentlichkeit. Mit Jahren des Abstands – die Geschwister sind inzwischen in den 60ern – zeichnen sie das Bild eines Paares, das ganz ineinander aufging, das seine Arbeit über die gemeinsamen Kinder stellte und offensichtlich bisweilen für Wochen verschwand, wenn es an den Feinschliff eines neuen Stücks ging. Ohne die Hilfe Lottis, so berichtet Ruth, wären die Figuren in Dürrenmatts Stücken nie so eindrucksvoll geworden wie sie sind.

Durchaus interessante Einblicke in eine Künstlerehe, doch wirklich nah kommt man den Personen nicht. Viel, vielleicht zuviel Zeit ist seit Dürrenmatts Tod vergangen, die Erinnerungen an den großen Dichter nicht mehr wirklich lebendig, sondern eher nostalgisch verklärt. So verbringt Sabine Gisiger viel Zeit damit, Ausschnitte aus diversen Inszenierungen oder alte Fernsehauftritte oder Reden des Dichters zu zeigen. Immer mehr verschiebt sich dadurch der Fokus ihres Films, wird weniger zur Beschreibung einer Liebesgeschichte als zum klassischen Porträt eines berühmten Mannes. Das ist durchaus gelungen, auch wenn es angesichts zahlreicher anderer Dürrenmatt-Filme zwangsläufig schwierig ist, noch wirklich Neues zu berichten.

So ist "Dürrenmat t- Eine Liebesgeschichte" vor allem durch die raren Interviews mit Dürrenmatts Kindern und seiner Schwester interessant, bleibt ansonsten jedoch eine eher konventionelle Einführung in Leben und Werk eines berühmten Autors.
 
Michael Meyns