Ein Junge namens Titli

Weit weg vom farbenprächtigen Bombast und der ausgelassen-fröhlichen Stimmung vieler Bollywood-Filme ist Kanu Behls düsteres, illusionsloses Sozial-Drama "Ein Junge namens Titli", das im vergangenen Jahr im Wettbewerb von Cannes lief. Behl schafft ein unnachgiebig an der Realität und den tatsächlichen Lebensbedingungen in Millionenstädten wie Dehli orientiertes Drama, das durch seinen erschütternden Realismus verstört. Der Einsatz von Handkamera sowie das Drehen vor Ort in der Millionenstadt und der Einsatz unverbrauchter, talentierter Darsteller, die ihr Spiel immer wieder improvisierten, sorgen letztlich auch für den hohen Grad an Realismus und Wahrhaftigkeit des Films.

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Indien 2014
Regie: Kanu Behl
Drehbuch: Sharat Katariya, Kanu Behl
Darsteller: Shashank Arora, Ranvir Shorey, Shivani Raghuvanshi, Amit Sial
Länge: 128 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 28. Mai 2015

FILMKRITIK:

Titli (Shashank Arora) lebt mit seinen Brüdern und dem Vater in ärmsten Verhältnissen in einer schäbigen Baracke inmitten der verdreckten Elendsviertel von Neu-Dehli. Titli leidet sehr unter der Brutalität seiner Brüder, vor allem der Älteste (Ranvir Shorey) macht ihm zu schaffen. Immer wieder zwingt dieser Titli, bei den brutalen Autodiebstählen und Raubüberfällen, die die Familie seit vielen Jahren zum Überleben nutzt, zu helfen. Die Brüder gehen sogar so weit, Titli mit Neelu (Shivani Raghuvanshi) zu verheiraten, weil sie hoffen, ihn über das Mädchen besser für ihre kriminellen Machenschaften einspannen zu können. Derweil träumt Titli davon, seinem trostlosen Dasein zu entkommen. Überraschenderweise findet er in Neelu bald eine Gleichgesinnte, die mit dem Leben in den Slums und dem kriminellen Dasein der Familie ebenso unglücklich ist. Sie beschließen, aus den Slums zu fliehen.

"Ein Junge namens Titli" ist das intensive Sozialdrama und Langfilm-Debüt von Jung-Regisseur Kanu Behl. Sein schonungsloser, ungemein realistischer Film schildert das Leben in den verwahrlosten Slums der Millionen-Metropole Dehli ebenso wie zerrüttete innerfamiliäre Verhältnisse und das korrupte, kriminelle Dasein vieler Familien dort. Die Hauptrollen besetzte Behl mit den beiden unerfahrenen Jung-Darstellern Shashank Arora und Shivani Raghuvanshi, die er beim Dreh auch immer wieder improvisieren ließ. Gedreht wurde der Film tatsächlich größtenteils an Originalschauplätzen in der 16-Millionen-Metropole im Norden des Landes. Dies alles sorgt für den dokumentarischen, wahrhaftigen und ungeschönten Look des Films.

Kaum ein indischer Spielfilm in der jüngsten Zeit war optisch und inhaltlich weiter entfernt vom sonst üblichen Bollywood-Kitsch und dem bekannten, rührseligen Musical-Pomp aus der Traumfabrik Indiens. "Ein Junge namens Titli" zeigt in rohen, trist-grauen und freudlosen Bildern den harten Alltag in den Elends-Vierteln der Millionen-Städte, die zu den gefürchtetsten, da dreckigsten und von Kriminalität durchzogenen Slums der Welt zählen. Insofern kann man hier durchaus von einer Art Anti-Bollywood-Film sprechen, der auch klar macht, wie schwer es Jugendliche und junge, in eine kriminelle Familie hineingeborene Erwachsene haben, der Hölle namens Slum zu entkommen.

Unübersehbar zeigt der Film auf, worunter Indien, das immer wieder als so zukunftsträchtiges und modern-fortschrittliches Land beschrieben und wahrgenommen wird, am meisten zu leiden hat: dem unmittelbaren Nebeneinander von Arm und Reich, von blank geputzten Edel-Wolkenkratzern und heruntergekommenen, von Krankheiten durchzogenen Vierteln. In kaum einem anderen Land ist diese Kluft so einschneidend vorhanden, das will Regisseur Behl mit seinem Film auch unmissverständlich klar machen. Und es gelingt ihm.

Die Kamera folgt der Hauptfigur Titli, dessen Durchhaltevermögen und Stärke man als Zuschauer bewundert, durch die schmalen und ungepflasterten Gässchen und dunklen Durchgänge, die zwischen all den zerfallenen Lehmhütten und Baracken, die viel zu eng aneinander gebaut sind, hindurch führen.  Dazu: Jugendkriminalität, (vor allem familiäre und häusliche) Gewalt, Drogenmissbrauch, Armut und Verzweiflung allerorts und wohin man sieht. In Titlis tieftraurigen, verzweifelten Gesicht, das Regisseur Behl oft in Nahaufnahme zeigt, wird das ganze Leid der Bewohner deutlich.

Immer wieder keimt leise Hoffnung auf, wenn Titlis Vorhaben, der Familie zu entkommen, näher und näher zu rücken scheint und er in seiner Frau Neetlu eine unverhoffte, ebenso starke Verbündete an seiner Seite hat. Dann aber wird die Hoffnung immer wieder zunichte gemacht, vor allem durch die brutalen Tobsuchtsattacken und gewaltsamen Ausfälle des ältesten Bruders, einem echten Tyrannen. Die von Behl eingefangene Brutalität ist dabei mitunter nur schwer zu ertragen und setzt auch dem Betrachter emotional enorm zu. Eine bedrückende, intensive Milieustudie.

Björn Schneider