Ein Chanson für dich

„They never come back!“ – die alte Weisheit will der junge Boxer Jean nicht gelten lassen. Kaum hat er die einstige Eurovision Song Contest-Teilnehmerin Liliane entdeckt, verliebt er sich nicht nur heftig in Madame, die mittlerweile ein ödes Leben als Fabrikarbeiterin führt. Mit einer verwegenen Charme-Offensive will er die Ex-Sängerin zu einem Auftritt in ganz kleinem Rahmen bewegen. Der Coup gelingt, doch die Medien bekommen Wind von dem Comeback. Dank Isabelle Huppert fällt das Ergebnis durchaus sehenswert aus. Mit ihren 64 Jahren trällert der Star der Grande Nation vergnüglich ihre Chansons und zeigt wenig Scheu, mit ihrem jungen Lover in der Badewanne zu turteln.

Webseite: www.EinChansonFuerDich.de

Belgien/Luxemburg/Frankreich 2016
Regie: Bavo Defurne
Darsteller: Isabelle Huppert, Kévin Azais, Johan Leysen, Jan Hmmenecker, Anne Brionne
Filmlänge: 90 Minuten
Verleih: Alamode, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 6.7.2017

FILMKRITIK:

Wie gemein! Wegen einer Band namens „ABBA“ hat die französische Sängerin Liliane beim Grand Prix Eurovision de la Chanson einst ihr Waterloo erlebt. Dass sie damals knapp das Siegertreppchen verpasst hat, ist für die Künstlerin längst Geschichte. Die Karriere hat sie an den Nagel gehängt, stattdessen arbeitet sie in einer Wurstfabrik und verpackt dort apathisch die Pasteten. Das lethargische Leben ändert sich schlagartig, als mit dem jungen Jean ein neuer Kollege auftaucht. Der Hobby-Boxer erkennt den Ex-Star sofort, schließlich war sein Vater ein glühender Verehrer von Liliane. „Mais non!“ will Madame ihre Vergangenheit verleugnen. „Mais oui!“ kontert der Boxer und beginnt eine Charme-Offensive, der seine Kollegin kaum widerstehen kann.
 
Zögerlich lässt sich die Sängerin sogar darauf ein, im kleinen Club ihres Verehrers als Überraschungsgast aufzutreten – vorausgesetzt, niemand erfährt vorab davon. Doch die Medien bekommen Wind von der Sache, prompt wird Liliane in der Fabrik von einem neugierigen Kamerateam überrascht. Durch den vermeintlichen Vertrauensbruch droht der wunderbaren Liebe das Ende, noch bevor sie richtig begonnen hat. Der Charmeur boxt sich freilich erfolgreich ins Herz der Sängerin zurück. Bald plant man gemeinsam ein Comeback von Liliane. Jung-Manager Jean muss allerdings bald erkennen, dass die Wege zum Ruhm ziemlich steinig sein können. Und so steht die Liebe abermals vor einer Bewährungsprobe.
 
Die eher unterkomplexe Story samt der schlicht gestrickten Figuren sowie des überschaubaren Konflikt-Kartenhäuschens mag eher an die Episode einer Seifenoper erinnern. Zum durchaus lohnenden Leinwand-Stück gerät die leichte Komödie jedoch durch ein ambitioniertes visuelles Konzept. Die detailgenaue Retro-Ausstattung von Lilianes Wohnung, die in der Zeit ihres Eurovision-Auftrittes stehen geblieben zu sein scheint, erweist sich als nostalgisches Vergnügen. Dass in fast jeder Szene irgendwie, irgendwo, irgendwann ein roter Gegenstand zu finden ist, gerät zum beiläufigen Suchspiel-Vergnügen. Als ganz großer Trumpf erweist sich, wenig überraschend, die französische Leinwand-Ikone Huppert. Nach dem überaus herben, für den Oscar nominierten Auftritt als Vergewaltigungsopfer in „Elle“, lässt sich hier ihr sichtlich vergnüglicher Auftritt einfach nur genießen – ein kleines, harmloses Wellness-Vorglühen vor Michael Hanekes „Happy End“.   
 
Ein hübsches Liebes-Märchen – in der schnöden Wirklichkeit hatte Frankreich anno 74 seinen Beitrag vom Wettbewerb zum Eurovision zurückgezogen.
 
Dieter Oßwald