Ein einziger Augenblick

Der deutsche Titel verrät es: Ein einziger Augenblick, ein Moment der Unachtsamkeit, der einen tödlichen Unfall verursacht, verändert das Schicksal zweier Familien. Diese melodramatische Familientragödie legt Regisseur Terry George nicht nur als individuelles Drama an, sondern auch als Metapher für die größeren politischen Themen unserer Zeit: Das Verlangen nach Rache, ein Misstrauen in staatliche Institutionen, die Schwierigkeit zu Vergeben.

Webseite: www.eineinzigeraugenblick.de

Regie: Terry George
Buch: John Burnham Schwartz, Terry George
Kamera: John Lindley
Schnitt: Naomi Geraghty
Musik: Mark Isham
Darsteller: Joaquin Phoenix, Jennifer Connelly, Mark Ruffalo, Mira Sorvino, Elle Fanning, Sean Curley
USA 2007, 102 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Tobis
Kinostart: 19. Juni 2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Ein herbstlicher Tag in Connecticut. Familie Learner befindet sich auf dem Heimweg von einem Konzert, bei dem der Sohn Josh aufgetreten ist. Voller Stolz sitzen die Eltern Ethan (Joaquin Phoenix) und Grace (Jennifer Connelly) nun mit Ethan und der Tochter Emma im Auto, bis sie an einer Tankstelle anhalten. Auch der Anwalt Dwight (Mark Ruffalo) ist auf dem Nachhauseweg. Mit seinem Sohn Lucas hatte er einen Ausflug unternommen und ist nun spät dran. Seine streitsüchtige Exfrau Ruth (Mira Sorvino) wartet schon ungeduldig auf ihren Sohn, den sie lieber nicht in den Händen des wenig verlässlichen Dwight sehen möchte. So kommt es wie es kommen muss, Dwight fährt zu schnell, ist einen Moment unachtsam und übersieht in einer unübersichtlichen Kurve Josh, der symbolischerweise gerade einige Glühwürmchen freilassen wollte. Einen Moment hält Dwight an, ahnend, was gerade passiert ist, aber dann fährt er weiter, er braucht nicht noch mehr Probleme in seinem Leben. Doch das schlechte Gewissen plagt ihn, er hadert mit sich und seinem Schicksal und will sich eigentlich schon der Polizei stellen, als eines Tages Ethan in seinem Büro sitzt. Zunehmend von den schleppenden Ermittlungen der Polizei enerviert, versucht Ethan selbst den Täter zu fassen. Im Internet findet er Selbsthilfe Seiten, die ihm einreden den „Mord“ an seinem Sohn nicht ungesühnt zu lassen. Er steigert sich in die Suche nach dem Täter, entfremdet sich seiner Familie, legt alle Hoffnung in den Moment der Rache, der Heilung von seinen Qualen verspricht. Dwight wiederum ringt immer mehr mit seinem Gewissen, seinem Wunsch ein guter Vater, ein moralisches Vorbild zu sein.

 

Dass Ethan ausgerechnet in Dwights Kanzlei landet, er nun also unwissentlich den Täter zur Suche nach dem Täter engagiert ist eine der zahlreichen wenig glaubhaften Drehbuchkonstruktionen. Man kann sich des Eindrucks nur schwer erwehren, dass sich Terry George bei diesem Stoff in erster Linie für die moralischen Fragen interessierte und weniger für eine glaubwürdige Erzählung. Die Folge ist ein Konstrukt, in dem die eigentlich ausgezeichneten Darsteller weniger wie leibhaftige Figuren wirken, als wie Typen, die ganz bestimmte Formen des Umgangs mit einer Katastrophe verkörpern sollen. Dass es George um mehr geht, als eine individuelle Geschichte zeigt auch eine Szene aus der Mitte des Films, die in der Erzählung völlig in der Luft hängt. Da sieht man Ethan zum ersten Mal in seinem Beruf als Universitätsprofessor. Seine Klasse diskutiert im Kontext der Welt nach dem elften September über Fragen wie Stärke, das erlittene Leid, den Wunsch dieses Leid zu sühnen. Für den Film an sich spielt diese Szene keine Rolle, für den Subtext, den George etablieren will ist sie dagegen essentiell. Sie macht deutlich, dass die moralischen Fragen, mit denen sich Ethan und Dwight konfrontiert sehen, auch als Allegorie für die Fragen und Probleme stehen, die sich der westlichen Welt und besonders Amerika in den letzten Jahren stellen. Insofern ist „Ein einziger Augenblick“ weniger als klassische Familientragödie zu sehen, sondern als einer der zahlreichen Filme der letzten Jahre, die sich auf unterschiedliche Weise mit den veränderten politischen Verhältnissen nach dem elften September beschäftigen. Dass sich die meisten dieser Filme – „Im Tal von Elah“, „Redacted“ oder „Rendition“ seien nur genannt – sehr kritisch mit dem amerikanischen Wesen und Selbstverständnis auseinandersetzen sorgte für ihren kommerziellen Misserfolg. Auch „Ein einziger Augenblick“ hat sich in Amerika in diese Reihe eingeordnet, nicht zuletzt auf Grund des Problems, das er weniger filmisch, als thematisch interessant und sehenswert ist.

Michael Meyns