Enter the Void

Gaspar Noé kehrt sieben Jahre nach „Irreversible“ mit einer neuen filmischen Provokation zurück. Sein experimentelles Drogendrama „Enter the Void“ entzieht sich den üblichen Beurteilungen und Bewertungskriterien. Nicht die Geschichte oder die Schauspieler stehen hier im Mittelpunkt, es ist vielmehr die Art der Präsentation, die für Aufsehen sorgt und die dem Zuschauer alles abverlangt. Trotz unübersehbarer Schwächen lohnt es sich, Noé auf seinem aberwitzigen „Bad Trip“ durch Tokio zu begleiten.

Webseite: www.wildbunch.biz

Enter the Void
F/I/D 2009
Regie: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
Schnitt: Marc Boucrot, Gaspar Noé
Darsteller: Paz de la Huerta, Nathaniel Brown, Cyril Roy, Olly Alexander, Masato Tanno
Laufzeit: 154 Minuten
Kinostart: 26.8.2010
Verleih: Wild Bunch /Central
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es gibt Filme, bei denen die üblichen Bewertungsmaßstäbe versagen, weil sie sich ganz einfach all unseren Sehgewohnheiten und den sonst gültigen Regeln der Filmkunst widersetzen. „Enter the Void“ ist so ein seltener Fall. Gedreht hat ihn Gaspar Noé, Frankreichs Regie-Enfant-terrible, der vor Jahren mit der exploitativen Rache-Meditation „Irreversible“ für einen Aufschrei des Entsetzens sorgte. Angesiedelt im bunten Neon-Lichtermeer Tokios folgt Noé dem jungen Oscar (Nathaniel Brown) auf einer alle Grenzen von Zeit und Raum, von Traum und Wirklichkeit, von Leben und Tod sprengenden Odyssee. Was man sich genau unter diesem Monster von einem Film vorzustellen hat, ist indes mit Worten nur schwer zu beschreiben.

Das erzählerische Gerüst von „Enter the Void“ lässt sich in drei Teile zerlegen, die – und das ist nur eine von vielen Besonderheiten dieses streitbaren Kunstwerks – mit einer jeweils anderen Sicht auf Oscar und seine Umwelt einhergehen. In der ersten halben Stunde nimmt der Film die Ich-Perspektive ein, vergleichbar der eines Ego-Shooters. Wir sehen die Welt durch Oscars Augen, wodurch er nahezu unsichtbar wird. Mit Ausnahme seiner Hände und einem kurzen Blick in den Spiegel bleibt er für uns ein Phantom. Oscar, der ab und an mit Pillen und Koks dealt, wird beim Besuch des „Void“, einer unter Süchtigen einschlägig bekannten Bar, von Polizisten erschossen. Das ist der Moment, in dem die Kamera sinnbildlich für Oscars Seele dessen Körper verlässt.

Aus der Vogelperspektive beobachten wir nun, wie Oscars zumeist ebenfalls abhängige Freunde und Bekannte auf die Nachricht von seinem Tod reagieren. Vor allem für seine Schwester Linda (Paz de la Huerta) ist Oscars Tod ein unermesslicher Schock. Beide verband seit dem tödlichen Unfall der Eltern ein ganz besonders Band. Schon als Kinder haben sie einen Pakt geschlossen und sich versprochen, den jeweils Anderen niemals im Stich zu lassen. Das ist wohl auch der Grund, warum Oscar selbst nach seinem Tod über ihr Leben wacht. Die Rückblenden, die Oscar stets von hinten zeigen, bilden die dritte und letzte Säule von „Enter the Void“.

Während das, was Noé zu erzählen hat, sich zugegeben kaum von anderen tragischen Familien- und Drogengeschichten unterscheidet, ist die Art und Weise, die Hülle, mehr als außergewöhnlich. Oscars von Drogen verzerrte Wahrnehmung führt anfangs zu den abenteuerlichsten Farb- und Lichtspielereien. Zusammen mit der ohnehin bereits grellen, unwirklichen Neonkulisse der japanischen Hauptstadt entsteht so ein bizarr-bunter Albtraum, der immer wieder von psychedelischen Mustern und Stroboskop-Blitzen unterbrochen wird. Später dann, wenn Oscars Seele über das unendliche Lichtermeer hinwegschwebt, scheint sich der Film endgültig von den Gesetzen der Schwerkraft und des Erzählens zu lösen.

Noé liebt die Provokation und so dürfen recht graphische Sex- und Gewaltszenen auch in „Enter the Void“ nicht fehlen. Gerade zum Ende schießt er dabei jedoch über das Ziel hinaus, was ihm in Cannes Buhrufe und Gelächter der anwesenden Journalisten einbrachte. Dass sein Film mit einer Laufzeit von über zweieinhalb Stunden die Geduld des Zuschauers zudem auf eine harte Probe stellt, scheint ebenfalls Teil des Noé’schen Kalküls zu sein. Dank seiner sämtliche Konventionen missachtenden Präsentation – der Film besteht mit Ausnahme der Rückblenden im Grunde aus einer einzigen, langen Einstellung – fällt das Ergebnis trotz aller fühlbaren Distanz und Kälte gleichwohl atemberaubend aus. Noé wagt hier ein Love-it-or-Leave-it-Experiment, dem jederzeit ein Scheitern innewohnt.

Marcus Wessel