Ein Geschenk der Götter

Es muss nicht immer Schweiger und Schweighöfer sein. Auch Hintergründiges hat beste Chancen beim Zuschauer: Starke Stimmung beim Filmfest München samt Publikumspreis sind der beste Beweis, dass diese hübsche Sozialkomödie trefflich punktet. Erzählt wird von einer Schauspielerin in der Provinz, die nach der überraschenden Kündigung für ein paar Arbeitslose im Jobcenter Theaterkurse anbietet. Nach anfänglichem Widerstand und allerlei Gezänk findet das bunte Grüppchen immer mehr Gefallen an den Proben von „Antigone“. Am Schluss steht ein furioser Auftritt auf der großen Bühne – „Ganz oder gar nicht“ lässt grüßen.

Webseite: www.arsenalfilm.de

D 2014
Regie: Oliver Haffner
Darsteller: Katharina Marie Schubert, Adam Bousdoukos, Canan Kir, Rick Okon, Paul Faßnacht, Rainer Furch, Maik Solbach, Marion Breckwoldt, Katharina Hauter, Eva Löbau.
Filmlänge: 100 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 9.10.2014

AUSZEICHNUNGEN:

BR 3 Publikumspreis. Förderpreise Neuer Deutscher Film Beste Produktion
Filmfest München 2014

FILMKRITIK:

Ulm liegt, wie so oft, im Nebel. Nur das Münster, der höchste Kirchturm der Welt, ragt majestätisch aus den weißen Schwaden. Anna Bischoff kümmert das nicht, die Schauspielerin hat ganz andere Sorgen. „Ach, mich schmerzt das am meisten, aber deine Kunst darf hier doch nicht versauern“, so hat ihr der eitle Intendant des Stadttheaters gerade in der Kantine süffisant die Kündigung serviert. Mehr Mitgefühl findet Anna im Jobcenter, wo eine theaterbegeisterte Sachbearbeiterin ihr spontan anbietet, einen Schauspielkurs für acht Langzeitarbeitslose abzuhalten. Die sollten eigentlich eine Computerschulung bekommen, aber die PCs sind noch nicht bewilligt, also gibt’s ein bisschen Theaterübungen – Hauptsache, sie verschwinden aus der Statistik.
 
Die amtlich gekürten Schauspieler wider Willen reagieren zunächst mit Lethargie und Trotz auf die neue Maßnahme. Doch Mitmachen ist Pflicht, sonst wird die Stütze gekürzt. Die Charmeoffensive von Anne kommt immerhin langsam in Schwung. Ein stolzer Grieche wittert seine Chance zur Selbstdarsteller. Der Streber mit Brille und Studienabschluss sieht sich endlich intellektuell herausgefordert. Dem resignierten alten Schreiner ist ohnehin längst alles egal. Mit gutem Zureden kann Anna schließlich die junge Friseuse und die resolute Erzieherin für ihren Kurs begeistern. Als härtere Nuss entpuppen sich hingegen ein aggressiver Mittfünfziger sowie ein phlegmatischer Jugendlicher, der seine Leseschwäche hinter pampigen Sprüchen versteckt. Auf den Lehrplan hat Anna „Antigone“ gesetzt, jenes Stück, das ihr sehr am Herzen liegt und allmählich auch die Arbeitslosen begeistert. Nach anfänglichem Frust steigt zunehmend die Lust ihrer Truppe am kreativen Schaffen. Kleiner Rückschläge werden gemeinsam überwunden, als das Jobcenter den Kurs unerwartet abbricht, bietet der Schreiner seine alte Werkstatt als Proberaum an und zimmert über Nacht gleich noch die passende Kulisse.  
 
Je länger die Proben, desto mehr erfährt man von den privaten Schicksalen der Protagonisten. Wie die junge Friseuse in ihrem Praktikum ganz selbstverständlich ausgebeutet wird oder der Grieche an seinem Traum vom eigenen Lokal an der Bürokratie scheitert. Warum die zweifache Mutter derart verschüchtert auftritt oder weshalb der verbitterte Teilnehmer sich so aggressiv verhält. Last not least hat auch Anna ihr privates Päckchen zu tragen. Nachdem sie vom kommenden Intendanten des Stadttheaters ziemlich billig angebaggert wird, stürzt sie voll in die Sinnkrise: Noch nie sei sie in einem „Tatort“ aufgetreten, eine drittklassige Provinz-Schauspielerin und echte Versagerin mit „Looser-Titten“ jammert sie reichlich betrunken ihre stets verständnisvollen Mitbewohnerin vor.

Dieses hübsch aufgestellte Figurenkarussell wird mit situationskomischer Gruppendynamik so amüsant und kurzweilig in Schwung gehalten, dass zeitweilige Griffe in die Klischeekiste kaum großartig stören. Als echter Glücksgriff erweist sich die Besetzung. Katharina Marie Schubert („Rubbeldiekatz”) erobert mit charismatischer Lässigkeit souverän die Herzen des Publikums. Adam Bousdoukos gibt den polternden Macho mit weichem Kern so überzeugend wie in seinen Fatih Akin-Filmen. Auch Jungstar Rick Okon beweist mit unbeschwert cooler Leinwandpräsenz, dass er nicht umsonst schon mehrfach für Nachwuchspreise nominiert wurde.

An die ausgefeilte Raffinesse und Frechheit seiner britischen Vorbilder mag diese Sozialkomödie nicht ganz heranreichen – ein formidables Vergnügen mit anrührenden Figuren samt Nachhaltigkeitseffekten bietet sie allemal. Die Begeisterung des bayrischen Publikums für diese Mutmacher-Komödie dürfte sich bundesweit fortsetzen. Nicht nur Albert Einstein und Hildegard Knef stammen aus Ulm – auch clevere Komödien entstehen in der „Hauptstadt des Nebelreichs“.
 
Dieter Oßwald