Ein russischer Sommer

Pünktlich zum 100. Todesjahr von Leonid Tolstoi kommt ein Biopic in unsere Kinos, das vom letzten Sommer des russischen Dichters auf seinem Landgut ‚Jasnaja Poljana‘ bei Tula erzählt und den tragischen Konflikt zwischen Tolstois bedingungsloser Liebe zu seiner Frau Sofia und seinen nicht minder bedingungslosen Prinzipien bezüglich der Regelung seines Nachlasses thematisiert.

Webseite: www.einrussischersommer-derfilm.de

OT: The Last Station
Deutschland / Großbritannien / Russland 2009
Regie: Michael Hoffman
Darsteller: Christopher Plummer, Helen Mirren, James McAvoy, Paul Giamatti, Anne-Marie Duff u.a.
Laufzeit:112 Min.
Kinostart neu: 28.1.2010
Verleih: Warner
 

PRESSESTIMMEN:

Grandios spielt Helen Mirren die ‘Gräfin’ als kluge, emotionale Frau, die verzweifelt um ihre Ehe kämpft… "Ein russischer Sommer" ist großes Schauspielerkino, sehr bewegend, authentisch und sehenswert.
ZDF Heute Journal

AUSZEICHNUNGEN:

Helen Mirren als Beste Darstellerin – Filmfest Rom 2009
Beste Literaturverfilmung des Jahres – Frankfurter Buchmesse 2009
Prädikat: Besonders Wertvoll – Filmbewertungsstelle Wiesbaden

FILMKRITIK:

Erzählt wird die Geschichte von dem noch sehr jungen Walentin (James McAvoy), ein glühender Verehrer Tolstois (Christopher Plummer), der die Stelle als neuer Sekretär seines Idols antreten soll. Insbesondere dessen Theorie einer bedingungslosen Liebe haben es dem etwas schüchternen und unerfahrenen Jüngling angetan, der immer wieder überrascht ist, wie offen der alte, weise Mann mit diesen Themen umgeht. Dabei ist Tolstoi zurzeit nicht gerade der vorbildhafte Liebhaber. Zwar ist er schon seit 48 Jahren mit Sofia (Helen Mirren) glücklich verheiratet, doch derzeit hängt der Haussegen mächtig schief. Tolstoi will seinen Nachlass regeln und stimmt mit seinem engsten Vertrauten Tschertkow darin überein, die wertvollen Manuskripte dem russischen Volk zu vermachen. Das muss mit höchster Geheimhaltung geschehen, denn seine Frau Sofia darf davon nichts mitbekommen. Als sie es dann doch erfährt, ist der Ärger umso größer. Sie fühlt sich hintergangen, stellt 48 Jahre ihres Lebens in Frage, 48 Jahre, in denen sie sich selbstlos hinter ihren Mann gestellt hat, mit ihm durch dick und dünn gegangen ist, ihm 13 Kinder gebar, das Manuskript von ‚Krieg und Frieden‘ sechsmal eigenhändig abgeschrieben hat und nun sollte ihr Erbe kommunistischen Idealen geopfert werden. Wie eine Furie rast sie durchs Haus und macht allen Anwesenden und auch sich selbst das Leben zur Hölle. Doch der altersmilde Tolstoi bleibt an diesem Punkte hart. Seine Überzeugungen will er nicht seinem weichen Herzen beugen. So nimmt er Reißaus und geht mit Tschertkow und seiner jüngsten Tochter auf eine Reise im offenen Zug quer durch den Süden Russlands. Eine letzte Tour, die ihn mit seinen vielen Verehrern zusammenbringt, aber auch eine Tour, die er nicht überleben wird. Am 7. November 1910 stirbt er im Bahnwärterhäuschen von Astapowo an den Folgen einer Lungenentzündung, umringt von der Weltpresse. Aber auch Sofia geht am Verlust des gemeinsamen Lebens beinahe zu Grunde, sie reist ihm nach, wird mehrfach abgewiesen und schafft es schließlich an sein Todesbett.

