Einmal bitte alles

Für ihr Spielfilmdebüt „Einmal bitte alles“ hat sich Regisseurin Helena Hufnagel eine eigene Genrebezeichnung ausgedacht: Coming of Age-Age oder late Coming of Age. Denn während man Stories übers Erwachsenwerden gemeinhin mit Teenagern assoziiert, verzweifelt die aus „Härte“ und „Fado“ bekannte Hauptdarstellerin Luise Heyer als 27-Jährige daran, dass alle außer ihr scheinbar längst erwachsen geworden sind. Premiere feierte die tragikomische Sinnkrise im Wettbewerb des Max-Ophüls-Filmfestivals, wo Heyer als beste Nachwuchsschauspielerin nominiert war. Erhalten hat sie den Preis nicht, hätte ihn aber durchaus verdient gehabt.

Webseite: www.einmalbittealles.de

Deutschland 2017
Regie: Helena Hufnagel
Drehbuch: Sina Flammang, Madeleine Fricke, Helena Hufnagel
Darsteller: Luise Heyer, Jytte-Merle Böhrnsen, Maximilian Schafroth, Patrick Güldenberg, Sunnyi Melles, Stefano Bernardin
Laufzeit: 90 Min.
Verleih: Der Filmverleih
Kinostart: 20. Juli 2017

FILMKRITIK:

Am Anfang sind sich die besten Freundinnen und Mitbewohnerinnen Isi und Lotte (Luise Heyer & Jytte-Merle Böhrnsen) noch einig: So wie der „Versager“ Klausi (Maximilian Schafroth), der noch immer seiner gammligen WG auf der faulen Haut liegt und brotlos musiziert, wollen die Endzwanzigerinnen nie enden. Doch dann scheiden sich die Wege der jungen Frauen: Lotte ergattert eine Festanstellung beim renommierten Verlag, wo Isi kürzlich ihr Praktikum gekündigt wurde, und verliebt sich Hals über Kopf in einen feschen Italiener. Dadurch fühlt sich Isi, die von der Veröffentlichung einer eigenen Graphic Novel träumt, finanziell wie lebensperspektivisch endgültig abgehängt. Und schlittert unversehens in eine Quarterlife Crisis.
 
Das Ende empfinden Isi und Lotte als nah, dann bald sind sie dreißig. Fast kindisch wirkt es, wenn quasi alle Figuren außer Klausi mit dem Älterwerden hadern – und das im doch recht zarten Alter von 27 Jahren. Allzu wahre Anknüpfungspunkte liefert „Alles auf einmal“ trotzdem, denn Isis Grundkonflikt, in einem plötzlich auf Erfolg getrimmten Umfeld mitzuhalten, ist ein nicht unwesentliches Nebenprodukt der Leistungsgesellschaft. Im Film wie in der Realität wird die „magische 30“ hartnäckig zur „Deadline“ stilisiert, ab der man seine Schäfchen im Trockenen haben sollte – so klischeehaft und kleinmütig das auch ist. „Es ist halt einfacher schwanger zu werden als einen Job zu kriegen,“ findet Lotte. Später, bei einem unangenehmen Zusammentreffen mit Lottes neuen Arbeitskolleginnen, resümiert die gebeutelte Isi das Erwachsenenleben so: „Früher war man befreundet, wenn man dieselbe Band mochte. Heute gehts darum, wer den besten Wein mitbringt.“
 
Thematisch kreist „Einmal bitte alles“ um das späte Erwachsenwerden der Protagonistin Isi, die in Vergleichen mit ihrem Umfeld schlecht abschneidet und ihre bis auf weiteres brotlosen Träume dennoch nicht aufgeben will. Mit ihren Sorgen steht Isi spätestens dann allein da, als sich Lotte von jetzt auf gleich für den üblichen Weg entscheidet. Dass der freiwillige oder unfreiwillige Verzicht auf ein „ordentliches“ Leben in aller Regel zumindest phasenweise mit prekären oder unsicheren Lebensverhältnissen einhergeht, auch davon handelt „Einmal bitte alles“. Als Isi am Bankautomaten kein Geld mehr bekommt, ruft sie wie „Oh Boy“ ihren Vater an – doch ohne Erfolg.
 
Helene Hufnagel gelingt es mit viel Einfühlungsvermögen, die Sorgen und Hoffnungen junger Menschen unterhaltsam und in sich stimmig darzustellen. Im Verlauf der Handlung lernt Isi, das ständige Vergleichen mit Anderen einzustellen, und feiert einen persönlichen Triumph. Ganz so wie Regisseurin Helena Hufnagel, die keinen perfekten, aber sehr sympathischen Film gedreht hat. Die Ottonormalverbraucher, an denen sich Isi und wohl auch Hufnagel lang gemessen haben, die pünktlich „erwachsen“ gewordenen Nestbauer, können dann in der Midlifecrisis darüber lamentieren, was sie alles eigentlich gern gemacht hätten, oder die Schulzeit zur Hochzeit des Lebens verklären. Die Luise Heyers und Helena Hufnagels da draußen dürften über so was wohl nur müde lächeln – meistens jedenfalls, und vor allem hinterher.
 
Christian Horn