Ein letzter Tango

Wer wäre als cineastischer Tanzlehrer wohl besser geeignet als Wim Wenders? Cleverer Coup von Jungfilmer German Kral, sich den Altmeister als Executive Producer ins Boot zu holen für seine Dokumentation über das legendäre Tango-Duo María Nieves und Juan Carlos Copes. Das Paar galt als Ginger und Fred des argentinischen Tangos und hat ihn revolutioniert. Als ihre große Liebe zerbrach, ging die Karriere dennoch weiter – in der Liebe getrennt, im Tango vereint. Vor der Kamera lassen die beiden Senioren nun ihr Leben Revue passieren von den 40er Jahren bis heute. So entsteht ein bewegendes Porträt über eines der berühmtesten Tanz-Paare – mit einem exquisiten Soundtrack, furiosen Tango-Einlagen und eleganten Rückblenden, die sich stilecht wie die Beine der Tangotänzer ineinander verschränken und wieder auseinanderdrehen, wodurch die Doku auch formal begeistert. Diese leidenschaftliche Hommage an den Tanz strahlt pure Sinnlichkeit aus. Ganz großer Applaus!

Webseite: www.einletztertango.de

D / Argentinien 2015
Regie: German Kral
Darsteller: María Nieves, Juan Carlos Copes, Pablo Verón, Alejandra Gutty, Ayelén Álvarez Miño, Juan Malizia, Pancho Martínez Pey, Johana Copes
Filmlänge: 84 Minuten
Verleih: Alpenrepublik, Vertrieb: Tobis
Kinostart: 7.4.2016

FILMKRITIK:

„Es wird nie wieder ein Tango-Paar wie uns geben. Ich glaube, wir waren das Tanzpaar des 20.ten Jahrhunderts und des 21.ten auch“, solche Sätze klingen nicht ganz unbescheiden. Doch sie dürften zutreffen und aus dem Mund der 80-jährigen María Nieves wirken diese Worte so ganz und gar nicht prahlerisch. Der Weltruhm ist der reizenden alten Dame nie zu Kopf gestiegen. Sie stammt aus armen Verhältnissen, ihre Herkunft hat sie nie vergessen. Als Teenager lernte María ihren Juan Carlos kennen, sie war 14, er drei Jahre älter. „Ich hatte mich verliebt. Der Tanz war eine Ausrede“, erinnert sie sich an damals. Die „Ausrede“ sollte sich zu einer Sensation auf dem Parkett entwickeln. Das Duo revolutionierte den Tango, machte ihn zu einem internationalen Phänomen und begeistert ein halbes Jahrhundert als tanzendes Traumpaar die Menschen. Hinter den Kulissen spielte sich derweil ein Drama ab. Die große Liebe gerät aus dem Takt, die Ehe scheitert. Der hübsche Juan wendet sich anderen Frauen zu, heiratet und bekommt Kinder. María verzweifelt, doch tapfer tanzt sie weiter. The show must go on, bis es 1997 schließlich auch künstlerisch zur Trennung kommt. Seit dem herrscht Eiszeit zwischen den beiden.
 
Dem in Buenos Aires geborenen deutschen Regisseur German Kral („Der letzte Applaus“) ist es gelungen, das legendäre Paar noch einmal zu einer Begegnung zu überreden, zu einem letzten Tango, wie er Titel gebend hofft. Immerhin gehen die zwei Alten auf einer Theaterbühne tatsächlich aufeinander zu. Das Tuch ist freilich längst zerschnitten, so erzählen die beiden vor der Kamera getrennt von ihrem Leben. Da gibt es die genretypischen Talking Heads, doch Kral bietet mehr als den gängigen Doku-Standard. Mit Archivaufnahmen und nachgestellte Tanz-Szenen bewältigt er die Zeitsprünge mit müheloser Eleganz. Besser noch: Er überlässt die Befragung von María vielfach den jungen Tänzern und Tänzerinnen, die die berühmten Sequenzen nachtanzen und ihrerseits erzählen, was sie bei ihren Rollen empfunden haben. Während Juan Carlos, ganz Latino-Macho, mit Stolz auf sein Liebesleben zurückblickt und sich keiner Schuld bewusst scheint, wirkt María auch nach all den Jahren noch tief erschüttert von der Trennung. „Ich würde alles genauso machen, nur nicht mit Juan zusammen sein“, sagt sie rückblickend, „nur ich weiß, was ich durchgemacht habe!“. Immerhin habe der Hass sie zu einer besseren Tänzerin werden lassen, wie sie mit trotzigem Stolz bekundet. Ihr einstiger Traummann zeigt Gefühle und Leidenschaft derweil lieber beim Tanzen als beim Reden. „Ich habe gewusst, ich hatte meine Stradivari gefunden“, erinnert er sich kurz und knapp an die erste Begegnung. Nicht minder lakonisch beschreibt Juan Carlos seine Tango-Revolution: „Sie war schnell. Ich war langsam. So entstand der neue Stil namens Copes.“
 
Kral findet für seine Tänzer-Doku einen dramaturgisch flotten Rhythmus und nicht minder überzeugende Bilder, die mit einem exquisiten Soundtrack unterlegt sind. Die nachgestellte „Singing in the Rain“-Einlage à la Tango wirkt dabei so grandios mühelos und prickelnd wie jene echten Bilder der großen Hommage an María Nieves im Luna-Theater, die die Tänzerin gerührt als Video betrachtet. Die grazile alte Dame erweist sich als wahres Schatzkästchen für die dokumentarische Begierde. Zum einen, weil sie eine spannende Lebens- und berührende Liebesgeschichte bietet. Zum anderen, weil sie sich als grandiose Erzählerin entpuppt. Wenn sie auf manche Themen keine Lust hat, etwa die Frage nach ihrem unerfüllten Kinderwunsch, dann verbittet sie sich resolut jedes weiteres Nachhaken. Allen bitteren Enttäuschungen zum Trotz hat sich die Nieves letztlich nie unterkriegen lassen. „Ich erinnere mich an alles Schlechte“, zieht sie Bilanz, „aber ich erinnere mich glücklich daran und verzeihend. Denn jetzt bin ich ich selbst.“ Ein starkes Schlusswort einer vergnüglichen Dokumentation – nicht nur für Tango-Fans!
 
Dieter Oßwald