Ein Atem

Kind oder Karriere, diese Frage stellen sich unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zwei Frauen in Christian Züberts Spielfilm „Ein Atem“. Die eine ist eine junge Griechin auf der Flucht vor der Krise und der Hoffnung, in Deutschland Fuss zu fassen, die andere eine verheiratete Mutter in Frankfurt, die einen Weg finden muss, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Ein traumatisierendes Ereignis ändert mit einem Schlag das Bild, das man von ihnen hatte – und verändert die Frauenbefindlichkeitsgeschichte in ein allgemeine Ängste widerspiegelndes Drama. Vor allem wie Christian Zübert die Perspektiven beider Frauen separat beleuchtet, macht den Film interessant. Und besonders das herausragende Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen.

Webseite: www.wildbunch-germany.de

Deutschland 2015
Regie: Christian Zübert
Darsteller: Jördis Triebel, Chara Mata Giannatou, Benjamin Sadler, Apostolis Totsikas, Nike Maria Vassil, Pinilopi Sergounioti, Mary Nanou, Akilas Karazisis
97 Minuten
Verleih: Wild Bunch
Kinostart: 28.1.2016
 

FILMKRITIK:

Als sie ihre ohnehin schon lausig bezahlte Arbeit als Zimmermädchen in einem Athener Hotel gekündigt bekommt, beschließt die junge Griechin Elena (Chara Mata Giannatou), ihr Glück in Deutschland zu suchen. Ihren Verlobten würde sie am liebsten mitnehmen, doch der will trotz Griechenlandkrise und unsicherer Zukunftsaussichten die Heimat nicht verlassen. Beim Gesundheitscheck für ihren Job in einer Szenekneipe erfährt die gut deutsch sprechende Elena zu ihrer eigenen Überraschung, dass sie schwanger ist. Das Kellnern kann sie sich abschminken, bekommt aber eine Stelle als Kindermädchen bei einem berufstätigen deutschen Ehepaar vermittelt. Erste Tipps, die kleine Tochter wunschgemäß zu betreuen, holt sie sich via Skype von ihrer griechischen Mutter. Der Zuschauer lernt Elena als eine junge Frau kennen, die weiß, was sie will, die letztlich aber noch unsicher ist, wohin das Leben sie führen wird. Die Arbeit als Kindermädchen, das kann man spüren, ist für Elena eine Notlösung.
 
Tessa (Jördis Triebel), die Mutter des Kindes, ist charakterlich gewiss nicht jene Sorte Mensch, mit der Elena dick Freundin werden wollte. Wirkt Tessa anfangs noch locker und sympathisch, lernt man sie mehr und mehr als eine Art Übermutter kennen, der man’s kaum recht machen kann. Frankfurt, ihr Wohn- und Arbeitsort, wirkt im Unterschied zum zuvor noch in warmen Tönen gezeigten Athen entsprechend kühl und kalt.
 
Dass Tessas Verhalten jedoch eine bestimmte Ursache hat, das macht Regisseur Christian Zübert (zuletzt fürs Kino „Dreiviertelmond“ und „Hin und weg“) in einem zweiten Kapitel deutlich, das er, analog zum ersten mit „Elenas Reise“ überschriebenem Teil seines Films, mit „Tessas Reise“ betitelt. Zu Beginn dieses zweiten Teils wird in der Zeitachse nochmal für ein paar Momente zurück gedreht und werden die Ereignisse, die dem Film eine entscheidende dramatische Wende geben, nun aus einer anderen Perspektive geschildert und Tessas Verhalten damit relativiert und nachvollziehbar gemacht. Man darf es ruhig Schicksal nennen, was hier passiert.
 
Nicht nachvollziehbar allerdings ist, welche Schlüsse die Deutsche aus dem zentralen Ereignis zieht. Welches man, in der Art und Weise wie diese wichtige Szene ganz ähnlich in einer vorangegangenen Situation gefilmt worden ist, durchaus schon erahnen konnte. Verstehen lässt sich Tessas Verhalten nur aus der Ohnmacht heraus, die nicht nur für sie alptraumhafte Situation nicht ungeschehen machen zu können. Im Fall von Elena mögen Panik und Angst dafür ausschlaggebend gewesen sein, plötzlich unterzutauchen.
 
Der Perspektivwechsel ist ein guter, auch wichtiger Kniff von Christian Zübert, alles andere als eine formale Spielerei. Ihm geht es weniger um die Frage, wer hier nun Schuld auf sich geladen oder falsch gehandelt hat. Folglich gibt es für ihn und seine am Drehbuch mitwirkende Frau Ipek Zübert auch kein richtig oder falsch in Bezug auf das emotionale Verhalten. Hier darf jeder Zuschauer und jede Zuschauerin selbst entscheiden, welche Reaktionen auf das Schlüsselschockmoment und was aus ihm folgt sie plausibel finden.
 
Spannend auf jeden Fall ist, wie sich das emotionale Gleichgewicht und der Ton im Laufe der schwungvoll erzählten Geschichte verändern. Vor allem Jördis Triebel durchläuft da ein Wechselbad der Gefühle und überzeugt mit ihrer Darstellung von lockerer Karrierefrau und Mutter über den Kontrollfreak bis hin zur außer Kontrolle geratenen Paranoikerin.
 
Interessant am Rande auch, dass die Männer beider Frauen kein Verständnis für deren Eigenständigkeit entwickeln, sondern offenbar immer noch das alte Rollenmodell der Frau als Hausfrau und Mutter bevorzugen. Dass sich ausgerechnet in jenem Moment, in welchem beide Frauen unabhängig voneinander über ihre persönliche Zukunft entscheiden, das Schicksal gegen sie wendet, ist als Kern dieser Geschichte eine starke Idee. Was im Moment ihres Wiedersehens dann geschieht, passt aber auch zu den inneren und äußeren Widersprüchen, die in den beiden Frauencharakteren angelegt sind.
 
Thomas Volkmann