Enemy

Noch bevor er, ebenfalls mit Jake Gyllenhall in der Hauptrolle, den Erfolgs-Thriller „Prisoners“ drehte, widmete sich der kanadische Regisseur Denis Villeneuve der Adaption eines surrealen Romans von Nobelpreisträger José Saramago („Die Stadt der Blinden“). Die kafkaeske Inszenierung von „The Double“ ist ihm hervorragend gelungen: in eleganten wie enigmatischen Bildern erzählt er von einem Mann, der durch einen seltsamen Zufall in der eigenen Stadt auf seinen exakten Doppelgänger stößt – und an die Grenzen des eigenen Verstandes. „Enemy“ ist eine hypnotische Reise in die verwinkelten und widersprüchlichen Pfade des Psycho-Sexuellen.

Webseite: www.enemy-film.de

Kanada, Spanien 2013
Regie: Denis Villeneuve
Darsteller: Jake Gyllenhall, Mélanie Laurent, Sarah Gadon, Isabella Rossellini
Verleih: Capelight, Vertrieb: Central
Länge: 90 Min.
Start: 22.05.2014
 

PRESSESTIMMEN:

"…als hätten sich Franz Kafka, David Fincher und Alfred Hitchcock zur ultimativen Zuschauerverwirrung verschworen. In jeder Hinsicht phantastisch."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

In einem exklusiven Nachtclub kündigt sich das traumähnliche Setting des Gesamtfilms bereits an – ein seltsam entrückter Raum, in welchem eine Gruppe Männer in Anzügen gebannt den erotischen Bewegungen einer blonden Stripperin folgen, die unter einer goldenen Servierglocke eine Vogelspinne zum Vorschein bringt. Langsam bewegt sich diese über die Bühne, überschattet von den spitzen High-Heels der Frau, mit denen sie das Tier schließlich zertreten wird.
Das Gesicht eines Mannes, der seinen Blick nicht abwenden kann. Eine ebenfalls blonde und schwangere Frau, in einem anderen Raum, wartend.

Was zunächst nicht zuzuordnen ist, wird im Laufe der Handlung als variiertes Motiv immer wieder ins Spiel gebracht werden. Zunächst jedoch scheint es die Geschichte von Adam Bell (Jake Gyllenhaal) zu werden, einem farblosen und introvertierten Geschichtsprofessor an der Universität von Toronto. Während er seinen desinteressierten Studenten die Strukturen von Macht und Dialektik nahe zu bringen versucht, verstrickt er sich in seinen endlosen Tafelbildern in einem Labyrinth des Kontrollphantasmas, das fast schon in Paranoia kippt.

Die karge, leere Wohnung passt in das Gesamtbild des verschrobenen Eigenbrötlers, der den Annäherungsversuchen seiner schönen und blonden Freundin Mary (Mélanie Laurent) stets mit Distanz und Zurückweisung begegnet. Ein aufgezwungener Small-Talk mit einem Kollegen führt schließlich dazu, dass Adam sich auf dessen Empfehlung einen Film ausleiht, der ihn erheitern soll. Doch in seiner routinierten Suche nach übergeordneten Zusammenhängen wird er beim Betrachten der DVD auf ein verrücktes Detail aufmerksam: Einer der Statisten, der nur für Sekunden im Bild ist, sieht aus wie er. Google liefert den stichhaltigen Beweis – der drittklassige Schauspieler Anthony Claire (ebenfalls Jake Gyllenhaal) gleicht ihm bis aufs Haar.
Adam beginnt seine Agentur zu recherchieren und ihm zu folgen. Der arrogante Lebemann scheint charakterlich eher ein Gegenentwurf zu ihm zu sein, allerdings hat auch er eine blonde Freundin, zu der er ein angespanntes Verhältnis pflegt. Als die beiden Männer schließlich in Kontakt kommen, scheinen die Grenzen der Realität sich immer mehr aufzulösen.

Wer von Denis Villeneuve ein klassisches Mind-Game-Movie erwartet, wird eher enttäuscht werden, geht es doch weniger um eine vertrackte Narration, die sich zum Schluss in ein Aha-Erlebnis verwandelt, sondern um eine atmosphärische Reise in die Zerrissenheit der menschlichen Seele, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantworten möchte.

Insofern bewegt sich "Enemy" durchaus auf den Pfaden von Cronenberg und Lynch, was auch in der Besetzung von Sarah Gadon ("Cosmopolis") und Isabella Rossellini ("Blue Velvet")  beabsichtigt zu sein scheint. Die leider viel zu kurze Szene mit der Kult-Schauspielerin bildet so auch einen Schlüsselmoment, als sie von ihrem verwirrten Sohn aufgesucht wird, der sich vergewissern will, ob er möglicherweise einen Zwillingsbruder habe, doch die Begegnung stürzt diesen nur noch tiefer in die Angst. Sie habe nur einen Sohn und er nur eine Mutter, antwortet sie kühl und im Anschluss sehen wir ein gespenstisches, schmutziges Stadtbild von oben, durch das eine riesige Spinne watet. Äußerlich ist sie wohl nicht zufällig der berühmten Skulptur von Louise Bourgeoise nachempfunden, die sie "Maman" genannt hat – für die Künstlerin war die Spinne ein Symbol des Webens und des Schutzes, hier jedoch ist das Mütterlich-Weibliche Ausdruck einer Urangst, welche die männlichen Protagonisten in ihrer Abwehr der Intimität durch Versuche der Kontrolle immer wieder heimsuchen wird.

Ebenso wie das Eingangszitat aus dem Roman "chaos is order yet undeciphered" andeutet, gibt es, wie im psychisch Unbewussten, keine klare Verortung, alles ist mit allem verbunden und auch Widersprüche können koexistieren.
Villeneuve spinnt gelungen die Fäden eines alptraumhaften Soges in kunstvoll komponierten Bildern, deren unheimlicher Gelbton sich mit den Dissonanzen der begleitenden Streicher zu einem Netz aus spannungsvollen Abgründen verknüpft.

Silvia Bahl