El Olivo – Der Olivenbaum

Ein emotionales Märchen ist "El Olivo – Der Olivenbaum", der neue Film von Icíar Bollaín, die zuletzt mit "También la Lluvia – Und dann der Regen" in Deutschland im Kino war. Wie sich das für ein Märchen gehört, ist auch "El Olivo" moralisch und erzählt vom materiellen und vor allem emotionalen Ausverkauf, den Spanien durch die Wirtschaftskrise seit Jahren erleidet.

Webseite: www.el-olivo-film.de

Spanien/ Deutschland 2016
Regie: Icíar Bollaín
Buch: Paul Laverty
Darsteller: Anna Castillo, Javier Gutierrez, Pep Ambròs, Maunel Cucala, Miguel Angel Aladren, Carme Pla
Länge: 98 Minuten
Verleih: Piffl
Kinostart: 25. August 2016
 

FILMKRITIK:

Neben ihrem alternden Großvater Ramón (Manuel Cucala) liebt Alma (Anna Castillo) nichts so sehr wie einen der alten, knorrigen Olivenbäume, der sich seit ewigen Zeiten im Besitz der Familie befand. Als Kind kletterte sie in seinen Ästen, versteckte sich in einem Loch im Stamm und ließ sich vom Großvater erklären, wie man mit Hilfe eines kleinen Zweiges einen Ableger zieht, der vielleicht eins Tages zu einem neuen, ebenso mächtigen Baum heranwachsen wird. Doch der Baum ist längst verschwunden, im Zuge der Wirtschaftskrise zu Geld gemacht, für 30.000 Euro verkauft, viel Geld, das aber längst in einem Projekt verbrannt ist.

Der Großvater lebt immer noch mit seiner Familie auf der Farm, mit seinen Kindern und Enkeln, doch zunehmend macht das Alter ihm zu schaffen. Immer häufiger wandert er ziellos durch die Gegend, auf der Suche nach dem Olivenbaum, wie allein Alma spürt. Schnell macht sie per Internet den aktuellen Standort des Baums ausfindig: Eine Bank in Düsseldorf, die den Baum sogar als Signet benutzt. Kurzentschlossen überredet Alma ihren Onkel Arti (Javier Gutierrez) und ihrer Verehrer Rafa (Pep Ambros), sich auf die Reise nach Deutschland zu machen. Wie genau sie den Baum zurückbekommen will, weiß sie zwar noch nicht, aber wo ein Wille ist, scheint auch ein Weg zu sein.
 
Es überrascht nicht zu lesen, dass der englische Autor Paul Laverty das Drehbuch zum Film seiner Lebensgefährtin Icíar Bollaín geschrieben hat, ist Laverty doch vor allem für seine Drehbücher zu sozial engagierten Filmen von Ken Loach bekannt. Auch für den diesjährigen Cannes-Gewinner "I, Daniel Blake" schrieb Laherty das Drehbuch, doch während dort Ken Loach seine Geschichte von Engagement und Widerstand gegen ein zunehmend zynischeres Sozialsystem bitter und schonungslos enden lässt, geht Bollaín in "El Olivo" einen anderen Weg. Auch wenn die Darstellung der spanischen Region Castellon, ihrer Wirtschaftsprobleme und zunehmend industrialisierten landwirtschaftlicher Betriebe Anzeichen von Sozialrealismus trägt, ist die Geschichte vom ersten Moment an von märchenhaften Zügen geprägt. Wie eine weibliche Version von Don Quijote wirkt die ebenso burschikose wie rechtschaffene Alma, wenn sie mit einem riesigen Lastzug durch Europa fährt, eine symbolische Freiheitsstatue im Gepäck, um das Unmögliche möglich zu machen.
 
Der symbolische Feldzug gegen die europäische Austeritätspolitik, die auch Spanien dazu genötigt hat, seine Vergangenheit, seine Traditionen zu verkaufen, nimmt in Icíar Bollaíns Inszenierung legendenhafte Züge an. (Ironischerweise konnte sie diesen Film auch durch die deutsche Filmförderung finanzieren, sicherlich auch ein Grund, warum das Road-Movie in Düsseldorf Station macht.) Manchmal tragen Bolláin und Laverty dabei etwas dick auf, sind zu sehr überzeugt von der Rechtschaffenheit ihres Anliegens und vergessen darüber die Glaubwürdigkeit ihrer Figuren und Geschichte. Etwas rührselig ist "El Olivo – Der Olivenbaum" dadurch geraten und ist am Ende vor allem ein engagiertes, wohlmeinendes Sozialmärchen.
 
Michael Meyns