Einer wie Bruno

Radost ist 13 und steht kurz vor der Pubertät. Ihr Vater Bruno ist geistig behindert und kaum als Erziehungsberechtigter zu bezeichnen. Zunehmend lastet die Verantwortung auf Radost, die ein ganz normales Mädchen sein und mit einem ganz normalen Vater leben will, im Lauf der Geschichte aber merkt, das Normalität relativ ist. Anja Jacobs Film beginnt in eher konventionellen Bahnen, geht mit zunehmender Dauer jedoch eigene Wege, die „Einer wie Bruno“ letztlich doch zu einem schönen Film über eine ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung macht.

Webseite: www.movienetfilm.de

Deutschland 2011
Regie: Anja Jacobs
Buch: Marc O. Seng
Darsteller: Christian Ulmen, Lola Dockhorn, Lucas Reiber, Janina Fautz, Hans-Werner Meyer, Ursina Lardi
Länge: 100 Minuten
Verleih: Movienet Film, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 12.4.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Man könnte sagen, dass „Einer wie Bruno“ ein Film über zwei 13jährige ist: Radost (Lola Dockhorn) ist wirklich 13, gut in der Schule und ein wenig in der Rolle der Außenseiterin verhaftet. Der andere 13jährige ist ihr Vater Bruno (Christian Ulmen), der durch eine nicht näher definierte geistige Behinderung ein eher kindliches Gemüt bewahrt hat. Seit dem Tod der Mutter lebt das ungewöhnliche Duo in einer Hochhaussiedlung und macht das Beste aus der Lage. Für die Frau vom Amt probt man ein halbwegs funktionierendes Familienleben ein, doch langsam gerät die Situation an Grenzen. Zunehmend ist Radost genervt von ihrer Rolle, will sie nicht die quasi Ältere sein, die auf ihren Vater aufpasst und seine Marotten erträgt.

Als mit dem betont coolen Benny (Lucas Reiber) ein neuer Schüler in ihre Klasse kommt, beginnt sich Radost zu verändern. Zunächst nimmt Benny sie zwar gar nicht wahr, doch aufgezwungene Nachhilfestunden bringen Radost in die Nähe ihres Schwarms. Der wirkt auch zunächst ganz sympathisch, geriert sich jedoch als Künstler, als Poet, der die Behinderung von Bruno – den er trotz Radosts Bemühungen bald kennen lernt – als Inspirationsquelle für seine Musik betrachtet. Sehr zum Ärger von Radost, die zunehmend beginnt, sich wie ein ganz normaler Teenager zu verhalten: Rebellisch, widerborstig, eigene Wege gehend. Nur das in ihrem Fall die eigenen Wege zu familiären Konsequenzen führen, die keiner der Beteiligten erwartet hätte.

Anja Jacobs Film beginnt in konventionellen Bahnen, fast wirkt es, als würden die typischen Figuren und Situation einer Geschichte dieser Art abgehakt. Die Grundkonstellation ist schnell etabliert, die junge Lola Dockhorn sehr überzeugend und sympathisch als unfreiwillig erwachsene und doch noch so junge Radost, und Christian Ulmen gibt einmal mehr eine typische Christian Ulmen-Performance, mit großem Körpereinsatz und Lust an der Verstellung. Besonders die Einführung von Radosts Schwarm Benny, als typische Figur des auf den ersten Blick Distanziert-Coolen, der durch künstlerische Aktivitäten eine sensible Seite offenbart, lässt wenig erwarten.
Doch dann bekommt „Einer wie Bruno“ die Kurve und wagt sich doch noch aus den eingefahrenen Strukturen seiner Geschichte heraus. Das liegt besonders daran, dass weniger Bruno die Hauptfigur ist, sondern Radost. Eine geschickte Entscheidung, da durch Brunos geistige Behinderung eine wirkliche Entwicklung der Figur kaum möglich wäre. Radost dagegen durchlebt im Verlauf des Films eine Art Pubertät im Zeitraffer. Mit zunehmendem Selbstvertrauen stellt sie sich den vielfältigen Problemen, schießt bisweilen übers Ziel hinaus, entwickelt sich letztlich aber zu einer resoluten Person. Die gerade durch den Kontakt zu anderen Eltern erkennt, wie wenig aussagekräftig ein Begriff wie „Normalität“ doch ist. Verkitscht wird ihr Leben mit einem geistig behinderten Vater jedoch in keiner Weise. Gerade die Konsequenz mit der der Film Brunos bisweilen unverständliches Verhalten zeigt, macht Radosts Entwicklung so authentisch. Und „Einer wie Bruno“ doch noch zu einem sehenswerten Film über eine ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung.

Michael Meyns

Radost zählt 13 Jahre, die Mutter ist tot, der Vater, Bruno, geistig behindert. Radost geht zur Schule, welcher Belastung sie täglich ausgesetzt ist, wissen ihre Schulkameraden aber nicht.

Bruno schlichtet im Supermarkt Lebensmittel in die Regale. Ab und zu passiert ein kleines Unglück – auch weil ein Kollege, den Bruno in einem seiner Anfälle beleidigte, ihm fortan übel will.

Radost wächst mit der Pflege ihres Vaters über sich hinaus; deshalb ist beider Leben erträglich.

Schwieriger wird es, als bei dem Mädchen die Pubertät einsetzt. Da ist zum Beispiel der schöne, Gitarre spielende Benny, dem sie nicht nur Mathe-Nachhilfestunden gibt, sondern den sie auch mag.

Was aber, wenn Benny eines Tages vor Radosts Türe steht und Bruno plötzlich mit einem seiner Oligophrenie-Anfälle aufwartet?

Was aber, wenn Radost einige Tage ins Schullandheim fährt, Bruno sich nicht an die zuvor getroffenen Abmachungen hält, zuhause ein Chaos veranstaltet, plötzlich auftaucht und so, für Radost sehr peinlich, für die Schulkameraden alles offenbar werden kann?

Je „erwachsener“ Radost wird, desto komplizierter wird das Verhältnis zu ihrem Vater.

Doch es muss noch einen Weg geben.

Kein Traumfabrik-Kino, sondern ein ernst gemeinter Film über ein sehr spezielles Problem. Es muss für Christian Ulmen nicht leicht gewesen sein, die Rolle des Bruno zu vertiefen, zwischen den krankhaften Ausbrüchen und dem Normalsein zu balancieren. Er zog sich sehr respektabel aus der Affäre – auch wenn es dann und wann zu Übertreibungen kommt.

Erstaunlich auch, wie gut die noch junge Lola Dockhorn den Part der Radost meistert. Sicherlich ein Talent, von dem noch zu hören sein wird.

Zutiefst human wie hier ein 13jähriges Mädchen die rührende Beschützerin ihres der Hilfe bedürfenden Vaters ist.

Thomas Engel