Ein Hologramm für den König

Er gehört zu den verlässlichen Spitzen-Spielern in der Champions-League des (nicht nur) deutschen Kinos. Kaum einer hält die Balance zwischen künstlerisch ambitionierten und kommerziell erfolgreichen Filmen so souverän erfolgreich wie Tom Tykwer. Auch sein neuer Streich gerät zum kreativen Coup. Wie in „Cloud Atlas“ gibt sich Tom Hanks die Ehre. Diesmal versucht er als Handelsreisender dem König von Saudi-Arabien eine moderne Telefonanlage aufzuschwatzen. Dabei zwingt nicht nur die Mentalität seiner Geschäftspartner den modernen Don Quichotte zum Kampf gegen Windmühlen in der Wüste. Auch die längst schwelende Liebes- und Lebenskrise gilt es, fern der Heimat, endlich zu bewältigen. Amüsant, kurzweilig und ziemlich clever entwickelt sich ein Märchen aus 1001 Nacht der etwas anderen Art. Mit Tom (Berlin) und Tom (Hollywood) hat sich ein dynamisches Duo gefunden, das nachhaltiges Arthaus-Kinos so lässig wie unterhaltsam zu präsentieren versteht.

Webseite: http://einhologrammfuerdenkoenig.x-verleih.de

Deutschland / UK 2016
Regie: Tom Tykwer
Darsteller: Tom Hanks, Alexander Black, Sarita Choudhury, Sidse Babett Knudsen, Michael Baral
Filmlänge: 93 Minuten
Verleih: X Verleih, Vertrieb: Warner Bros.
Kinostart: 28. April 2016
 

Pressestimmen:

"Tom Tykwers neuer Film ist so gut, dass man meint, Tom Hanks habe die letzten zwanzig Jahre nur auf diese Rolle hingespielt."
Welt am Sonntag

FILMKRITIK:

„Du stellst vielleicht eines Tages fest, dass dein großes Auto plötzlich weg ist. Und du stellst vielleicht eines Tages fest, dass du ohne dein hübsches Haus und ohne deine hübsche Frau da stehst. Und vielleicht fragst du dich selbst: Wie bin ich hier her geraten?“ – solche Fragen haben einst die „Talking Heads“ in ihrem furiosen Song „Once in Lifetime“ gestellt. Nun macht auch Tom Hanks seine existenzialistischen Hausaufgaben – und trällert zum Auftakt diese Lied als Karaoke-Version in einer schrillen Videoclip-Variation. Hanks gibt den wackeren Vertreter Alan Clay, dessen beruflicher Karriere der dramatische Absturz droht. Als letzte Chance soll Clay dem König von Saudi-Arabien eine teure Hightech-Telefonanlage verkaufen, bei der die Gesprächsteilnehmer als leibhaftige Hologramm darstellt werden. Mit dem notorischen Optimismus eines Handlungsreisenden begibt sich der verzweifelte Held auf die alles entscheidenden Geschäftsreise. Mitten in der Wüste wird demnächst eine neue Mega-Stadt aus dem Sand gestampft. In einem schwarzen Zelt am Rande der Baustelle sollen Clay und sein Team ihr telekommunikatives Wunderwerk dem König höchstpersönlich präsentieren.
 
In Arabien ticken die Business-Uhren bekanntlich etwas anders, das muss auch Alan Clay schmerzhaft feststellen. Fest vereinbarte Termine erweisen sich als reichlich relativ, stets aufs Neue wird der Geschäftsmann von einer stoischen Empfangsdame mit grotesken Ausreden abgewimmelt: „Morgen klappt es absolut ganz sicher!“, lächelt sie ihn weg. Sein Techniker-Team im heißen Wüstenzelt fürchtet wegen Stromausfall und wackeligem WiFi um die Präsentation, der Chef in USA drängt täglich auf Erfolgsmeldungen – ob Majestät überhaupt jemals auftauchen wird, scheint zunehmend fraglicher. Neben all dem beruflichen Ärger wird der arme Alan von seinen Beziehungsproblemen aus der fernen Heimat eingeholt. „Ich habe die Orientierung verloren“, stöhnt das sonst so unerschütterliche Stehaufmännchen und wird noch verzweifelter, als es eine seltsame Geschwulst an seinem Körper entdeckt.
 
