Elegy oder die Kunst zu lieben

Basierend auf dem Roman „Das sterbende Tier“ erzählt Regisseurin Isabel Coixet ("Mein Leben ohne mich", "Das geheime Leben der Worte") von einer verhängnisvollen Affäre zwischen einem Professor und seiner Studentin. Penélope Cruz und Ben Kingsley überzeugen dabei in einem Drama, das allerdings in seiner Behäbigkeit und Langsamkeit oft oberflächlich und allzu gewöhnlich bleibt.

Webseite: www.elegy-derfilm.de

USA 2008
Regie: Isabel Coixet
Drehbuch: Nicholas Meyer (nach dem Roman „Das sterbende Tier“ von Philip Roth)
Darsteller: Penélope Cruz, Ben Kingsley, Dennis Hopper, Patricia Clarkson, Peter Sarsgaard, Deborah Harry
Länge: 108 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 14.8.2008

PRESSESTIMMEN:

Eine gänzlich männliche Geschichte, erzählt aus weiblicher Perspektive, ein erstaunlich zärtlicher Film über das Innenleben eines Machos.
KulturSPIEGEL

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FILMKRITIK:

Einer Elegie, also einem Klagelied, gleicht das Leben von College-Professor David Kepesh (Ben Kingsley) nicht wirklich. Mit Erfolg pendelt er zwischen Hörsaal und TV-Studio, wo er als Gast in Literaturshows nicht nur geschickt über seine eigenen Werke doziert, sondern sich mit aktuellen Zeitgeist-Fragen beschäftigt, die er stets mit gut gelauntem Zynismus zu beantworten weiß. Die eigentliche Leidenschaft sind allerdings seine Studentinnen, die er Semester für Semester aufs Neue erobert – meistens auf der Abschlussparty in seiner Wohnung. Die gut situierte Mittelschicht ist das bevorzugte Forschungsfeld der spanischen Regisseurin Isabel Coixet, die in vielen ihrer Filme von den leisen und zwischenmenschlichen Dramen erzählt. Nach ihrem Erfolg „Mein Leben ohne mich“ ist dies nun ihre dritte Arbeit auf amerikanischem Terrain mit der sie sich ausnahmsweise unerwartet schwer tut. Die Geschichte basiert auf dem Roman „Das sterbende Tier“ von Philip Roth – klassisch-schwülstiger Literaturstoff, der in der Adaption für die Kinoleinwand aber oft erschreckend altbacken wirkt und mit arg klischeehaften Bildern arbeitet.

 

Vielleicht liegt es an der so vertrauten und oft gehörten Geschichte: Der Professor und vermeintliche Schürzenjäger verfällt den Reizen seiner kubanischen Studentin Consuela Castillo (Penélope Cruz) und hört wider Erwarten zum ersten Mal das Herz in der Brust schlagen. Ist es Liebe? Aus einer anfänglichen Leidenschaft entsteht eine konstante Beziehung, die schon bald von den Tücken der Eifersucht eingeholt wird. Die emotionalen Turbulenzen bleiben angenehm subtil und zurückhaltend, der Professor wird nicht zum gekränkten Amokläufer. Doch holprige Metaphern – zum Beispiel vertrocknete Zimmerpflanzen, die ihre Blätter verlieren oder Ben Kingsley, der gedankenverloren inmitten von einem Pulk von Feierabend-Fußgängern ins Leere starrt – wollen die Vergänglichkeit der Liebe symbolisieren. Stattdessen werden längst bekannte Bilder geschaffen, die einfach nur bieder und oberflächlich bleiben.

Wo der Film über das Älterwerden sinniert, hat er seine besseren Momente.  Isabel Coixet interessiert sich nicht nur für die Liebesbeziehung zwischen ihren Protagonisten, sondern versucht sich auch an einem Porträt alternder Männer, die im Herbst ihrer sexuellen Bedürfnisse angekommen sind. Dennis Hopper spielt den besten Freund des Professors Kepesh, der über ähnliche Casanova-Qualitäten verfügt, obwohl er in langjähriger Ehe lebt. „Schöne Frauen sind unsichtbar“, sagt er, „und weil wir uns von ihrer schönen Schale blenden lassen, lernen wir nie die eigentliche Person dahinter kennen.“ Ganz ähnlich verhält es sich mit diesem Film, der über seine eigentlich schöne Form (mit wunderbarer Filmmusik von Erik Satie, Leonard Cohen und Beethoven) zu wenig über seinen eigentlichen Inhalt verrät und somit für ein als emotional angelegtes Drama seltsam oberflächlich bleibt. Der bemüht wirkende Twist zum Schluss des Films soll überraschend wirken – und zeigt lediglich wie stark sich Isabel Coixet in ihrer Thematik wiederholt.

David Siems

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David Kepesh ist ein eloquenter Professor, der durch seine Intelligenz und sein Charisma die Studentinnen anzieht wie das Licht die Motten. Er liebt, so nennt er es jedenfalls, binden will er sich nie – verheiratet war er schon einmal. Das geht so flott vor sich her, bis, ja bis er auf Consuela Castillo trifft. Ihr Gesicht ist von besonderer Schönheit, sie besitzt einen vollendeten Körper. Um Kepesh ist es geschehen. 

Trotz eines Altersunterschiedes von 30 Jahren beginnt Consuela den Professor mit der Zeit leidenschaftlich zu lieben, was mit wundervollen Stunden voller Sexualität verbunden ist. Die Tragik: Kepesh kann das kaum glauben, sieht wegen des unterschiedlichen Alters immer schon das Ende der Beziehung kommen, begreift nicht, wie tief Consuelas Liebe geht und ist letztlich – übrigens auch unter dem Einfluss seines Dichterfreundes George O’Hearn – gar nicht bereit, sein Leben an diese Liebe hinzugeben. Die unausweichliche Konsequenz: Consuela trennt sich von David. Jahre später, an einem Silvesterabend, kommt ein ebenso verhängnisvoller wie viel versprechender Telefonanruf. 

Die Kompliziertheit des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern, die Hingabefähigkeit der Frau, die Hingabeunfähigkeit des Mannes, das Verpassen des richtigen Zeitpunktes (des so genannten „fruchtbaren Moments“), die eher störenden Einflussnahmen von außen, all das wird in diesem von Isabel Coixet formal ziemlich perfekt gestalteten Film thematisiert und durchexerziert.

Die eigentliche Kunst aber besteht darin, wie Ben Kingsley (David Kepesh) und Penélope Cruz (Consuela Castillo) dieses von Glück und Sex überwältigte und in Tragisches verstrickte Liebespaar spielen – hervorragend. Auch Dennis Hopper als Freund O’Hearn, Patricia Clarkson als Kepeshs Aushilfs- und Dauergeliebte Carolyn oder Peter Sarsgaard als sich mit dem Vater im Clinch befindlicher Sohn Kenny können sich sehen lassen. Es gibt sehenswerte Szenen mit ihnen.

Künstlerisch bedeutsam.

Thomas Engel