Enklave

Nenad lebt mit seinem Vater in ärmlichen Verhältnissen in einer serbischen Enklave mitten auf dem Gebiet des Kosovo. Als eines Tages sein Großvater stirbt, und er für ihn ein passendes Begräbnis organisieren will, muss er sich hinter die feindlichen Linien begeben. Dort trifft er auf einen Kosovo-Jungen, der seit dem Kriegs-Tod des Vaters vom Hass auf alle Serben angetrieben wird. „Enklave“ ist ein eindringliches, unaufgeregt erzähltes Drama, das die Ereignisse aus der Sicht des Jungen schildert. Getragen wird der Film vor allem durch seine beiden enorm ausdrucksstarken, glaubhaft agierenden Jung-Darsteller.

Webseite: www.barnsteiner-film.de

Serbien, Deutschland 2015
Regie: Goran Radovanovic
Drehbuch: Goran Radovanovic
Darsteller: Filip Subaric, Denis Muric, Nebojsa Glogovac, Anica Dobra, Nenad Jezdic
Länge: 90 Minuten
Verleih: Barnsteiner-Film
Kinostart: 16.02.2017
 

FILMKRITIK:

Kosovo 2004, fünf Jahre nach dem Krieg: der zehnjährige Nenad (Filip Subaric) lebt mit seinem Vater in einer serbischen Enklave mitten im – überwiegend muslimischen – Kosovo. Tag für Tag chauffiert ihn ein Panzerfahrzeug der UN durch das zerstörte Gebiet in seine Schule, in der er mittlerweile der einzige Schüler ist. Gleichaltrige Freunde hat er nicht, worunter Nenad sehr leidet. Doch es wird noch schlimmer: Nenads geliebter Großvater stirbt. Der Junge wünscht sich nun nur noch eins für ihn: ein angemessenes Begräbnis. Deshalb macht er sich auf zu einer gefährlichen Reise hinter die feindlichen Linien, denn mit Hilfe der Muslime kann er an das gewünschte Begräbnis kommen. Kurz darauf trifft er auf den Hirtenjungen Baskim (Denis Muric), der seit dem Tod des Vaters im Krieg, alle Serben abgrundtief hasst. Es kommt zur Eskalation der Ereignisse.

„Enklave“ ist der zweite Spielfilm des serbischen Regisseurs Goran Radovanovic. Sein erstes Werk liegt bereits sieben Jahre zurück. In den letzten Jahren war er vor allem für als Drehbuchautor für andere Produktionen tätig. Mit „Enklave“ wollte Radovanovic das von Einsamkeit sowie religiösen und politischen Spannungen geprägte Leben in einer serbischen Enklave schildern. Eine Enklave ist ein Staatsgebiet, das vollständig auf dem Gebiet eines anderen Landes liegt. In einem solchem Gebiet spielt der Film, wobei es diese Enklave tatsächlich gab: ein kleiner Teil Serbiens war nach dem Krieg komplett vom Kosovo umschlossen.

Behutsam und in langen Einstellungen schildert Regisseur Radovanovic das Leben von Nenad in dem serbischen Teilgebiet, wobei er die Handlung aus der Sicht des kleinen Jungen erzählt. Als Zuschauer bekommt man einen guten, nachdrücklichen Eindruck vom Leben in einer solchen, vom eigentlichen Staatsgebiet abgeschnittenen Enklave. In einfachsten Verhältnissen mit seinem Vater in einem heruntergekommenen Haus lebend, besteht Nenads Alltag darin, sich von einem gepanzerten Fahrzeug zu seiner Schule – und wieder zurück – fahren zu lassen. In der Schule selbst steht – ungewollter – Individualunterricht auf dem Programm: er ist der einzige Schüler, weit und breit gibt es keine gleichaltrigen Spielgenossen. An seinem dünnen Leib trägt er immer dieselbe Kleidung: eine viel zu große, nur von einem Gürtel gehaltenen Hose und das Trikot eines ehemaligen serbischen Fußballstars. Auch in diesen kleinen Details macht der Film die Armut der Familie klar.

Soldaten und zerschossene Landstriche bestimmen Nenads Leben. Doch er kennt dies nicht anders, er ist so aufgewachsen. Vielmehr setzt es ihm zu, so allein zu sein. Die Trauer darüber fängt Radovanovic oft mit intimen Nahaufnahmen von Nenads Gesicht ein. Mit bedrückter Miene und melancholischem Blick beobachtet er durch den kleinen Schlitz des Panzerfahrzeuges aus, immer wieder zwei spielende Kosovo-Albaner. Wie gerne wäre er ihr Freund, wie gerne würde er einfach nur mit ihnen spielen und Zeit verbringen – all dies offenbart sich im Gesicht des Jungen.

Jungdarsteller Filip Subaric leistet als Nenad ganz Erstaunliches, vermag er doch in erster Linie durch seine Gestik und Mimik, Gefühle auszudrücken. Ihm gegenüber steht Denis Muric als muslimischer Kosovo-Albaner Baskim, der vom Hass auf alle Serben getrieben wird. Auch Muric überzeugt als hochemotionaler Junge, der – fatalerweise – bald an eine Schusswaffe gelangt. Die Szenen, wenn sich die beiden Jungen begegnen und Auge in Auge gegenüberstehen, gehören zu den intensivsten, stärksten des Films. Auf der einen Seite Baskim, mit der Waffe zum Äußersten bereit. Auf der anderen Nenad, der lediglich auf der Suche nach dem Pfarrer ist, um seinem Großvater eine würdige Bestattung zu ermöglichen. Stellvertretend stehen diese Zwei hier für den Konflikt zwischen Kosovo-Albanern und Serben.

Es kommt wie es kommen muss: die Ereignisse überschlagen sich und die Situation – auch in der Enklave selbst – droht vollständig zu eskalieren. Kurz vor Schluss aber siegt die Einsicht zum Fehlverhalten, bevor der Film mit Nenads Blick schließt. Einem – natürlich –  bekümmerten, nachdenklichen Blick.

Björn Schneider