Einer von uns

Das No-Future-Drama „Einer von uns“ handelt von einer Gruppe Jugendlicher, die unter fehlenden Freizeitmöglichkeiten und schlechten Zukunftsaussichten leidet. Der 14-jährige Julian freundet sich mit dem kriminellen Marko an. Beide verfolgen ein Ziel: auszubrechen aus der Einöde des Heimatortes und die gähnende Langeweile zu beenden. Ihr Verlangen nach Abwechslung, sorgt für eine Katastrophe. Der Film, der auf wahren Begebenheiten beruht und fast nur einen Handlungsort aufweist, überzeugt als dringliche Studie über die Folgen von Perspektivlosigkeit inklusive stilvoll-unterkühlter Bilder. 

Webseite: www.einervonuns.at

Österreich 2015
Regie: Stephan Richter
Buch: Stephan Richter
Darsteller: Jack Hofer, Simon Morzé, Christopher Schärfe,
Markus Schleinzer, Dominic Marcus Singer
Länge: 86 Minuten
Verleih: Little Dream Entertainment
Kinostart: 24.11.2016
 

FILMKRITIK:

Auf dem Parkplatz eines Supermarkts spielt sich für die Jugendlichen einer kleinen Vorstadt in Österreich nahezu die gesamte Freizeit ab. Dort wird abgehangen, gechillt, geraucht und getrunken. Unter ihnen ist auch der 14-jährige Julian (Jack Hofer), der sich eines Tages mit Marko (Simon Morzé) anfreundet, der gerade erst im Jugendknast war. Einig sind sie sich in dem Wunsch danach, etwas Spannendes und Außergewöhnliches zu erleben. Sie wollen der Einöde der Vorstadt und der Tristesse des Alltags zumindest für einen kurzen Augenblick entkommen – nicht ahnend, dass sie mit ihrem Verhalten bald eine Kette tragischer Ereignisse auslösen.

Die österreichische Produktion „Einer von uns“ ist das Spielfilmdebüt von Stephan Richter, der in diesem Jahr den Max-Ophüls-Preis für den  besten Spielfilm gewann. Der in Dresden geborene Filmemacher studierte in Wien und arbeitete in den letzten Jahren vor allem als Regisseur für Experimentalfilme und Musikvideos. Der Film beruht auf wahren Ereignissen um den 14-jährigen Julian. Dieser wird im Film von Jack Hofer gespielt, der mit „Einer von uns“ sein Spielfilmdebüt gibt. Mit dem österreichischen Filmpreis für die beste männliche Nebenrolle wurde in diesem Jahr Christopher Schärfe ausgezeichnet, der hier Film den unter Geldproblemen leidenden, aggressiven Victor darstellt. 

Stephan Richters teils klinisch steril wirkendes No-Future-Drama ist Minimalismus pur: gesprochen wird nicht allzu viel (zumeist im Möchtegern-Gangster-Slang vorgetragene, inhaltsleere Drohungen oder Beschimpfungen), es gibt praktisch nur einen Handlungsort und der Plot ist einfach und stringent. Dennoch liegt über dem Geschehen – auch wenn tatsächlich wenig geschieht – eine allgegenwärtige Stimmung der Beklemmung. Der Zuschauer spürt, dass es etwas in der Luft liegt. Was genau es ist und wie schlimm es am Ende wird, vermag man lange nicht abzuschätzen. Begründet liegt diese unheilvolle Atmosphäre zum einen in den unterkühlten Synthesizer-Klängen des Soundtracks,  die das drohende Unheil regelrecht ankündigen. Zum anderen in den emotionslosen, kalten aber ungemein stilvollen Bildern der einzigen beiden echten Handlungsorte: der Parkplatz vor dem Supermarkt und das Innere des Markts selbst.

Richter filmt wieder und wieder die aufgefüllten Regale des Supermarktes ab, zeigt Personen beim Reinigen des Bodens und beobachtet gelangweilte Angestellte beim Einräumen der Waren. Dabei kommen diese Aufnahmen aber jederzeit gestochen scharf und, im bläulichen Licht der Supermarkt-Beleuchtung schimmernd, fast edel und anmutig daher. Der Supermarkt sei ein eigener Protagonist im Film und gelangweilter Beobachter jener Ereignisse, die sich in und vor ihm abspielen, sagt Richter selbst über den Handlungsort seines Films. Ein Ort, stoisch und desinteressiert dem gegenüber, was passiert. Und am Ende passiert etwas Tragisches. Stoisch und desinteressiert werden die meisten Zuschauer dies hingegen nicht verfolgen.
Darstellerisch überzeugt vor allem der junge Jack Hofer als eigentlich alles andere als krimineller, sondern vielmehr sympathischer Julian, der lediglich an die falschen Freunde gerät. Und auch Christopher Schärfe liefert eine starke Darbietung als dauergereizter Schlägertyp Victor ab, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt. Leider treten im Film ein paar Handelnde zu viel auf, deren Hinter- und Beweggründe zu Beginn nur angedeutet, und später gänzlich aus den Augen verloren werden. So etwa der ewig gestresste und überzogen penible Filialleiter, ein mit den jugendlichen „Abhängern“ überforderter Polizist oder Michael, der vor kurzem eine Stelle in dem Supermarkt antrat. Alle Personen spielen mal mehr, mal weniger eine Rolle im Film. Echte Nähe oder Mitgefühl können beim Zuschauer für diese Figuren aber nur schwer entstehen, da ihnen alles in allem zu wenig Beachtung geschenkt und ihre Entwicklung nicht konsequent beschrieben wird.

Björn Schneider