Eine größere Welt

Geister, die den Körper verlassen und auf Reisen gehen, vielleicht sogar Verstorbene treffen? In einer westlichen, christlichen Gesellschaft mag einem das nicht ganz geheuer sein. Doch in der Mongolei spielt diese Fähigkeit, auch bekannt als Schamanismus, eine große Rolle. Und so erzählt der Film die wahre Geschichte der Französin Corine Sombrun, die nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes in die Mongolei reist, um ethnografische Tonaufnahmen zu sammeln. Sie nimmt an einer schamanischen Séance teil, verfällt dabei in Trance und muss sich dann – widerwillig zunächst – mit der Tatsache auseinander setzen, selbst eine Schamanin zu sein. Cécile de France ist in der Hauptrolle eine Wucht. Und dann ist da noch die atemberaubende Landschaft: weit, karg, schön und unberührt.

Webseite: www.mfa-film.de

Frankreich/Belgien 2019
Regie: Fabienne Berthaud
Darsteller: Cécile de France, Narantsetseg Dash, Tserendarizav Dashnyam, Ludivine Sagnier, Arieh Worthalter, Steven Laureys, Catherine Saleé
Länge: 100 Min.
Verleih: MFA
Kinostart: 16.4.2020

FILMKRITIK:

Es beginnt mit einer leidenschaftlichen Liebeszene. Mann und Frau schlafen miteinander. Doch weil die Kamera so nah an ihren Körpern ist und ein weißes Laken sie wie eine Welle umspielt, hat diese Szene etwas Unwirkliches. Und in der Tat: Die Frau wacht am Morgen allein auf, sie hat geträumt, der Platz neben ihr ist leer. Denn ihr Mann ist verstorben. Corine, so der Name der Frau, ist seitdem nicht mehr dieselbe. Sie arbeitet als Tontechnikerin in einem Musikstudio. Doch als ihr wieder einmal ein Fehler unterläuft, schickt ihr Chef sie kurzerhand in die Mongolei, um ethnografische Tonaufnahmen zu sammeln, Gesänge vor allem, aber auch Trommeln. Corine darf sogar an einer schamanischen Séance teilnehmen. Doch schon bei den ersten Trommelschlägen fangen ihre Hände zu zittern an. Corine fällt in Trance, sie wähnt sich im Jenseits und läuft auf eine Tür in der Ferne zu. Auf der Tonspur sind erschreckende Schreie zu hören, Corine heult wie ein Wolf, dann das abrupte Ende. Der Zuschauer ist so irritiert wie Corine selbst. Ihr wird eröffnet, dass sie selber eine Schamanin sei und nun lernen müsse, mit den Geistern umzugehen. In ihrer Verstörung kehrt Corine zunächst nach Paris zurück. Doch das Erlebte lässt sie nicht mehr los. Und so fliegt sie wieder in die Mongolei, um das „Handwerk“ des Schamanismus zu erlernen.
 
Eine wahre Geschichte, die Corine Sombrun 2001 so passiert ist und in ihrem Buch „Mein Leben mit den Schamanen“ nachzulesen ist. Sombrun hat sich jahrelang in den Ritualen und Trancetechniken unterweisen lassen, der Abspann informiert den Zuschauer darüber, dass sie sogar ein Forschungsprogramm über Trancezustände und ihre therapeutische Wirkung ins Leben rief. Man muss den Hintergrund des Films während des Schauens ein wenig im Hinterkopf behalten, vor allem, wenn man kein religiöser Mensch ist. Doch der Schamanismus, also die Fähigkeit des Geistes, den Körper nach Wunsch zu verlassen und in Trance weite Reisen zu unternehmen, vielleicht sogar mit Verstorbenen in Kontakt zu treten, spielt in Zentralasien eine wichtige Rolle. Regisseurin Fabienne Berthaud („Barfuss auf Nacktschnecken“) nähert sich dem Thema ihres Films denn auch mit großer Ernsthaftigkeit. Da ist kein falscher Ton, keine Unaufrichtigkeit. Als Zuschauer taucht man förmlich ein in diese fremde Welt und lässt sich, trotz allem Rationalismus, mittragen. Großen Anteil daran hat vor allem die wunderbare Cécile de France. Sie spielt zunächst die traurige Frau mit großem Kummer, die Trost in einem anderen Teil der Welt sucht. Doch die Aussicht, eine Schamanin zu sein und darum gezwungen zu sein, ihr Leben zu ändern, behagt ihr zunächst gar nicht. Einmal steht sie allein in der mongolischen Steppe und schreit mehrmals laut „Merde!“ – was ihren inneren Konflikt drastisch auf den Punkt bringt. Eine große Rolle spielt auch die Landschaft: weit, karg, schön, von den Menschen unverbaut, weil sie noch immer in Zelten leben. Hier, weitab westlicher Zivilisation mit ihrer pragmatischen Sichtweise, kann man wirklich in eine größere Welt geraten.
 
Michael Ranze