Basierend auf Jay Parinis Roman „Tolstojs letztes Jahr“, der sich auf Tagebuchaufzeichnungen der nächsten Verwandten und Vertrauten Tolstois stützt, und mit Hilfe seines russischen Kollegen Andrei Konchalovsky hat der amerikanische Regisseur Michael Hoffmann hier nicht nur ein Biopic, sondern auch eine tragische Liebesgeschichte inszeniert, die auf ein langes erfülltes Leben zurückblickt und doch so tragisch endet. Insbesondere das Schicksal von Sofia wird von Helen Mirren dermaßen exzessiv und überzeugend in Szene gesetzt, dass man sich an ihre Oscar gekrönte Leistung in Stephen Frears „The Queen“ erinnert fühlt. Auf dem Filmfest in Rom konnte sie jedenfalls auf Anhieb die Herzen des Publikums und auch der Jury erobern und wurde als ‚Beste Schauspielerin‘ ausgezeichnet. Bereits zwei Tage vorher konnte Michael Hoffmann auf der Frankfurter Buchmesse den Preis für die Beste Literaturverfilmung des Jahres 2009 aus den Händen der Enkel Vladimir und Leo Tolstoi entgegennehmen.

Kalle Somnitz

Tolstoi, der große Literat und Moralist, wird hier in seiner letzten Lebensphase gezeigt. Die wilde Frühzeit („Sewastopol“ oder „Zwei Husaren“) und die Epoche der Hauptwerke wie „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“ oder „Auferstehung“ liegen hinter ihm. Er ist – jedenfalls nach außen hin – zum Urchristen geworden, zum einfachen armen Mann, zum Bauernfreund, zum Schöpfer der Tolstoi-Lehre, zu einem, der auf alles verzichten will, vor allem auch auf die Urheberrechte an den meisten seiner vielen Werke.

Er hat Anhänger um sich geschart, die „Tolstojaner“, die seine „Religion“ leben, mit ihm Widerstand gegen den Zaren und den Staat leisten, das rechte Maß verloren haben und zu Fanatikern geworden sind.

Nicht so sehr sein Assistent Bulgakow, umso mehr Tschertkow, einer der Anführer der Tolstojaner. Der will Tolstoi dominieren, er will die Buchrechte, er ist der radikale Gegenspieler von Tolstois Ehefrau Sophia Andrejewna, die viele Kinder gebar, die Abschriften seiner Werke erstellte, für die Kinder und das gräfliche Landgut Jasnaja Poljana sorgen musste, die ihren Mann liebte – und er sie –, aber unter dem zu Extremen neigenden Charakter des Schriftstellers und dessen Hypersexualität unendlich litt.

Der Film schildert den zuletzt schroffen Gegensatz zwischen den Eheleuten, den Streit um die literarischen Rechte, Bulgakows Hin-und-Hergerissensein zwischen Sophia und Tolstoi sowie seine erste Liebeserfahrung, Sophias Selbstmordversuch und das Leben der Tolstojaner.

Nach langen Jahren sieht sich Tolstoi am Ende. Er verlässt bei Nacht und Nebel sein Haus. Mit der Eisenbahn flieht er – irgendwohin. Unterwegs wird er krank. Auf einer Provinzbahnstation liegt er nun, dem Sterben nah. Er ist über 80 Jahre alt; wir schreiben das Jahr 1910. Seine Frau will er nicht mehr sehen. Sie darf erst zu ihm, als er bereits tot ist. Begraben wird er auf Jasnaja Poljana.

Natürlich kann in einem solchen Film nicht die ganze Wucht der Tolstoischen Persönlichkeit aufgezeigt werden, die enorme künstlerische Potenz, die ständigen Selbstkasteiungen, die Ruhmsucht, die immer wieder auftretenden Kehrtwendungen. Aber was auf der „letzten Station“ (doppeldeutiger englischer Titel) geschah, wird doch recht anschaulich gemacht. Mit den größten Anteil daran haben Christopher Plummer als Tolstoi und Helen Mirren als Sophia Andrejewna – von beiden eine herausragende schauspielerische Leistung. Der weitgehend an deutschen Schauplätzen gedrehte Film kann bei der Bildung ganz gut ein wenig nachhelfen.

Thomas Engel