Emma.

Sie ist unkaputtbar, die gute alte Jane Austen. Nun erlebt ihre enorm erfolgreiche Eheanbahnungs-Komödie „Emma“ ein weiteres filmisches Facelift, diesmal vom Frauen-Zweier Autumn de Wilde (Regie) und Eleanor Catton (Drehbuch). Das halbe Dutzend Adaptionen ist damit voll, die jüngste Version präsentiert sich so fröhlich wie frech, fast schon als Farce. Vorkenntnisse erhöhen das Vergnügen, sonst mag man beim Who is Who auf dem Figurenkarussell zunächst ein wenig verloren sein. Das stört indes nicht allzu viel, auch Austen-Dummies kommen auf ihre Amüsierkosten bei den diversen Eheanbahnungs-Versuchen der attraktiven, selbstbewussten sowie klugen Titelheldin. Zur flotten Dramaturgie gesellt sich visueller Einfallsreichtum sowie ein Ensemble mit spürbar großer Spielfreude – kaum verwunderlich bei jenen gut geschliffenen Dialogen der Literatur-Ikone Austen.

Webseite: www.facebook.com/EmmaFilm.DE

GB 2019
Regie: Autumn de Wilde
Darsteller: Any Taylor-Joy, Josh O’Connor, Gemma Whelan, Bill Nighy, Mia Goth, Callum Turner, Johnny Flynn
Filmlänge: 122 Minuten
Verleih: Universal Pictures International Germany GmbH
Kinostart: 5.3.2020

FILMKRITIK:

„Ich werde eine Heldin schaffen, die keiner außer mir besonders mögen wird“, orakelte Jane Austen einst bei „Emma“. Tatsächlich sollte sich diese Figur als eine ihrer erfolgreichsten Heldinnen erweisen. Hollywood strickte daraus die Teenie-Komödie „Clueless – Was sonst!“, Bollywood präsentierte eine indische Variation. Die Frauenquote bei den Verfilmungen war bislang gering, das ändern nun die neuseeländische Drehbuchautorin Eleanor Catton und die US-amerikanische Fotografin Autumn de Wilde, die ihr Regiedebüt für einen Kinofilm gibt – und hinter den Titel selbstbewusst einen Punkt!
 
Die Titelheldin gibt diesmal die argentinisch-britische Schauspielerin Any Taylor-Joy, die mit ambitionierten Horrorfilmen wie „The Witch“ oder „Split“ auf sich aufmerksam machte. „Handsome, clever, and rich“ lautet im Roman die Beschreibung der 21-jährigen Emma Woodhouse. Im Film kommen charismatisch und geheimnisvoll als weitere Eigenschaften hinzu. Mit üppigem Reichtum ausgestattet, vertreibt sich die junge Lady ihre Langeweile gerne als Kupplerin für potenzielle Heiratskandidaten. Ihr Wort hat Gewicht bei der Damenwelt im verschlafenen Dorf Highbury.
 
Aktuell möchte Emma ihre weniger vermögende Freundin Harriet Smith (Mia Goth) unter die Haube bringen. Mit dem Vikar Mr. Elton (Josh O’Connor) wäre ein geeigneter Kandidat gefunden, der attraktive Gottesmann indes scheint mehr an Emma interessiert. Die möchte von Heirat jedoch nichts wissen, sie kann es ja leisten: Im Unterschied zu den meisten Frauen ist Emma nicht auf einen wohlhabenden Gatten angewiesen, um sorglos leben zu können. Solche Unabhängigkeit erweist sich als Pech für George Knightley (Johnny Flynn), den Nachbarn und Gentleman, der seit Kindertagen mit Emma befreundet ist. Beide verstehen sich blendend. Doch während der eine schon lange die beste Freundin heimlich zur Herzensdame erkor, ahnt die andere ganz und gar nichts von solchen Gefühlen – schon bald könnte die letzte Chance dafür verspielt sein!    
 
Den quirlige Beziehungsreigen mit ziemlich starken Frauen und vorzugsweise tollpatschigen Männern inszeniert Autumn de Wilde mit visueller Virtuosität. Ihre Vergangenheit als Fotografin zeigt sichtliche Spuren beim stilistischen Konzept. Von den opulenten Kostümen und beindruckenden Prunk-Kulissen bis zur gesamten Farbgestaltung bieten sich wunderbare Bilderwelten zum Staunen. An solchen Schafen, hübsch drapiert auf grüner Wiese, den roten Kleidern oder dem Einsatz von Wasser hätte der frühe Peter Greenaway wohl sein Vergnügen. Ebenso wie am Soundtrack, der von ironischen Flötenklängen bis zu höchst ungewöhnlichen Chören reicht, und von den angesagten Komponisten Isobel Waller-Bridge und David Schweitzer geschrieben wurde.
 
In Sachen Sinn und Sinnlichkeit gönnt die Regisseurin ihren männlichen Mimen auffallend wenig schmeichelhafte Auftritte. Der einzige Nacktauftritt gerät zur Groteske als sich Mister Knightley stolpernd und mühselig sein klammes Kostüm anlegt. Ähnlich bemitleidenswert der Vater von Emma, der als schrulliger Hypochonder am liebsten vor dem Kamin kauert – und von Bill Nighy mit minimalistischer Perfektion höchst amüsant zum Besten gegeben wird. Dem Schauspiel-Veteranen steht die 23-jährige Titelheldin Any Taylor-Joy in Nichts nach. Nachdem Robert Eggers und M. Night Shyamalan sie für ihre Horrortrips bereits erfolgreich besetzten, überzeugt die argentinisch-britische Schauspielerin nun auch als romantische Heldin der selbstbewussten Art, an der Jane Austen wohl ihre Freude gehabt haben dürfte. Deren Prognose, dass außer ihr niemand diese Emma mögen würde, ist freilich einmal mehr widerlegt.
 
Dieter Oßwald