Electric Girl

Als Sprecherin einer Anime-Superheldin lösen sich für eine Studentin die Grenzen zwischen Imagination und Wirklichkeit auf: Sie ist davon überzeugt, ihr Umfeld vor gefährlichen Mächten beschützen zu müssen und über Superkräfte zu verfügen. Der von der Comic-Zeichnerin Ziska Riemann inszenierte Fantasy-Drama-Mix verfügt über ein gelungenes visuelles Konzept und überzeugt durch stilvolle, atmosphärische Animationen. Wenn die junge Hauptfigur aber immer weiter ihrem Wahn verfällt, entfremdet sie sich nicht nur von der Realität – sondern wegen ihres flippigen, anstrengenden Verhaltens auch vom Zuschauer.

Webseite: www.Electric-Girl.de

Deutschland, Belgien 2018
Regie: Ziska Riemann
Drehbuch: Ziska Riemann, Luci van Org, Dagmar Gabler, Angela Christlieb
Darsteller: Victoria Schulz, Hans-Jochen Wagner, Svenja Jung, Björn von der Wellen
Länge: 89 Minuten
Kinostart: 11. Juli 2019
Verleih: Farbfilm

FILMKRITIK:

Poetry-Slammerin Mia (Victoria Schulz) bekommt die Chance, als Synchronsprecherin die Anime-Superheldin Kimiko zu verkörpern. Es dauert nicht lange und Mia entdeckt Gemeinsamkeiten zwischen sich und der mutigen Frau mit den blauen Haaren aus dem Anime. Immer tiefer taucht sie in die Welt der bunten Bilder ein – bis sie irgendwann glaubt, über dieselben Fähigkeiten wie Kimiko zu verfügen. Auf einmal kann sie Elektrizität sehen, Gefahren vorausahnen und von Dächern springen. Dabei bringt sie sich zunehmend in Gefahr und auch ihre Freunde und Familie machen sich Sorgen. Schafft Mia es, Realität und Wahn noch rechtzeitig voneinander zu trennen?

Regisseurin und Drehbuchautorin Ziska Riemann kennt sich aus mit Comics. Seit vielen Jahren arbeitet die Münchnerin als Comic-Zeichnerin und Animationskünstlerin. In die Lehre ging sie beim Illustrator und Karikaturist Gerhard Seyfried, mit dem sie einige Comics verwirklichte. „Electric Girl“, der in diesem Jahr beim Filmfest Max-Ophüls-Preis Premiere feierte, ist ihr erster Spielfilm seit „Lollipop Monster“ (2011).

Genau so wie sich das Leben von Mia mit zunehmendem Realitätsverlust in zwei Teile untergliedern lässt (vor und nach der „Verwandlung“ in Kimiko), so fallen ebenso im Film zwei Hälften ins Auge, die sich qualitativ ziemlich voneinander unterscheiden. In der ersten führt Riemann Mia und ihre Lebenswelt sorgsam und geduldig ein. Mia ist eine quirlige, lebenslustige Frau, die neben ihrem Studium in einer Bar arbeitet und bei den Gästen beliebt ist. Mit der Handkamera filmt Riemann ihr oft direkt über die Schulter und der Zuschauer folgt Mia an die verschiedensten Orte: in ihre kleine Studenten-Bude, zum ausgelassenen Feiern in den Club oder ins Synchronisations-Studio.

Visuell gelungen und kreativ sind außerdem die Überlappungen der realen und der Comic-Welt, etwa in einer mitreißenden Liebesszene zwischen Mia und ihrem Chef im Studio. Und schon die Tricksequenzen der Kimiko-Animes – für die das Animationsstudio „Lunanime“ gewonnen werden konnte – entfalten einen atmosphärischen Sog, der bedingungslos in den Bann zieht. Dies liegt in erster Linie an den irrlichternden Blitzen und flirrenden Farben. Sie visualisieren die Kraft (und Unberechenbarkeit) der Elektrizität und Stromquellen, derer sich im Anime finstere Wesen bedienen, um die Stadtbewohner auszulöschen.

Mit voranschreitendem Handlungsverlauf jedoch entfremdet man sich von der Hauptfigur und es erweist sich als schwierig, sich Mia noch nahe zu fühlen. In der zweiten Filmhälfte verfällt sie einem manischen Rausch, der sich in Form eines unberechenbaren, lauten und überkandidelten Verhaltens zeigt. Mit überbordender Energie und gehüllt in farbenfrohen Klamotten sowie mit blauer Perücke auf dem Kopf crasht sie eine Familienfeier, fährt sich beinahe zu Tode und tickt völlig aus – ganz und gar eingenommen von der Überzeugung, als Comic-Heldin ihre Stadt retten zu müssen. Diese Szenen sind zu flippig und überzogen geraten. Versöhnlich gerät hingegen das Finale: In einer mehrminütigen, poetischen und von sphärischen Ambient-Klängen untermalten Unterwassersequenz spielt Riemann nochmals die visuelle Kraft ihres Films aus.

Björn Schneider