Elliot, der Drache

Die Möglichkeiten im digitalen CGI-Zeitalter schreiten exponentiell voran. Und so scheint die technisch perfekte Neuauflage beliebter Klassiker in Hollywood inzwischen ein eigenständiges Genre zu sein. Disney setzt nach dem Erfolg von „Das Dschungelbuch“ die Modernisierung seines Filmarchivs mit „Elliot, der Drache“ (das Original lief noch als „Elliot, das Schmunzelmonster“) fort. An die Stelle der verspielten Musical-Version aus den siebziger Jahren mit ihrem im besten Cartoon-Stil gezeichneten Titelhelden tritt ein starbesetztes Wildnisabenteuer, das mit einem großartig animierten CGI-Elliot, einem verheißungsvollen Nachwuchstalent und sehr viel Herz überzeugt.

Webseite: filme.disney.de/elliot-der-drache

OT: Pete's Dragon
USA 2016
Regie: David Lowery
Buch: David Lowery & Toby Halbrooks
Darsteller: Bryce Dallas Howard, Oakes Fegley, Robert Redford, Wes Bentley, Karl Urban, Oona Lawrence
Länge: 102 Minuten
Verleih: Disney
Kinostart: 25. August 2016

FILMKRITIK:

Das kleine Millhaven ist ein verschlafenes Nest, in dem schon immer Geschichten über eine geheimnisvolle Kreatur existierten, die irgendwo da draußen in den Wäldern leben soll. Für den alten Mr. Meachum (Robert Redford) sind diese Erzählungen kein erdachtes Märchen. Vor vielen Jahren ist er in der Wildnis selbst jenem Geheimnis begegnet. Was er mit den eigenen Augen sah, konnte er zunächst selbst kaum glauben. Plötzlich stand ein ausgewachsener Drache vor ihm. Seitdem erzählt er den Kindern aus der Nachbarschaft, seiner Tochter Grace (Bryce Dallas Howard) und jedem, der es hören will, von seiner Begegnung. Für den 10-jährigen Pete (Oakes Fegley) dürfte das alles sehr vertraut klingen. Der Junge lebte sechs Jahre in den Wäldern, ohne Eltern, die damals bei einem Autounfall starben. Alleine war Pete in all dieser Zeit dennoch nicht. Ein grüner Drache mit Namen Elliot wurde zu seinem treuen Freund und Beschützer.
 
Ein grüner Drache mit Namen Elliot? Da werden bei nicht wenigen Kindheitserinnerungen wach. Ende der 1970er Jahre brachte Disney den sanften, friedfertigen Riesen schon einmal als „Elliot, das Schmunzelmonster“ in die Kinos. Tatsächlich hat der neue Elliot aber nur wenig mit seinem Vorgänger gemein. Denn wo seinerzeit ein charmant animierter Drache Freundschaft mit einem tapferen Waisenjungen schloss, setzt der aktuelle Film auf ausgefeilte CGI-Effekte und einen natürlichen Realismus. Dieser hebt sich deutlich ab vom damaligen Märchenflair mit seinen Disney-typischen Musicaleinlagen. Mit Ausnahme eines einleitenden, die Stimmung präzise setzenden Folksongs wird in David Lowerys („The Saints“) einfühlsamem Familienabenteuer nämlich weder gesungen noch getanzt. Und auch bei Handlung, Schauplatz und Figuren gehen Regisseur und sein Co-Autor Toby Halbrooks einen anderen, durchaus sehenswerten Weg.
 
Ihr Pete bleibt zwar Waisenjunge, doch in der Neuverfilmung ist er mehr ein moderner Mogli, der dank Elliot sechs Jahre in der Wildnis überlebt und sich erst an andere Menschen und an die Zivilisation gewöhnen muss. Nachdem er von Grace gefunden wird, sucht er zunächst seinen Platz in der Welt. Er weiß nicht, ob er zu Elliot in den Wald oder doch zu Grace gehört, die sich wie eine Mutter um ihn kümmert. Obwohl die Besetzung mit Bryce Dallas Howard, Wes Bentley, Karl Urban und Robert Redford als Graces eigensinniger, unangepasster Vater gleich mehrere große Namen bereithält, so ist es doch der 12-jährige Oakes Fegley, dessen Präsenz und Spielfreude alles überstrahlt – sogar den bis in die Fellspitzen großartig animierten Computer-Elliot. Fegley verkörpert nicht nur eine positive, mutmachende Identifikationsfigur für die jüngeren Zuschauer, er ist zugleich Dreh- und Angelpunkt dieses von Neuengland in die Wälder des pazifischen Nordwesten verlegten Fantasy-Abenteuers, in dem das Fantastische vor allem in Andeutungen und kleinen Beobachtungen stets präsent ist.
 