Es gibt jedoch auch Hoffnungsschimmer für Alan. Zum einen sein einheimischer Fahrer Yousef, der ihm in seiner klapprigen Kiste überaus wortreich die fremde Kultur näher bringt. Zum zweiten eine lebenslustige Dänin, die ihn nicht nur mit verbotenem Alkohol versorgt. Vor allem aber jene selbstbewusste saudische Ärztin, die eigentlich nur seine Zyste untersuchen soll, aber sein Leben grundlegend ändern wird.   
 
Nach Vorlage des Romans von Dave Eggers erzählt Tom Tykwer mit gewohnt visuellem Einfallsreichtum die klassische Untergeher-Geschichte über einen Mann Mitte 50, der schmerzhaft erkennt, dass ihn der globalisierte Geschäftsbetrieb längst gnadenlos ausrangiert hat. Oscar-Preisträger Tom Hanks gibt einmal mehr mit souveränem Charme und makelloser Glaubwürdigkeit den perfekt sympathischen Jedermann, der ebenso wacker wie bemitleidenswert gegen die Mühlen der Ungerechtigkeit kämpft. So unerschrocken seine Figur, so mutig zeigt sich der Hollywood-Star: Ob völlig nackt unter der Dusche oder wenig schmeichelhaft mit einem sich dezent abzeichnendem Doppelkinn in Großaufnahme – einen Hanks kann nichts erschüttern! Nach diesem beschwerlichen Trip ins tiefe Tal der Frustrationen flackert am Ende des Tunnels für den Helden als Lohn der Angst natürlich ein kleines Licht der Hoffnung auf.
 
Wer seine Filmhelden nach Saudi-Arabien schickt, darf vor den gesellschaftlichen Zuständen des Landes nicht die Augen verschließen. „Da hinten finden die Hinrichtung statt!“ erklärt Yousef seinem Fahrgast bei der Städtetour lakonisch. „Wir haben keine Gewerkschaften. Wir haben Filipinos“, sagt er später. Als Clay eine Musterwohnung der künftigen Luxus-Apartments besucht, findet er im unteren Stockwerk der Baustelle prompt jene asiatischen Wanderarbeiter, die wie Sklaven ihr menschenunwürdiges Dasein fristen. Das rückschrittliche Bild der Frauen ist stets präsent, gleichwohl wird Saudi-Arabien nicht als Land der puren Unterdrückung präsentiert. Tom Tykwer setzt auf das Prinzip Hoffnung: „Gerade die nachwachsende Generation wird sich zu einem sehr interessanten Volk entwickeln, weil sie eine Modernisierung ihrer Gesellschaft möchte. Auch die Königsfamilie verjüngt sich, deshalb sind Veränderungen nur eine Frage der Zeit“, beschreibt er sein Konzept.
 
Für seinen Helden in der Krise findet Tykwer allemal eine schöne Lösung im Privaten: Nach dem verstörenden Auftakt mit den „Talking Heads“ gilt zum Happy-End, wenngleich ungesungen, das gute alte Schlager-Motto: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“.  
 
Dieter Oßwald
 

Was beim Versuch passieren kann, literarische Metaphern zu visualisieren, zeigt Tom Tykwers neuer Film „Ein Hologramm für den König“. Basierend auf dem Roman von Dave Eggers beschreibt Tykwer das Leben eines Unternehmensberater in der Midlife-Crisis, der ausgerechnet im ultrakonservativen Saudi-Arabien einen Neuanfang findet. Im Ansatz zwar ein interessantes Projekt, im Ergebnis aber zerfahren und überraschenderweise auch visuell behäbig.
 
