Ein Leben

„Ein Leben“, selten war ein Titel so einfach und passend wie dieser, den Stéphane Brizé für seinen neuen Film gewählt hat, einer Verfilmung des Debütromans von Guy de Maupassant. In einem einzigen Fluss aus Bildern und Emotionen beschreibt er das Leben einer Adeligen im 19. Jahrhundert, deren Leben zwischen Glück und Enttäuschung, zwischen Hoffnung und Verrat oszilliert und ebenso wie der Film gleichermaßen unspektakulär und faszinierend abläuft.

Webseite: www.filmkinotext.de

Une Vie
Frankreich/Belgien 2016
Regie: Stéphane Brizé
Buch: Stéphane Brizé & Florence Vignon, nach dem Roman von Guy de Maupassant
Darsteller: Judith Chemla, Jean-Pierre Daroussin, Yolande Moreau, Swann Arlaud, Clotilde Hesme
Länge: 119 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 24. Mai 2018

FILMKRITIK:

Ein beschauliches Leben führt Jeanne Le Perthuis des Vauds (Judith Chemla), die gerade aus der Klosterschule zu ihren Eltern in die Normandie zurückgekehrt ist. Mit dem Vater, Baron Simon-Jacques (Jean-Pierre Darroussin), bestellt sie den Garten, spaziert mit ihrer Mutter Adélaïde (Yolande Moreau) in der weichen Sommersonne, als könnte nichts ihr Leben trüben.
 
Auch die Hochzeit mit dem galanten, gutaussehenden Vicomte Julien de Lamare (Swann Arlaud) verspricht eine Fortsetzung ihrer unaufgeregten Existenz, doch schon die Hochzeitsnacht verläuft mehr pragmatisch als liebevoll. Bald betrügt Julien sie mit dem Dienstmädchen, die bald darauf das Haus verlässt.
 
Ein Sohn wird geboren, wächst heran und verlässt das Haus, nur eine weitere Enttäuschung im Leben der Mutter, die bald auch mitansehen muss, wie ihr Mann sie mit der Nachbarin betrügt, die sie für eine Freundin gehalten hat. Jeanne vertraut sich dem Pfarrer an, doch die Konsequenzen sind anders als erwartet, Jeanne bleibt allein zurück und verliert zunehmend die Hoffnung, ein Leben zu leben, wie sie es zu verdienen glaubt.
 
Verstaubt wirken moderne Verfilmungen von Romanen aus dem 19. Jahrhundert oft, allzu sehr bemüht, mittels markanter Kostüme und Ausstattung eine vergangene Welt zu evozieren, ohne ein Gespür für die Atmosphäre einer vergangenen Zeit zu besitzen. Besonders schwierig erweisen sich dabei oft die zahlreichen Versuche die Romane oder Novellen von Guy de Maupassant zu verfilmen, die weniger durch einen starken Plot gekennzeichnet sind, als durch eine ganz spezielle Stimmung.
 
So ist auch Stéphane Brizés Verfilmung der ambitionierte, überaus erfolgreiche Versuch, die spezielle Atmosphäre Guy de Maupassants fürs Kino zu adaptieren. Zweier Stilmittel bedient sich Brizé dabei besonders, zum einen einer elliptischen Erzählweise, die frei vor und zurück springt, Erinnerungen Jeannes mit ihrer Gegenwart verknüpft, vor allem aber die eigentlich dramatischen Ereignisse ihres Lebens konsequent ausspart und nur andeutet. Nicht von Höhen und Tiefen wird dadurch dieses Leben bestimmt, sondern von einem fortwährenden Fluss, der über ein Vierteljahrhundert fast ununterbrochen ist.
 
Konsequent ergänzt wird diese Erzählweise durch die Wahl des klassischen, fast quadratischen Filmformats. Statt in Breitwandbildern zu erzählen, wie meist in Kostümfilmen, wodurch das Augenmerk auf das Äußerliche gelenkt wird, engt Brizé den Blick ein, konzentriert sich ganz auf seine Figuren, besonders auf Jeanne, und zeigt meist weniger innerhalb des Bildkaders, als Dinge, Ereignisse, Personen knapp nicht zu zeigen, ihre Präsenz quasi nur anzudeuten.
 
Gleichermaßen undramatisch und höchst faszinierend ist das Ergebnis, der kongeniale Versuch, die Atmosphäre eines Romans auf die Kinoleinwand zu transportieren, nicht mittels allzu vieler Worte, sondern mittels Auslassungen und Andeutungen eine hypnotische Stimmung zu evozieren, von einer ganz eigenen Qualität, wie man sie im Kino nur selten erlebt.
 
Michael Meyns