Ein Sack voll Murmeln

Zwei Jungs entkommen der Verfolgung durch Flucht – sie werden von ihren Eltern mit dem Nötigsten ausgestattet und fortgeschickt auf eine Reise ins Ungewisse. Aber nein: Das ist keine moderne Flüchtlingsgeschichte, auch wenn sie es sein könnte. Hier geht es um das Schicksal einer Familie im besetzten Frankreich, erzählt aus der Sicht des jüngsten Sohnes. Christian Duguays actionreicher Abenteuerfilm ist ein Appell an die Humanität und an die Familie – ein richtig guter Kinotipp für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Webseite: www.EinSackVollMurmeln-Film.de

Frankreich, Kanada, Tschechien 2017
Regie: Christian Duguay
Drehbuch: Alexandra Geismar, Jonathan Allouche, Benoît Guichard, Christian Duguay
Darsteller: Dorian Le Clech, Batyste Fleurial Palmieri, Patrick Bruel, Elsa Zylberstein, Christian Clavier, Bernard Campan, Kev Adams
Länge: 113 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 17. August 2017

FILMKRITIK:

1941, im besetzten Paris, müssen viele um ihr Leben bangen, darunter auch die Familie des Friseurs Joffo. Roman und Anna, die Eltern, planen, ins nicht besetzte Südfrankreich zu gehen. Doch als komplette Familie zu reisen, wäre zu auffällig angesichts der Bedrohung durch die Deutschen. Deshalb schicken sie Jo und Maurice, die beiden jüngsten Kinder, voraus. Vater Roman, der die Judenpogrome in Russland erlebt und knapp überlebt hat, bereitet die beiden mit radikalen Mitteln darauf vor, unter keinen Umständen zuzugeben, dass sie Juden sind. Ausgestattet mit Landkarten, Adressen und Geld machen sich die beiden auf die lange Reise. Während Jo, der Jüngere, mit seinen 10 Jahren noch ziemlich unbefangen ist, erweist sich Maurice als vorsichtiger. Gemeinsam bewältigen sie gefährliche Situationen, haben auch schon mal Glück im Unglück und sogar Gelegenheit, ihr Abenteuer ein bisschen zu genießen. Als sie in Südfrankreich ankommen, findet die Familie wieder zusammen. Doch auch die Mittelmeerküste bietet nur vorübergehend Schutz. So wird die Flucht in den Süden der Beginn einer Odyssee, und bis Jo und Maurice wieder in Sicherheit sind, wird noch viel geschehen. Unter anderem ist der kleine Jo am Ende erwachsen, obwohl nur wenige Jahre vergangen sind.
 
Der Film entstand nach einer wahren Geschichte: Joseph Joffo hat seine Kindheitserinnerungen in den 70er Jahren aufgeschrieben. Das Buch wurde in Frankreich ein Bestseller und zum Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Anders als im Buch erzählt hier der kleine Jo – und nicht der erwachsene Joseph – von seinem Leben. Schon in der ersten Szene mit Jo und seinem Säckchen voll Murmeln, das er wieder ausgräbt, wird klar, dass der Krieg vorbei ist. Das ist ein geschickter Drehbucheinfall, denn auf diese Weise erfährt das Publikum, dass Jo am Leben geblieben ist, und kann mit diesem Wissen in einen extrem spannenden und nicht nur für Kinder ziemlich herausfordernden Film starten. Er bietet Einblicke in ein Leben als Verfolgter und Flüchtling, es gibt einige ziemlich brutale Szenen, aber tatsächlich auch jede Menge Abenteuer und Spannung, das alles in großen Bildern, die absolut ins Kino gehören. Und neben allem anderen geht es um eine rührende Familiengeschichte, die vom Zusammenhalt in schweren Zeiten handelt und von der engen Beziehung zwischen dem kleinen Jo und seinem Vater. Die Hauptrollen, Jo und Maurice, spielen Dorian Le Clech und Batyste Fleurial Palmieri. Sie sind ein tolles Brüderpaar, das wie Pech und Schwefel zusammenhält und sich perfekt ergänzt. Die beiden Jungs spielen extrem natürlich, und wenn sie zusammen sind, spürt man die Chemie, die beide verbindet. Die wunderbare Elsa Zylbersteins spielt Anna, ihre couragierte Mutter, die auch schon mal das Ruder übernimmt, um die Familie vor der Verhaftung zu retten. Patrick Bruel ist der fürsorgliche Familienvater, ein beinahe schwermütiger Mann mit traurigem Blick, als ob er ahnt, was geschehen wird, falls ihnen die Flucht nicht gelingt. Christian Clavier („Monsieur Claude und seine Töchter“) hat einen kleinen Auftritt als jüdischer Arzt im Dienste der Nazis, in dem er ganz beiläufig den beiden Jungen das Leben rettet. Sein Auftritt ist typisch für einen Film, der unvergessliche Bilder bietet, die alles andere als sentimental sind und dennoch ans Herz gehen. Manche Szenen brennen sich ins Gedächtnis ein, so beispielsweise die Momente, in denen die ganze Familie unbeschwert zusammen ist: Da gibt es einen Ausflug an den Strand, ein paar Stunden am Meer – und es ist, als ob das Wasser alles wegspült, was falsch und schrecklich ist.
 
Gaby Sikorski