Ein Teil von mir

Welche Turbulenzen entstehen, wenn ein minderjähriges Mädchen schwanger wird, zeigte Jason Reitman 2007 in seinem oscar-prämierten Film „Juno“. Während Reitman das Thema komödiantisch anging, liefert Christoph Röhl jetzt eine ernsthaftere Variante. In seinem Spielfilmdebüt „Ein Teil von mir“ lässt er die Vernunft siegen, gibt aber auch der Romantik eine Chance. So schön geht’s im richtigen Leben wohl selten aus.

Webseite: www.defa-spektrum.de

Deutschland 2008
Regie: Christoph Röhl
Drehbuch: Christoph Röhl, Philippe Longchamps
Kamera: Peter Steuger
Darsteller: Ludwig Trepte, Karoline Teska, Lena Stolze, Julia Richter
Länge: 85 Minuten
Verleih: Defa-Spektrum
Kinostart: 15. Oktober 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Mit 17 hat man noch Träume und darf hoffen, dass das ein Weilchen so bleibt. Bei Vicky(Karoline Teske) ist es damit Knall auf Fall vorbei, als sie feststellt, dass sie schwanger ist. Ein Party-Unfall mit Jonas (Ludwig Trepte), den sie nicht besonders gut kennt und der abstreitet, der Vater zu sein. Vicky bekommt das Kind trotzdem und organisiert mit ihrer Mutter ihr neues Leben. Wer der Vater ist, behält sie für sich. Jonas spielt währenddessen Fußball mit seinen Kumpels, bastelt an seinem Schulabschluss und versucht die unangenehme Geschichte zu vergessen. Das geht auch eine Weile gut, weil Vicky ihn in Ruhe lässt. Doch als die gemeinsame Tochter auf der Welt ist, steht sie plötzlich wieder vor ihm – und sucht auch fortan immer wieder seine Nähe. Jonas flüchtet wie vor einem Realität gewordenen Albtraum, doch ihre Beharrlichkeit zahlt sich letztlich aus. Jonas beginnt sich mit der Frage auseinanderzusetzen, doch noch die verleugnete Vaterrolle anzunehmen.

Regisseur Röhl lässt es ziemlich flott angehen. Kaum steht die Schwangerschaft fest, ist auch schon das Kind auf der Welt. Nahe liegende Fragen nach Abtreibung, Unterhalt, Konflikten mit Eltern und Alltagsproblemen interessieren ihn nicht. „Ein Teil von mir“ handelt vor allem von – meist – starken Müttern und abwesenden Vätern, also von Beziehungen, die scheitern, wenn es ernst wird. Die jugendlichen Eltern wurden beide allein von ihren Müttern groß gezogen. Die Väter machten sich früh davon, die Mütter trugen die Last. Das scheint für Vicky das treibende Motiv ihres Handelns zu sein. Sie will für ihr Kind eine richtige Familie, und deshalb lässt sie Jonas nicht in Ruhe. Sie macht das geschickt. Ohne Drohungen, sondern mit dezenten Hinweisen, dass es Realitäten gibt, aus denen man sich nicht davon stehlen sollte. Ihre Penetranz führt dazu, dass allzu deutlich die Begriffe Vernunft und Verantwortung über dem Film schweben. „Es geht nicht darum, dass wir beide Spaß haben“, sagt Vicky einmal. Und nicht nur an dieser Stelle hat man das Gefühl, keine halberwachsene Jugendliche vor sich zu haben, die wegen ihrer plötzlichen Mutterschaft eigentlich etwas verwirrt sein müsste, sondern eine Lebens weise Frau. Vor so viel Frauen-Stärke kapituliert Jonas, zumal auch für ihn, weil vaterlos, Verantwortung kein Fremdwort ist. Und dann gibt’s da noch die Liebe. Dezent steht sie im Hintergrund, aber ohne sie würde Vicky wohl nicht so beharrlich ihre Netze auswerfen, auch wenn ihre Figur sehr beherrscht und unemotional angelegt ist – so wie der ganze Film, der für die Kleinfamilie wirbt und nicht für Träumereien.

Volker Mazassek

Die Sexualität setzt früher ein als einst, und es ist nicht mehr selten, dass Jugendliche schon mit 20 oder gar weniger Eltern werden. Davon handelt dieser Film.

Jonas geht noch zur Schule. Gerne hängt er seinem Alter entsprechend mit Freunden herum. Dann aber wird mit einem Schlag alles anders.

Vicky taucht auf. Mit ihr hat Jonas vor einigen Monaten nach einer Party geschlafen. Jetzt ist Vicky schwanger.

Jonas verdrängt seine Verantwortung total, sagt, er könne nicht der Vater sein, wendet sich ab, fährt davon. Für lange Zeit.

Vickys Tochter, die kleine Klara, ist nunmehr vier Monate alt. Die junge Mutter sucht Jonas auf. Er soll das Kind doch wenigstens einmal sehen. Vielleicht entstehen ja langsam die richtigen Gefühle.

Ein langer, ungewisser, äußerlich wirrer und psychologisch diffiziler Prozess beginnt. Vicky versucht zwar, Jonas die Augen zu öffnen, ihm zu zeigen, was richtig, vernünftig und realistisch wäre, bleibt aber dabei kompromisslos und geht ihren geraden Weg. Jonas wirkt verunsichert, zögernd, ratlos, unentschlossen. Dass die beiden Mütter, Jonas’ Mutter Susanne und Vickys Mutter Laura, unbeabsichtigt in die Problematik hineingezogen werden, macht die Sache nicht besser.

Vicky hat durch die Mutterschaft schnell Reife erlangt. Das Leben ist zwar für sie nicht leicht, aber der durch das Kind vorgezeichnete Weg wird konsequent gegangen.

Ganz anders Jonas. Er bleibt kindlich, kindisch, bockig. Entweder er will nicht, oder er hat keine Ahnung. Ganz allmählich nur scheint es ihm zu dämmern. Und diese geistig-seelische Entwicklung ist einigermaßen realistisch und glaubhaft wiedergegeben. Er begreift: Klara ist „ein Teil von mir“.

Eine schwere Geburt also nicht bei Vicky, sondern bei Jonas! Ludwig Trepte bringt diesen lang anhaltenden Schwebezustand sehr gut zum Ausdruck. Auch Karolina Teska als Vicky überzeugt. Außerdem gut mit dabei Lena Stolze und Julia Richter als Jonas’ bzw. Vickys Mutter.

Einigermaßen realistische Schilderung der Probleme jugendlicher Eltern.

Thomas Engel