Ein Haus in Ninh Hoa

Die meditative, sanftmütige Doku „Ein Haus in Ninh Hoa“ porträtiert auf sensible Weise die bewegende Geschichte der vietnamesischen Familie Lê. In den 70er-Jahren verließ ein Familienmitglied die Heimat in Richtung Deutschland, während seine beiden Brüder in die Wirren des Vietnamkriegs gerieten. „Ein Haus in Ninh Hoa“ überzeugt mit seiner ruhigen, unaufgeregten Erzählweise und seiner von Gelassenheit und Entschleunigung zeugenden Bildsprache.

Webseite: grandfilm.de

Deutschland 2016
Regie: Philip Widmann
Drehbuch: Nguyễn Phương-Đan, Philip Widmann
Länge: 108 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 05. Januar 2017

FILMKRITIK:

1975 trennten sich die Wege dreier vietnamesischer Brüder der Familie Lê: während einer in der südvietnamesischen Heimatstadt Ninh Hoa blieb, verschwand ein anderer in den Wirren des Kriegs. Der Dritte wanderte nach Westdeutschland aus und arbeitete dort als Diplomat. Heute leben in einem Haus am Rande der Stadt noch drei verschiedene Generationen der Familie: Eltern, Kinder, Enkelkinder. Das „Palmenhaus“ genannte Anwesen wurde einst von den Kindern des nach Deutschland ausgewanderten Bruders, errichtet. Im Sommer 2014 kommt es in dem von Reisfeldern umgebenen Haus zum familiären Widersehen, als zwei Besucher aus Deutschland nach Ninh Hoa kommen: die älteste Tochter und ihr Bruder. Das Familientreffen ist geprägt von einer bewegenden Reise zurück in die Vergangenheit, den Geistern der Toten sowie schwierigen Entscheidungen, die die Zukunft des „Palmenhauses“ betreffen.

Schon früh interessierte sich Regisseur Philip Widmann für andere Länder, Völker und Kulturen, was sich auch in der Wahl seiner Studiengänge niederschlug: der 36-jährige studierte Kulturanthropologie, Ethnologie und Amerikanistik. Später ließ er sich an der Hamburger Hochschule für bildende Künste im Bereich „Dokumentarfilm“ ausbilden. „Ein Haus in Ninh Hoa“ wurde auf zahlreichen internationalen Filmfestivals gezeigt, u.a. beim „Filmmaker Festival“ in Mailand, dem Hamburger Filmfest oder auch dem Dokumentar-filmfest in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi.

Es dauert in „Ein Haus in Ninh Hoa“ 13 Minuten, bis der Filmtitel eingeblendet wird. Dies steht symptomatisch für die Stimmung und das Tempo des gesamten Werks: entschleunigt, ruhig, langsam. „Ein Haus in Ninh Hoa“ ist ein Film der Langsam- und Gemächlichkeit. Viel Zeit verwendet Regisseur Widmann darauf, die aktuell im Haus lebenden Personen – drei Frauen und ein Mann – in Alltagssituationen und bei ganz alltäglichen Dingen, zu zeigen. Man sieht sie beim Putzen der Wohnung, der Arbeit auf dem Reisfeld oder auch während vieler Gespräche zu den unterschiedlichsten Themen. Widmann wählt dafür lange Einstellungen mit wenigen Schnitten. Diese Technik stellt sich in den Dienst eben jener angenehmen Beschaulichkeit und einer Art gedankenverlorenen Seelenruhe, die der Film ausstrahlt.

Zuvor führt der junge Filmemacher die Umgebung des „Palmenhauses“ in erhabenen Aufnahmen ein. Sekundenlang verweilt die Kamera auf den riesigen Reisfeldern, rückt die umliegenden Nachbarhäuser ins Bild oder zeigt immer wieder auch die Tiere, mit denen sich die Familie das Anwesen teilt – das alles ohne Off-Kommentierung und Filmmusik, denn als tonale Untermalung fungieren einzig die natürlichen Klänge der Umwelt sowie die originale, ortsgebundene Geräuschkulisse. Das alles verleiht dem Film einen hohen Grad an Authentizität, Reinheit und unverstellter Natürlichkeit. Den emotionalen Höhepunkt des Films bildet das Widersehen mit jenem Familienteil, der seit den 70er-Jahren in Bonn lebt.

In der bewegten und bewegenden Familiengeschichte spiegelt sich exemplarisch zudem deutsche sowie vietnamesische Zeitgeschichte wider: die Familie wurde zu einer Zeit entzweit, als die politischen Geschicke der alten BRD noch von Bonn aus gelenkt wurden und das Land Vietnam nach dem Ende des großen Krieges 1975, als solches nicht mehr existierte. Einer der Brüder kehrte nicht mehr aus dem Krieg zurück. Ein Geistermedium soll im Film den Kontakt zum verschollenen Bruder herstellen und das Rätsel um sein Verschwinden lösen. Solange sich dessen Beine nicht im Familiengrab befinden, bleibt er – so besagt es die vietnamesische Tradition – ein „hungriger Geist“, der sich nach seinem Zuhause sehnt.

Am Ende von „Ein Haus in Ninh Hoa“ fasst der letzte in Vietnam lebende Bruder die Familienereignisse auf bewegende Weise nochmals zusammen. Er spricht direkt in die Kamera bzw. wendet sich unmittelbar an den Zuschauer und macht diesen so zu einem Teil des Films.

Björn Schneider