Ein ganz gewöhnlicher Held

Verdammt kalt ist es in Cincinnati. Und darum entschließen sich mehrere Dutzend Obdachlose, die Nacht in der öffentlichen Bücherei zu verbringen. Das ist natürlich so nicht vorgesehen und ruft Polizei, Politiker und Presse auf den Plan. Mittendrin: ein Bibliothekar, der urplötzlich zwischen den verschiedenen Seiten vermitteln muss. Herzensangelegenheit von Emilio Estevez, der das Drehbuch schrieb, Regie führte, produzierte und die Hauptrolle spielt. Es geht um soziale Missstände in Trumps Amerika, um Hilfe für die Schwachen der Gesellschaft. Doch trotz seines wichtigen Themas ist der Film mit griffigen Konflikten und eindimensional umrissenen Figuren zu schlicht geraten.

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The Public
USA 2018
Regie: Emilio Estevez
Darsteller: Emilio Estevez, Alec Baldwin, Jenna Malone, Michael K. Williams, Christian Slater
Länge: 119 Min.
Verleih: Koch Films
Kinostart: 25.7.2019

FILMKRITIK:

Stuart Goodson (Emilo Estevez) arbeitet als Bibliothekar in der öffentlichen Bücherei von Cincinnati. Ein zurückhaltender, schüchterner Mann, vielleicht mit Wunden auf der Seele, und doch versieht er umsichtig und gewissenhaft seinen Dienst und ist zu jedem freundlich und zuvorkommend, auch zu den vielen Obdachlosen, die Tag für Tag vor der Eiseskälte der winterlichen Großstadt in die warme Bibliothek fliehen. Hier können sie miteinander reden, im Internet surfen oder einfach ein Buch lesen. Allerdings hat Stuart einen von ihnen wegen starken Körpergeruchs der Bücherei verwiesen, eine Schadensersatzklage in Höhe von 750.000 Dollar ist die Folge, Stuart wird wohl seinen Job verlieren. Ausgerechnet jetzt ist es in Cincinnati so kalt geworden, dass bereits mehrere Obdachlose auf der Straße erfroren sind. Darum beschließt eine Gruppe von Obdachlosen um ihren Wortführer Jackson (Michael K. Williams), am Abend einfach in der Bücherei zu bleiben. Das ist natürlich so nicht vorgesehen und ruft Polizei, Politiker und Presse auf den Plan. Die Lage spitzt sich zu, Stuart wird notgedrungen zum Vermittler, und dann muss er sich entscheiden, auf welcher Seite er steht.
 
Das ist natürlich ein spannendes Thema, und man ahnt als Zuschauer, warum Emilio Estevez, der nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern auch das Drehbuch schrieb, Regie führte und produzierte, dieser Film so wichtig ist. Es geht um soziale Missstände in Trumps Amerika, um Hilfe für die Schwachen der Gesellschaft, um Solidarität mit den Unterdrückten. Die Bücherei ist dabei die letzte Bastion der Demokratie, in der es noch um Wahrheit geht, in der man Fakten nachlesen kann. Die Macht des Wortes wird vor allem an John Steinbeck und seinem Roman „Früchte des Zorns“ festgemacht, aus dem Stuart einmal vorliest. Die Parallelen zwischen damals und heute sind also unverkennbar, in Amerika hat sich für die Armen nicht viel verändert.
 
Doch in seinem Bemühen, sein Anliegen griffig zu verdeutlichen, hat Estevez schon beim Schreiben des Drehbuchs einige unglückliche Entscheidungen getroffen. Das beginnt mit den sehr eindimensional umrissenen, oberflächlichen Figuren. So spielt Christian Slater einen skrupellosen, eiskalten, aber auch unklugen Staatsanwalt, der Bürgermeister von Cincinnati werden will, aber so unsympathisch ist, dass ihn wohl niemand wählen wird, zumal er gegen einen gutmütigen schwarzen Pastor antreten muss. Gabrielle Union ist als karrieregeile TV-Reporterin zu sehen, die es auf eine Sensation abgesehen hat und es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Und dann befindet sich unter den Obdachlosen ausgerechnet der Sohn des polizeilichen Verhandlungsführers, der nie Profil gewinnt und lieblos aus dem Film verschwindet. Zu allem Überfluss war Stuart früher selbst einmal ein Obdachloser mit krimineller Vergangenheit – was, zusammen mit seinem drohenden Jobverlust, Zweifel an seiner uneigennützigen Hilfsbereitschaft weckt. In all diesen Verwicklungen ist der Film zu forciert.
 
Schade auch, dass er keine Bilder für die Kälte findet. Es gibt keinen Schnee, kein Eis, keinen sichtbaren Atem. Die drohende Lebensgefahr für Obdachlose ist darum nur Behauptung. Und dann endet „Ein ganz gewöhnlicher Held“ mit einer Wendung, die zwar auf originelle Weise überrascht, aber viel zu sehr an Peter Weirs „Der Club der toten Dichter“ erinnert.
 
Michael Ranze