Weil er den Neffen des saudiarabischen Königs kennt, bekommt der Unternehmensberater Alan Clay (Tom Hanks) noch eine Chance. Für ein Telekommunikationsunternehmen soll er in das ultrakonservative Königreich reisen, um eine neue Form der Kommunikation zu präsentieren: Ein Hologramm-Telefon, mit dem sich internationale Konferenzen auch über tausende Kilometer Entfernung quasi persönlich abhalten lassen. Doch das anberaumte Treffen mit dem König erweist sich als schwierig: In einem Businesspark mitten in der Wüste warten Clay und seine Mitarbeiter, beklagen sich über mangelndes WIFI und harren der Dinge.

Ohnehin hat Clay auch andere Sorgen: Finanziell geht es ihm so schlecht, dass er seiner Tochter nicht mehr den College-Besuch finanzieren kann, seine Ehe ist längst gescheitert, und auf seinem Rücken bildet sich ein zunehmend großer Knubbel. Um diesen zu untersuchen, besucht Clay ein Krankenhaus, wo er die Ärztin Zahra (Sarita Choudhury) kennenlernt. Auch diese hat mit persönlichen Problemen zu kämpfen, und so entwickelt sich zwischen den Personen aus so unterschiedlichen Kulturen langsam eine innige Beziehung.
 
Wie so viele deutsche Regisseure, denen der heimische Markt und vor allem die dadurch reduzierten Budgets zu klein geworden sind, hat auch Tom Tykwer bald nach seinem Welterfolg "Lola rennt" begonnen, sich nach dem internationalen Markt zu orientieren. Mit geringem Erfolg, denn bis auf "Das Parfüm" waren seine auf englisch gedrehten Filme von "Heaven" über "The International" bis hin zu "Cloud Atlas" mehr oder weniger große Flops, die zudem auch bei der Kritik mit wenig Begeisterung aufgenommen wurden. Wesentlich erfolgreicher und gelungener war sein einziger auf Deutsch gedrehter Film der letzten 20 Jahre, das Beziehungsdrama "3", das so beispielhaft Tykwers Stärken veranschaulicht, wie nun "Ein Hologramm für den König" seine Schwächen.
 
Man ahnt, was Tykwer an Dave Eggers 2012 erschienenem Roman interessiert hat: Die Möglichkeit, von einem Mann in der Mitte seines Lebens zu erzählen, der an einem Wendepunkt angekommen ist, dessen Leben in Routine erstarrt ist, die Tykwer in seinen so geschätzten visuellen Wiederholungen versinnbildlichen kann, der Symbol der Probleme des Kapitalismus ist, der aber durch eine innige Liebe einen Ausweg findet: Tykwer war schon immer ein großer Romantiker, der immer wieder die Kraft der Liebe beschworen hat.
 
Schnell jedoch entgleiten Tykwer hier die Fäden: Viel wird angedeutet, aber nicht weitergedacht, Figuren wie der arabische Fahrer Yousef (Alexander Black), der Clay Tag für Tag zur Arbeit fährt, bleiben grobe Chiffren und verschwinden irgendwann spurlos, liefern zudem ein eher grobschlächtiges Bild der saudischen Gesellschaft ab. Ohnehin das Setting: Warum die Geschichte in Saudi-Arabien spielt, bleibt offen, zumindest in diesem sehr kurzen Film, der allzu viele Aspekte des Romans in kaum 100 Minuten zu pressen versucht, dadurch aber nicht komplex, sondern zerfahren wirkt. Die größte Überraschung ist allerdings, wie wenig von Tykwers ansonsten eindrucksvollmn visuellen Talent hier noch zu spüren ist, wie flach und ohne Flair er hier filmt. Am Ende reiht sich "Ein Hologramm für den König" in eine zunehmend erratische Karriere, die umso mehr an Linie zu verlieren scheint, je weiter sich Tom Tykwer von Deutschland entfernt.
 
Michael Meyns