Early Man – Steinzeit bereit

Die britische Filmschmiede Aardman Animation Studios ist untrennbar mit dem Metier der Knetanimation verbunden. Nach „Chicken Run“ und „Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“ inszenierte Nick Park mit „Early Man – Steinzeit bereit“ seinen dritten Kinofilm für das Erfolgsstudio. An die hohe Klasse von „Wallace & Gromit“ reicht das steinzeitliche Fußball-Abenteuer zwar nicht ganz heran, die detailreich ausgestalteten, überaus stimmungsvoll beleuchteten Sets und die feinen Animationen bewegen sich jedoch abermals auf höchstem Knetfilm-Niveau und sorgen für ein visuell sehr ansprechendes Abenteuer.

Webseite: EarlyMan-Film.de

OT: Early Man
USA, Großbritannien, Frankreich 2018
Regie: Nick Park
Dt. Stimmen: Friedrich Mücke, Palina Rojinski, Kaya Yanar u.a.
Laufzeit: 89 Min.
Verleih: StudioCanal
Kinostart: 26. April 2018

FILMKRITIK:

Am Ende der Steinzeit leben die letzten Höhlenmenschen unter Führung ihres Stammeschefs Bobnar (Sprecher OV: Timothy Spall) in einem kleinen, fruchtbaren Krater, während die neu angebrochene Bronzezeit die Steinzeit endgültig abzulösen droht. Als die überlegenen Bronzemenschen den Krater mit ihren Metallwaffen okkupieren, werden die Steinzeitmenschen ins Ödland abgeschoben.

Ein letzter Funken Hoffnung besteht jedoch für die Steinzeitmenschen. Der Junge Dug (Eddie Redmayne) gelangt in die Hauptstadt der Eroberer und bemerkt die Liebe der Bronzemenschen zum Fußball. Also fordert er den Statthalter Lord Nooth (Tom Hiddleston) zu einem Fußballmatch der Steinzeit gegen die Bronzezeit heraus: Bei einem Sieg dürfen Dugs Leute ihr Land behalten, bei einer Niederlage droht ihnen die Versklavung. Der Haken daran: Mit dem Meister Real Bronzio müssen die talentfreien Steinzeit-Kicker einen haushoch überlegenen Gegner besiegen… Gut, dass sich die talentierte Fußballerin Goona (Maisie Williams) den Amateuren als Trainerin anbietet.

Der neue Aardman-Film besticht vor allem mit seiner Machart. Gleich in der Eröffnungsszene erinnert der Kampf zweier Dinosaurier an die wegweisenden Stop Motion-Effekte aus „King Kong und die weiße Frau“, was einen schönen filmgeschichtlichen Bezug herstellt und die analoge Machart des Abenteuers betont. Wo Animationsfilme heute in aller Regel aus Computeranimationen bestehen, fasziniert „Early Man“ auf visueller Ebene mit seinen kleinteilig erstellten Knetanimationen, die nur in manchen Massenszenen um CGI-Effekte erweitert wurden. Besonders gelungen ist hier die bemerkenswert stimmungsvolle Lichtsetzung, die wunderbar zum Urzeit-Setting passt.

Die Ausgestaltung der prähistorischen Welt erinnert bisweilen an den naiven Charme der „Familie Feuerstein“, was gut zum Setting passt. Der typische Aardman-Humor kommt auf, wenn eine Riesenente angreift oder eine interaktive Brieftaube Botschaften auf eine sehr spezielle Weise übermittelt. Gelungen ist auch das Wildschwein Hognob, der von Regisseur Nick Park selbst vertonte Sidekick des Protagonisten, der in einer der komischsten Szenen als unfreiwilliger Masseur reüssiert.

Ein eigenes Kapitel ist die Fußballbegeisterung des Films. Die Geschichte spielt nahe Manchester, der Wiege des Fußballs, und gleich am Anfang punktet „Early Man“ mit einer fantasievollen Variante zur Entstehung des Fußballsports. Später gibt es einige Anspielungen für Fans, unter anderem eine ziemlich lustige auf den Stürmerstar Jürgen Klinsmann, auf Fußball-Sammelkarten oder moderne Fußball-Kommentatoren, die den Spielverlauf aus einer Kabine heraus erläutern. Schön ist auch der Einfall, dass sich die Königin der Bronzemenschen wenig „amused“ darüber zeigt, dass Lord Nooth Mädchen vom Spiel ausschließen will.

Im Vergleich zur ästhetisch starken Machart fällt die Charakterreise der Hauptfiguren etwas fad aus. Dug und die anderen Steinzeitmenschen müssen sich auf ihre Vorfahren besinnen, um zu erkennen, wozu sie imstande sind. Die persiflierende Darstellung der Bronzemenschen als Snobs, die das Jagen, Sammeln und Tauschen gegen Münzprägung und Geldgier eingetauscht haben, bleibt nicht mehr als ein Wink mit dem Zaunpfahl. Am Ende steht die typische Kinderfilmbotschaft von Selbstvertrauen, Teamwork und Freundschaft. Die simple Moral schmälert die Freude an der sehenswerten Bildsprache jedoch kaum.

Christian Horn