Eine moralische Entscheidung

Der zweite Film des Regisseurs Vahid Jalilvand war auch der offizielle Kandidat Irans im Rennen um den Auslands-Oscar, schaffte es aber nicht in die Shortlist der fünf Nominierten. Seinen Platz hätte er dort durchaus verdient, ist „Eine moralische Entscheidung“ doch ein sehr menschliches, sehr authentisches Drama, das nicht nur bodenständig daherkommt, sondern einen Blick auf die iranische Gesellschaft erlaubt, wie man ihn nur selten erlebt, all derweil die Geschichte eines Arztes erzählt wird, der einen Unfall hat, bei dem scheinbar niemand ernsthaft verletzt wird. Aber noch in derselben Nacht stirbt der achtjährige Junge, der in den Unfall verwickelt war und der Arzt muss sich einer ernsthaften moralischen Entscheidung stellen.

Webseite: einemoralischeentscheidung.de

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Iran 2017
Regie: Vahid Jalilvand
Buch: Vahid Jalilvand, Ali Zarnegar
Darsteller: Amir Aghaee, Zakieh Behbahani, Saeed Dakh, Navid Mohammadzadeh
Länge: 104 Minuten
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 20. Juni 2019

FILMKRITIK:

Dr. Nariman (Amir Aghaee) muss auf der Straße ausweichen und touchiert ein Motorrad, auf dem Moosa mit seiner Familie unterwegs ist. Der Arzt versucht, das alles ohne Polizei zu klären, bietet dem Mann Geld an und will die Familie auch ins Krankenhaus bringen. Doch letzteres lehnt das Moosa (Navid Mohammadzadeh) ab. Nariman arbeitet in der Gerichtsmedizin und erfährt am nächsten Tag, dass ein Junge eingeliefert wurde: Moosas achtjähriger Sohn. Er ist in der Nacht verstorben. Die Todesursache scheint eine Fleischvergiftung gewesen zu sein. Aber das beruhigt Nariman nicht. Es könnte auch der Unfall gewesen sein, der die direkte Todesursache darstellt.
 
„Eine moralische Entscheidung“ ist ein beeindruckender Film, weil er eigentlich eine sehr unscheinbare Geschichte erzählt. Eine, in die man sich hineinversetzen kann, denn im Kern geht es vor allem darum, dass jede Entscheidung zu Konsequenzen führt – und die sich immer dramatischer ausweiten können. Es gibt einige Momente in diesem Film, in denen sich Menschen anders hätten verhalten können. Damit einher geht immer die Frage, ob der Ausgang besser gewesen wäre, wenn eine andere Entscheidung getroffen worden wäre. Hätte das Kind überlebt, wenn der Arzt darauf bestanden hätte, ins Krankenhaus zu fahren? Hätte der Vater es früher ins Krankenhaus bringen müssen, als er es getan hat? Hätte der Arzt mit dem Vater nach dem Tod des Kindes reden sollen? Hätte das verhindert, dass er die Schuld bei dem Mann suchte, der ihm das vergammelte Fleisch verkauft hat, durch das sich der Junge die Vergiftung zugezogen hat? Eine konkrete Antwort gibt es auf all diese Fragen nicht. Sie sind immer reine Spekulation, aber sie quälen die Hauptfigur.
 
Denn Dr. Nariman ist ein penibler, sehr korrekter Mann. Jemand, der den Dingen auf den Grund geht. Der einfach nicht lockerlassen kann. Denn eigentlich wäre er aus dieser Angelegenheit fein herausgekommen, aber er selbst ist es, der die Untersuchung erneut beginnen lässt. Weil der Zweifel darüber, ob er es war, der am Tod des Jungen schuldig ist, für ihn letzten Endes qualvoller ist als jede konkrete Erkenntnis, die kommen könnte, inklusive der Konsequenzen, die sich daraus ergeben.
 
Es ist eine moralische Lehrstunde, die Vahid Jalilvand hier präsentiert, weil er seine Hauptfigur doch so zeichnet, dass er mit der Entscheidung hadert. Zu wissen, was das Richtige ist, und es zu tun, sind zwei paar Dinge – und manchmal braucht man etwas länger, um zur notwendigen Erkenntnis zu kommen. Das spielt Amir Aghaee ausgesprochen intensiv, aber auch sein Kollege Navid Mohammadzadeh hat als Vater des Jungen ein paar eindringliche Szenen, die spürbar werden lassen, wie schnell kleine, unbedachte Ereignisse ganze Leben aus der Bahn werfen können.
 
Es ist die Natur des Unglücks, das unvorhergesehen und unerwartet hereinbricht. „Eine moralische Entscheidung“ unterstreicht dies auf zurückhaltende Art und Weise und präsentiert zugleich ein den Zuschauer auch herausforderndes moralisches Dilemma.
 
Peter Osteried