Einfach das Ende der Welt

Für seine intensive Verfilmung  des gleichnamigen Theaterstücks von Jean-Luc Lagarce erhielt Xavier Dolan auf dem diesjährigen Festival von Cannes den „Großen Preis der Jury“. Der erfolgreiche Schriftsteller Louis besucht seine Familie nach 12 Jahren wortkarger Abwesenheit zum ersten Mal. Sein Auftauchen löst einen Wirbelsturm von Ressentiments, Vorwürfen und jahrelang genährten Verletzungen aus, den Dolan und sein hervorragendes Ensemble – Gaspar Ulliel, Natalie Baye, Marion Cotillard, Léa Seydoux und Vincent Cassel – als hysterisches und fast schon schmerzhaft klaustrophobisches Kammerspiel in Szene setzen.

Webseite: www.facebook.com/EinfachDasEndeDerWelt/

Kanada, Frankreich 2016
Regie: Xavier Dolan
Drehbuch: Xavier Dolan, nach einem Theaterstück von Jean-Luc Lagarce
Darsteller: Marion Cotillard, Vincent Cassel, Gaspard Ulliel, Nathalie Baye, Léa Seydoux
Musik: Gabriel Yared
Länge: 97 Minuten
Verleih: Weltkino Filmverleih
Kinostart: 29.12.2016

FILMKRITIK:

Xavier Dolan ist immer noch erst 27 Jahre alt, aber „Einfach das Ende der Welt“ ist bereits sein siebter Spielfilm (der achte, „The Life and Death of John F. Donovan“ ist auch schon in Postproduktion). Inzwischen inszeniert Dolan mit der selbstbewussten Souveränität eines viel älteren Regisseurs, hat aber nichts von seiner erfrischenden Dreistigkeit verloren: „Einfach das Ende der Welt“ nach einem Theaterstück des französischen Theaterregisseurs und Drehbuchautors Jean-Luc Lagarce, der 1995 im Alter von nur 38 Jahren an den Folgen von Aids gestorben ist, besteht fast vollständig aus Nahaufnahmen und stellt eine extrem klaustrophobische Erfahrung dar. Bei seiner Welturaufführung auf dem Filmfestival in Cannes haben einige Kritiker den Film als Zumutung empfunden, die Jury aber hat Dolan den „Großen Preis der Jury“ zugesprochen.

Im Mittelpunkt steht einmal mehr eine dysfunktionale Familie: Louis (Gaspard Ulliel) macht nach zwölf Jahren Abwesenheit, in der er in der Stadt eine Karriere als Schriftsteller gemacht hat und den Daheimgebliebenen lediglich kurzangebundene Postkarten geschickt hat, einen Familienbesuch. Es ist ein Abschiedsbesuch: Louis ist schwer krank und möchte seiner Familie mitteilen, dass er sterben wird. Aber seine Familie hat auch ihm eine Menge mitzuteilen. In den Jahren seiner Abwesenheit haben sich Legenden gebildet, Ressentiments angestaut und Hoffnungen an den Abwesenden geknüpft, der nun endlich da ist. Suzanne (Léa Seydoux), die kleine Schwester, die zu viel kifft, hat ihren fernen großen Bruder kaum kennengelernt aber sie nährt die Fantasie, dass mit ihm alles anders gelaufen wäre und dass er sie immer noch retten könnte. Auch Bruder Antoine (Vincent Cassel) fühlt sich vernachlässigt, zurückgelassen, gedemütigt von der Unfähigkeit, selbst mehr aus seinem Leben zu machen. Kaum gezügelte Aggression spricht aus jedem seiner Sätze und bei jedem lauten Wort zuckt seine schüchterne Ehefrau Catherine (Marion Cotillard) zusammen. Die Mutter – laut, schlagfertig, transig-trashig – versucht, alles zusammenzuhalten und scheitert damit auf ganzer Linie.

Das Geschrei, die Fragen, die Vorwürfe und die Hysterie gehen los, sobald Louis die Türschwelle überschreitet und hören nicht mehr auf, bis er das Haus wieder verlässt. Jeder Versuch der Kommunikation scheitert spektakulär, aber geredet, getobt, angeklagt wird ohne Pause. Gemeinsam schraubt sich das fantastische Ensemble in einen familiären Alptraum hinein, der die zahllosen, versöhnlichen  Rückkehr-in-die-Heimat-Geschichten konterkariert. Versöhnung scheint hier ausgeschlossen und Flucht die naheliegende Alternative. Nicht nur Louis kann sich dem Furor nicht entziehen, auch die Zuschauer sind gefangen: in Einstellungen, die kein Draußen zulassen, die zu nah sind und die Intimsphäre verletzen, in Gefühlen, die zwar niemand klar aussprechen kann, die sich aber überdeutlich in den ungeschützten Gesichtern abzeichnen, und in familiären Abhängigkeiten, die man sich nicht zu eigen machen möchte, aber dennoch, widerstrebend, versteht.

Natürlich ist das anstrengend und auch übergriffig, aber es ist auch eine intensive cineastische Erfahrung, die es so nur selten zu erleben gibt.

Hendrike Bake