Ein neues Leben

Eduardo Winspeare erzählt in EIN NEUES LEBEN zugleich eine exemplarische und eine regional sehr verankerte Geschichte über Selbstbehauptung in Zeiten der Globalisierung: Nach dem Bankrott ihrer kleinen Textilfabrik in Süditalien stehen Adele, ihre Mutter, Tochter und Schwester vollkommen mittellos da. Die vier Frauen aus drei Generationen werden notgedrungen zu Landwirtinnen und Selbstversorgerinnen und entdecken darüber einen neuen Zusammenhalt.

Webseite: www.kairosfilm.de

OT: In grazia di Dio
Italien 2014
Regie: Eduardo Winspeare
Buch: Eduardo Winspeare, Alessandro Valenti
Darsteller: Celeste Casciaro, Laura Licchetta, Anna Boccadamo. Barbara De Matteis
Länge: 127 Minuten
Verleih: Kairos Filmverleih
Kinostart: 16. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Vito und Adele sitzen vor dem Bankangestellten. Vito argumentiert noch, ein neuer Auftrag aus Treviso käme rein, eine große Bestellung. Adele hat schon aufgegeben, sie hört kaum noch, wie der Banker auf den Vertrag verweist. Dröhnende Stille macht sich in ihrem Kopf breit: Sie werden den Kredit nicht bedienen können. Als der Auftrag aus Treviso platzt, weil der Kunde in China billiger produzieren kann, ist das Schicksal der kleinen Textilfabrik in Apulien besiegelt. Die Firma macht zu, das Elternhaus wird verkauft, um die dringendsten Forderungen zu befriedigen, und die Geschwister stehen mit nichts als einem Schuldenberg von 130.000 Euro da.

Vito macht es wie viele, er wandert aus. Sein Schwiegervater in der Schweiz wird ihm einen Job besorgen. Adele bleibt zurück und mit ihr ihre Mutter, die „Nonna“, ihre Tochter Ina und ihre Schwester Conchetta. Ohne Geld und Bleibe gibt es für die vier Frauen zunächst nur eine Möglichkeit: sie ziehen in die kleine Baracke auf dem Grundstück, auf dem Nonna Gemüse anbaut, und werden zu Selbstversorgerinnen. Was sie außer Essen benötigen – Benzin und Medizin zum Beispiel – tauschen sie gegen Nahrungsmittel. Ganz langsam wird aus der Übergangslösung eine neue, wenn auch karge, wirtschaftliche Basis.

EIN NEUES LEBEN ist – ein seltenes Kunststück – ebenso realistisch erzählt, wie optimistisch veranlagt. Regisseur Eduardo Winspeare, der selbst in der Gegend wohnt, in der der Film spielt, nimmt sich gelassene zwei Stunden Zeit, um seine Geschichte vom bescheidenen lokalen Neuanfang in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise zu erzählen. Weniger das Drama steht im Vordergrund, als die Persönlichkeiten der Frauen, die Routinen des verschlafenen Dorfes und die alltägliche Arbeit. Immer wieder sieht man Nonna, die die Situation mit gläubiger Demut annimmt, und Adele, die oft kurz vorm Burn-Out scheint, in anstrengend gebückter Haltung Felder roden und Pflanzen setzen, Tomaten zum Trocknen ausbreiten und Waren ausfahren. Ina, die kurz davor ist, das  Abitur zu vermasseln, und Conchetta, die immer noch von einer Schauspielkarriere träumt,  dagegen halten sich ziemlich raus.

Nahezu täglich führt die prekäre Situation zu heftigen Schlagabtäuschen und Vorwürfen unter den Frauen, aber zugleich wächst auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das in der letzten Phase der Textilfabrik nicht zu spüren war. Etwas Ruhe kehrt ein und ein bisschen Hoffnung. Und über allem scheint die ganze Zeit die Sonne Süditaliens und leuchtet am Horizont das Meer. Kein Wunder, dass EIN NEUES LEBEN der Publikumsfavorit der letzten Cinema! Italia! Filmtournee war.

Hendrike Bake