Lowery inszeniert jenes magische Grundrauschen mit dem Ziel, eine möglichst plausible, nachvollziehbare Geschichte für Kinogänger jeden Alters erzählen zu wollen. Dass hier ein grüner Drache eine der Hauptrollen übernimmt, ist so bereits nach wenigen Minuten eine Selbstverständlichkeit. Wir betrachten die Dinge mit Petes Augen, wobei uns sein Blick lehrt, der Welt offen und vorurteilsfrei zu begegnen. Nur dann übersehen wir nicht das Besondere, was uns umgibt – seien es Drachen oder die Menschen, denen wir so viel bedeuten. Ganz Disney entlässt „Elliot, der Drache“ sein Publikum mit einem guten Gefühl aus einer Welt stiller Magie.
 
Marcus Wessel
 
 
 
Aus dem Schmunzelmonster ist ein Drache geworden, gesungen wird auch nicht mehr und die Animation ist atemberaubend perfekt. Ansonsten folgt „Elliot, der Drache“ recht genau der ersten Verfilmung des Stoffes um den kleinen Pete, der im Wald den Drachen Elliot kennenlernt. Sehr amerikanisch ist dieser Film, anrührend, familienfreundlich, oft kitschig und durch und durch ein Disney-Film.
 
Seit seine Eltern bei einem Autounfall gestorben sind, lebt der inzwischen zehnjährige Pete (Oakes Fegley) in einem dichten Wald irgendwo im amerikanischen Nordwesten. Hier ist die Welt noch in Ordnung, hier tragen die Männer ihre Bärte noch ohne Ironie und leben von der Forstwirtschaft. Das sie nicht zu viel Naturwald abholzen liegt im Interesse der Försterin Grace (Bryce Dallas Howard), die zusammen mit ihrem Mann Jack (Wes Bentley) und der Tochter Natalie (Oona Lawrence) ein beschauliches Leben führt.

Durch und durch pragmatisch ist Grace, ganz anders als ihr Vater (Robert Redford), der den Kindern des Städtchens gern von einem magischen Drachen erzählt, den er einst bei einem Jagdausflug gesehen haben will. Nur eine Legende sind alle Bewohner inklusive Grace überzeugt – und werden bald eines besseren belehrt: Beim rumstromern ist Pete in die Nähe der Zivilisation geraten und findet sich bald in der Obhut von Grace wieder. Doch was wird aus Elliot, auf den auch Jacks Bruder Gavin (Karl Urban) ein gieriges Auge geworfen hat?

Zumindest inhaltlich ist die Neuverfilmung von „Elliot, das Schmunzelmonster“ bemerkenswert altmodisch: Auch wenn der Film in den Wäldern Neuseelands gedreht wurde, atmet David Lowerys Film die Luft des amerikanischen Nordwestens, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Heile Familien in einer heilen Kleinstadt ohne Probleme, scheinbar ohne Kriminalität, eine Welt, in der Kinder nicht den ganzen Tag auf Bildschirme starren, sondern in unberührter, majestätischer Natur spielen. Ähnlich verklärt sind auch die Werte, um die es hier geht: Nach Halt, nach einer Familie streben alle Figuren, nach Sicherheit und Geborgenheit.

Doch so kitschig und rührselig dies oft auch ist, verstärkt durch eine ruhige, heimelige Inszenierung und immer wieder eingesetzte, betont melodische und harmlose Popsongs, dem Sog dieser Geschichte kann man sich kaum entziehen. Es ist Robert Redfords Vater-Figur, der in einem zu Beginn und am Ende zu hörenden Voice-Over-Kommentar davon spricht, wie wichtig es ist, wirklich sehen zu können, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, offen vor allem, für das magische, das im Alltäglichen verborgen ist. Nach und nach werden alle Figuren in „Elliot, der Drache“ von diesem Gedanken erfasst, auch die größten Skeptiker können ihr Staunen ob der Schönheit des grün schimmernden, zudem flauschigen Drachen nicht verbergen und so kann es auch dem Zuschauer gehen.

Vollkommen frei von Ironie und Brüchen inszeniert David Lowery die Familiengeschichte, lässt Kinder, aber auch Erwachsene mit großen Augen durch eine fantastische Geschichte gehen, die ihre klare Moral offensiv und ohne den kleinsten Zweifel vor sich herträgt. Dazu ein State-of-the-Art CGI-Drache, der einmal mehr belegt, welch erstaunliches Maß an Perfektion die Tricktechnik inzwischen erreicht hat und fertig ist der zwar harmlose, aber zweifellos anrührende Familienfilm.
 
Michael Meyns